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Haag: Damit aus einer Legehenne kein Suppenhuhn wird – Freising | ABC-Z

„Wenn sie das erste Mal raus in die Sonne dürfen, die Flügerl ausstrecken, im Sand baden und die Augen zumachen vor Wonne – das ist das Berührendste. Das mitzuerleben, ist für mich ein Segen.“ Christina Huf hält seit 20 Jahren Hühner. In ihrem Garten in Haag im Landkreis Freising hat sie ein kleines Paradies für sie geschaffen, mit viel Platz, einem kuschligen Stall, Gras und Sandbad.

Ein Hahn und zehn Hühner haben hier ihr Zuhause, darunter einige aus Legebatterien. Sie seien Elendshäufchen mit Federn dran, erzählt Huf. „Die Kämme und Schnäbel sind bleich, da sind keine Lebensgeister in den Hühnern. Aber wenn sie dann zum ersten Mal auf Einstreu stehen und anfangen, rumzuscharren und zu picken, sieht man, wie stündlich mehr Lebensgeister zurückkommen.“

Weil in der Enge der Ställe kein Sozialverhalten möglich ist, rupfen die Legehühner sich selbst und gegenseitig oft das Gefieder aus. Tierhilfe München

Niemand kann alle der mehr als 51 Millionen Legehennen retten, die laut Bundeslandwirtschaftsministerium in deutschen Ställen leben. Auch nicht die gut 60 Prozent, die in Bodenhaltung leben und nach einem guten Jahr geschlachtet werden, weil dann die Legeleistung nachlässt. Doch für ein paar von ihnen gibt es eine zweite Chance –geboten von Menschen, die sich deutschlandweit in Initiativen und Vereinen für ausrangiertes Federvieh engagieren.

Christine Schlicht von der Tierhilfe München ist eine von ihnen. Seit fünf Jahren rettet sie mit dem kleinen Verein ausgemusterte Legehennen vor der Schlachtung und vermittelt sie an gute Plätze. Da sei man so hineingestolpert, erzählt sie, normalerweise kümmert sich die Tierhilfe um gängige Haustiere wie Hunde und Katzen. Aktuell werden wieder Paten und Patinnen gesucht, Mitte April kommen die nächsten 500 ausgemusterten Hennen.

Normalerweise vermittelt Christine Schlicht von der Tierhilfe München Hunde und Katzen, einige Male im Jahr aber auch Legehennen.
Normalerweise vermittelt Christine Schlicht von der Tierhilfe München Hunde und Katzen, einige Male im Jahr aber auch Legehennen. Marco Einfeldt

Seit fünf Jahren hat die Tierhilfe München Vereinbarungen mit einigen Eierproduzenten aus der Region München: Vor der Aufstallung, so heißt der Belegungswechsel in den Legebatterien, erhält der Verein von den Betreibern Bescheid und kann Plätze für die Hennen suchen. Die Identität der Betriebe hält man geheim, es sollen nicht ausgerechnet die ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden, die ihren Tieren ein Weiterleben ermöglichen. „Es geht uns auch nicht darum, den Landwirt als Person an den Pranger zu stellen, der ist auch nur gefangen im System. Wir kritisieren die Haltungsform an sich“, betont Christine Schlicht.

Wer Legehennen aufnehmen will, muss – wie bei anderen Haustieren – eine Platzkontrolle akzeptieren. Denn die Hühner sollen es in ihrem zweiten Leben schön haben: mit Auslauf, einem Tierarzt bei Bedarf, Artgenossen und gutem, reichlichen Futter.

Christina Huf mit Teilen ihrer Hühnerschar. Die Weißen und Braunen kommen aus Legebatterien.
Christina Huf mit Teilen ihrer Hühnerschar. Die Weißen und Braunen kommen aus Legebatterien. Marco Einfeldt

„Das sind besondere Tiere mit besonderen Bedürfnissen“, warnt Schlicht: „Die Hennen sind sehr oft in einem erbärmlichen Zustand, manche fast nackt.“ Vor allem jene, die aus Bodenhaltung kommen; hier sind bis zu neun Hühner auf einem Quadratmeter erlaubt. Gibt es mehrere Ebenen, sind es sogar 18 pro Quadratmeter. „Dazu haben sie Nullkommanull Beschäftigungsmöglichkeiten, Sozialverhalten ist nicht möglich, deswegen rupfen sie sich oder gegenseitig die Federn aus“, erklärt die Tierschützerin.

Kommen die Hennen im Winter oder Frühling zum ersten Mal in die Freiheit, empfiehlt sie das Tragen eines Hühner-Pullis, weil sie ohne Federn frieren. Tiere aus Bodenhaltung bekämen in der Regel nie Tageslicht zu sehen, das einzige Mal vielleicht auf dem Weg zum Schlachthof, sagt Christine Schlicht.

Die Tiere erholen sich meist schnell, bei ihrem ersten Auslauf bekommen sie wegen des fehlenden Federkleids Pullis angezogen.
Die Tiere erholen sich meist schnell, bei ihrem ersten Auslauf bekommen sie wegen des fehlenden Federkleids Pullis angezogen. Tierhilfe München
Mit der Zeit wachsen auch die Federn nach.
Mit der Zeit wachsen auch die Federn nach. Tierhilfe München

Die auf maximale Legeleistung gezüchteten Hybridhühner legen auch im zweiten Leben möglichst jeden Tag ein Ei. Deshalb haben sie laut Schlicht einen sehr hohen Nährstoffbedarf, brauchen besonders eiweißreiches Futter und viel Kalzium. Auch leben sie oft nur drei bis fünf Jahre, im Gegensatz zu normalen Hühnern, die bis zu zehn Jahre alt werden können.

Dass der Verzicht auf Eier aus Bodenhaltung ein erster Schritt in Richtung Tierwohl wäre, bestreitet Christine Schlicht nicht. Aber, sagt sie: „Man darf das auch nicht überschätzen. Die Eier aus Bodenhaltung gehen in die Nudeln, die Backwaren, den Export. Da ist schon die Politik gefragt.“

Christina Huf (links) und Christine Schlicht kennen sich. Auch beim nächsten Mal wird Huf zwei ausgemusterte Legehühner aufnehmen.
Christina Huf (links) und Christine Schlicht kennen sich. Auch beim nächsten Mal wird Huf zwei ausgemusterte Legehühner aufnehmen. Marco Einfeldt

Der Tierschutzskandal voriges Jahr im Geflügelschlachtbetrieb Buckl in Wassertrüdingen im Landkreis Ansbach hat ein Schlaglicht auf die sonst wenig beachtete Eierproduktion geworfen. Eine Tierrechtsorganisation hatte im Frühjahr 2025 heimlich gefilmte Videoaufnahmen veröffentlicht, die massive Quälereien dokumentierten und zur Schließung des Betriebs führten.

Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft Ansbach Strafbefehle gegen sieben Schlachthof-Mitarbeiter beantragt. Für die Legebetriebe ist die Stilllegung bis heute ein Problem, Buckl war mit 60 000 geschlachteten Tieren am Tag einer der Großen im süddeutschen Raum. Derzeit werden deshalb viele ausrangierte Legehennen nach Polen zum Schlachten transportiert. Vor einigen Tagen kündigte die TLC Landgeflügel GmbH aus Massing im niederbayerischen Landkreis Rottal-Inn an, einen neuen Schlachtbetrieb zu eröffnen.

Für die 500 Hennen, die Mitte April aus einem Betrieb im Münchner Umland kommen, wird das Leben aber weitergehen. Wer eines adoptieren will, sollte sich baldmöglichst bei der Tierhilfe München melden. Auch die Schar von Christina Huf wird dann wieder Zuwachs erhalten.

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