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Hamburg vom Wasser aus entdecken | ABC-Z

Hamburg ohne Hafen ist wie Italien ohne Pasta. Wer die Hansestadt wirklich verstehen will, muss an die Elbe. Am besten steigt man dafür gleich an der legendären St. Pauli Landungsbrücke 10 auf ein Schiff der Maritimen Circle Line. Dort starten regelmäßig die Hop-on-Hop-off-Hafenrundfahrten – ein schwimmendes Liniennetz, das nicht nur Seeluft, sondern auch Geschichte und Geschichten transportiert.

Die Barkasse löst sich vom schwimmenden Anleger. Der Blick schweift zurück: Möwen kreischen über den Dächern der Souvenirshops, die Schiffsglocke am Pegelturm schlägt halbstündig den Takt – und schon gleitet das Boot hinaus in das lebendige Pano­rama des Hafens. Zwischen Containerriesen, Schleppern und Barkassen wird schnell klar: Hamburg ist eine Stadt, die atmet, lebt und pulsiert im Rhythmus der Tide.

An der Station Deutsches Hafenmuseum wartet ein ganz besonderer Höhepunkt: die Viermastbark Peking. Der 115 Meter lange Frachtsegler der berühmten „Flying P-Liner“-Flotte wurde zwischen 2017 und 2021 aufwendig restauriert und ist heute ein schwimmendes Denkmal.

Der Guide heißt Fiete – ein jung gebliebener Rentner mit norddeutschem Humor. Eigentlich wollte er Schiffbau studieren, wurde dann Ingenieur der Gerätetechnik. Doch seit er vor einigen Jahren den Film über den Untergang der Pamir sah, hat ihn die Sehnsucht nach den großen Windjammern nicht mehr losgelassen. Eine Woche durfte er selbst einmal auf dem Schwesterschiff Padua mitsegeln – „das prägt ein Leben lang“, sagt er und lacht.

Fiete führt seine Gäste übers Deck, wo die Ankerkette mit 200 Metern Länge und zehn Tonnen Gewicht ruht. Er erklärt, wie die 32 Segel der Peking eine Fläche von 4200 Quadratmetern spannten und wie das Schiff mit bis zu 17 Knoten über den Südatlantik pflügte. „Eine Hand fürs Schiff, eine für dich selbst“, mahnt er, ganz wie die Seeleute vor mehr als 100 Jahren. Man erfährt, wie die Peking von Chile das „weiße Gold“ – Salpeter – nach Europa brachte. Ganze 60.000 Säcke wurden damals in mühsamer Handarbeit verladen. Zwei Reisen pro Jahr, sechs bis acht Wochen pro Passage um das berüchtigte Kap Hoorn. Fiete zeigt auf die hohe Reling: „30 Grad Schräglage, zehn Meter Wellen – da musste jeder Handgriff sitzen.“

Die Führung macht das Schiff lebendig. Das Team der ehrenamtlichen Guides habe das Sicherheitsnetz vorne am Bugspriet von Hand selbst geknüpft. Man spürt Fietes Leidenschaft und Fachkenntnis für dieses Segelschiff. Beim Betreten des Salons mit Täfelungen aus Mahagoni und Vogelaugenahorn, liegt plötzlich nicht nur Holzgeruch in der Luft, sondern auch ein Stück Weltgeschichte.

Noch ein kurzer Abstecher ins Deutsche Hafenmuseum, beziehungsweise in das Schaudepot im sogenannten 50er Schuppen im Hansahafen, in dem authentisch im Lagerhallenstil die vielfältigsten historischen Gegenstände präsentiert werden. Es gleicht mehr einem Wimmelbild denn einem Museum. Ein innovativer Neubau des Deutschen Hafenmuseums soll demnächst im neuen Stadtteil Grasbrook entstehen.

Zurück auf dem Ausflugsschiff geht die Fahrt weiter. Vorbei an der HafenCity ragt sie bald auf: die Elbphilharmonie. Wellenförmige Glasfassaden glitzern im Sonnenlicht, während das alte Backsteinfundament des Kaispeichers A von Hamburgs Handelstradition erzählt. 80 Meter führt die längste gebogene Roll­treppe der Welt hinauf zur Plaza – und oben öffnet sich ein imposantes 360-Grad-Panorama. Doch selbst wer nur an der Elphi vorbeifährt, versteht: Dieses Gebäude ist Hamburgs moderner Leuchtturm, eine Brücke zwischen Tradition und Zukunft.

Die Barkasse schiebt sich in die Fleete der Speicherstadt. Rote Backsteingotik spiegelt sich im Wasser, Türmchen und Giebel werfen geheimnisvolle Schatten. Hier lagerten einst Kaffee, Kakao und Teppiche – heute zieht das Miniatur Wunderland Millionen Besucher an. Ein Hauch von Abenteuer liegt in der Luft, wenn man sich vorstellt, wie Barkassen schon vor mehr als 100 Jahren durch die Kanäle manövrierten.

An der Überseebrücke wartet der „weiße Schwan des Südatlantiks“. Die Cap San Diego, 1961 gebaut, ist das weltweit größte fahrbereite Museumsschiff. Im Gegensatz zur Peking steht hier nicht der Wind, sondern Dieselkraft im Mittelpunkt. Ein Rundgang führt von der Kommandobrücke bis in den Maschinenraum. Dort riecht es noch immer nach Öl und Eisen, und man spürt, wie hart die Arbeit auf den Frachtern war, lange bevor Con­tainer den Transport standardisierten. Seit 2025 ergänzt eine neue Dauerausstellung das Erlebnis: multimedial, lebendig, voller Geschichten von Ma­trosen, Technik und globalem Handel.

Besonders reizvoll: Man kann an Bord sogar übernachten. Originalkabinen, von der Einzelkabine mit einer Koje über die Offizierskabine bis zur Kapitänskajüte, lassen die Zeit der großen Überseereisen wieder aufleben. Und manchmal heißt es noch heute: „Leinen los!“, wenn die Cap San Diego für eine Ausfahrt den Hamburger Hafen verlässt. Nach rund zwei Stunden – sofern man nicht für Besichtigungen das Schiff verlassen hätte, was aber sehr schade gewesen wäre – schließt sich der Kreis: Die Barkasse macht, nach einer kleinen Reise durch Zeit und Raum, wieder an Brücke 10 fest.

Hamburg hat viele Gesichter: die mondäne Elbphilharmonie, die nostalgische Speicherstadt, die majestätische Peking und die stolze Cap San Diego. Doch gemeinsam erzählen sie eine einzige große Geschichte – die einer Stadt, die seit Jahrhunderten vom Wasser lebt und vom Wasser träumt.

Wer hier an der Waterkant steht, spürt die salzige Brise, hört das Rufen der Möwen und weiß: Das maritime Hamburg ist mehr als nur Kulisse. Es ist Herzschlag, Sehnsucht und ein Versprechen auf neue Abenteuer.

Die Recherche wurde von Hamburg Tourismus (Hamburg Marketing GmbH) unterstützt.

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