Handball: Gummersbach greift in der Bundesliga an | ABC-Z

Bei einem Begriff wirkt Christoph Schindler im Gespräch empfindlich getroffen: Ausbildungsverein. Gemeint war es in dem Sinne, dass der VfL Gummersbach zu einem Klub geworden ist, dessen Trainer und dessen Spieler längst für deutsche und internationale Spitzenklubs interessant sind. Doch Schindler will den Begriff eher so verstanden wissen, dass der VfL schon eine Topadresse ist, weil er so viele Nationalspieler ausgebildet hat. „Wir wissen, dass wir Begehrlichkeiten geweckt haben“, sagt der Geschäftsführer des Handball-Bundesligaklubs, „aber inzwischen können wir finanziell teilweise mithalten und auch sportlich eine Perspektive bieten.“
Seit acht Jahren leitet Schindler die Geschicke des Traditionsvereins. Er kennt es noch, dass große Namen den Klub verließen: Patrick Wiencek, Julius Kühn, Raul Santos, Simon Ernst. Weil es für sie beim VfL nicht weiterging – weder beim Gehalt noch in der Tabelle. Nun zählt Schindler auf, welche Verträge der VfL verlängert hat: Da sind zuvorderst die deutschen Nationalspieler Miro Schluroff, Tom Kiesler und Mathis Häseler, die sich langfristig an den VfL gebunden haben. Auch der Isländer Ellidi Vidarsson bleibt bis 2029. Die Qualitäten des Kreisläufers sah man gerade erst beim spektakulären 34:26 des VfL am Samstag in Kiel, als er neun Tore warf. Schindler sagt: „Wir sind also weit weg von einem Ausbildungsverein.“
Attraktivität des Klubs
Allerdings, und das fügt er von sich aus an, gehe in Julian Köster der „wichtigste Spieler“. Er wird die Oberbergischen im Sommer Richtung Kiel verlassen. Das ist ein schmerzhafter Abgang der Symbolfigur des Gummersbacher Aufstiegs. Doch auch hier verweist Schindler darauf, dass Nationalspieler Köster seinen Kontrakt beim VfL zunächst im Sommer 2023 noch einmal um ein Jahr bis 2026 verlängert hatte – er hätte auch schon 2025 gehen können. „Wir wollen seine Rolle auf mehrere Schultern verteilen, dazu wird auch Miro Schluroff gehören.“
Nach Siegen gegen Flensburg (33:26) und nun in Kiel rennen die Fans dem VfL die Bude ein. Leider sind nicht mehr als 4132 Plätze zu besetzen in der Schwalbe-Arena. „Wir haben bezogen auf die Hallengröße nicht die Möglichkeiten der anderen“, sagt Schindler, „uns fehlt ein Drittel des Etats, den andere durch Zuschauereinnahmen erzielen. Deswegen suchen wir alternative Geschäftsmodelle.“ Schmerzhafte Abgänge wie der des kroatischen Stammtorwarts Dominik Kuzmanovic zum SC Magdeburg lassen sich nicht immer verhindern.
Selbstverständlich wird die Partie am Donnerstag gegen den TBV Lemgo ausverkauft sein. Dass dann zwei Teams mit deutlich deutschem Anstrich und Champions-League-Ambitionen gegeneinander spielen, verleiht dem Duell zusätzlichen Reiz. So nah war der VfL in der Handball-Neuzeit nie an der Meisterklasse, die Schindler im Werben um noch größere Namen als „notwendig“ bezeichnet: „Die Jungs wollen in der Champions League spielen. Darüber diskutierst du mit den Topspielern.“
Doch schon jetzt können die Gummersbacher ohne jeglichen Verweis auf Handball-Romantik und zwölf Meistertitel zwischen 1966 und 1991 punkten – mit ihrer Entwicklung, der stimmungsvollen Arena und Trainer Gudjon Valur Sigurdsson, der als Bessermacher gilt. Er wurde schon in Kiel und Paris gehandelt.
Die Attraktivität des VfL sah man 2024, als der französische Weltmeister Kentin Mahé zum VfL kam. Allerdings blieb sein Fußabdruck klein. Mehr Einfluss erhofft man sich von einem Spanier. Von der Spielzeit 2026/27 an wird Alex Dujshebaev für die Gummersbacher auflaufen. Da ist dem VfL ein Coup gelungen. „Er wird uns mit all seiner Erfahrung sofort helfen“, sagt er. Der wurfstarke Linkshänder kommt aus Kielce, ein Profi aus der obersten Kategorie.
Wo Berlin einen Gidsel, Flensburg einen Pytlick, Magdeburg einen Kristjansson und Kiel (bald) einen Köster hat, hält der VfL mit den Großen mit und präsentiert Dujshebaev. „Wir wollen die Lücke zu den Top Vier kleiner werden lassen“, sagt Schindler, „davon sind wir nicht mehr weit entfernt.“ Um den Mix aus Alt und Jung im Kader zu bewahren, war der VfL so früh und so energisch am hochtalentierten Schweden Nikola Roganovic (19) dran, dass auch er im Sommer kommen wird; ein Spieler, den europäische Topadressen jagten.
Christoph Schindler setzt bei allem Eigennutz einen bundesweiten Hebel an: „Als Sportart Handball müssen wir uns umschauen. Da sind NBA und NFL, die uns Konkurrenz machen, da sind Formate wie die Baller League, Basketball 3 × 3 oder Darts. Es reicht nicht mehr, die Halle aufzuschließen und Würstchen zu verkaufen. Das ist ein Appell an alle.“
Zu moderner Klubführung gehört für den VfL, auf der Job-Plattform „LinkedIn“ voranzugehen und neuerdings in Videoformaten aus dem Innenleben des VfL als Teil einer klar definierten Kommunikationslinie zu berichten. Moderne Medienarbeit, Daten-Digitalisierung, E-Commerce: „Wir wollen da einer der Vorreiter sein“, sagt der 42 Jahre alte Geschäftsführer. Er deutet an, ohne ins Detail zu gehen, dass in den nächsten Wochen strategisch wichtige Entscheidungen anstünden und neue, große Partnerschaften verkündet würden: „Wir werden mutig in die Zukunftsfähigkeit des VfL investieren.“ Man darf also gespannt sein, welche Schlagzeilen es demnächst aus Gummersbach geben wird. Sportlich, aber auch weit darüber hinaus.





















