Grafing: Lesewettbewerb begeistert Kinder und Eltern – Ebersberg | ABC-Z

Überall wird beklagt, dass die Lesekompetenz kontinuierlich abnimmt. Ein Viertel der bayerischen Neuntklässlerinnen und Neuntklässler verfehlt inzwischen den Mindeststandard. Und doch zeigt dieser Wettbewerb: Wenn das Feuer erst einmal entfacht ist und aus Lesefähigkeit Lesefreude wird, dann ist erstaunlich viel möglich.
Gemütlich war es an diesem Montag in der Stadtbücherei Grafing. Fast dreimal so viele Zuhörerinnen und Zuhörer wie Vorlesende waren gekommen: Eltern, Großeltern, Freundinnen, Geschwister. 14 Kinder standen nacheinander auf der großen Bühne, ein Mikrofon in der Hand, den Countdown im Blick. Mal tasteten sie sich mit leisen Worten in den Raum vor, mal erfüllten sie ihn mit Nachdruck, wechselten Tempo und Tonlage, ließen Figuren mit verstellten Stimmen lebendig werden.
Die fünfköpfige Jury bestand aus Lehrkräften, Bibliotheks- und Kulturschaffenden, die unterschiedliche Kriterien gegeneinander abwägen mussten. Vor allem die Interaktion mit dem Publikum habe gezählt – die Fähigkeit, den Funken überspringen zu lassen, erklärte Peter Hölzer, Sachgebietsleiter für Familie und Kultur der Stadt Ebersberg.
Gelesen wurde alles, was junge Literatur zu bieten hat: griechische Mythologie, dystopische Zukunftsvisionen, chaotische Tagebücher und berührende Familiengeschichten. Es wurde gelacht, geschluckt, gebannt gelauscht.
Es gewann schließlich Gideon vom Humboldt-Gymnasium – denkbar knapp, wie die Jury betonte, denn in diesem Jahr habe jedes Kind auf hohem Niveau vorgelesen. Gideon hatte mit „Projekt Mimesis“ sein Lieblingsgenre gewählt, eine Mischung aus Fantasy, Action und Krimi. In der zweiten Runde, in der ein Fremdtext zu bewältigen war, las er selbst Wörter wie „Halbschwergewicht“ oder „Uppercut“ mühelos vom Blatt. Bei der Siegerehrung erzählte Gideon stolz: „Meine Lehrerin hat dauernd gesagt: Du musst dich noch anmelden! – Da meinte ich: Hab ich doch schon längst gemacht.“
Mit „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner, den Veranstalterin Daniela Molle-Thiel als Fremdtext bestimmt hatte, betrat ein alter Bekannter die Bühne. Der Klassiker führte die Kinder zunächst in eine andere Zeit; Wortwahl und Tonfall klangen ungewohnt, fast ein wenig sperrig. Doch gerade aus dieser Reibung entstand Komik. Tim las die Szene, in der Emil seine Mutter beim Abschied aufzieht, mit solchem Witz, dass der Saal in Gelächter ausbrach – und sicherte sich damit den dritten Platz. Bereits in seinem selbst gewählten Text „Sommer mit Opa“ hatte der Schüler der Dominic-Brunner-Realschule Poing für heitere Stimmung gesorgt. Er lese gern seiner Mutter zum Einschlafen vor, erzählte er.
Auch Annie vom Max-Mannheimer-Gymnasium Grafing stand am Ende mit einer Urkunde auf der Bühne: zweiter Platz. Sie hatte aus „Animox: Das Heulen der Wölfe“ von Aimée Carter gelesen, obwohl ihr Lieblingsautor eigentlich Walter Moers ist. „Das hätte vielleicht nicht ganz gepasst“, sagte sie schmunzelnd. Mit eindringlichem Blick und dramatischer Stimme zog sie Jury und Publikum gleichermaßen in ihren Bann. Im Saal war es so still, dass selbst das Knistern eines Bonbonpapiers störend wirkte.
Die Emotionen der Kinder zeigten sich jedoch nicht nur zwischen den Buchdeckeln und Anführungszeichen. Als sie nach ihren Auftritten von der Bühne stiegen, grinsten sie zu ihren Eltern hinüber, klatschten sich gegenseitig ab, flüsterten sich Mut für die zweite Runde zu. Beim Lesen des Fremdtexts lösten sie einander zeilenweise ab, übergaben mit dem Finger das Wort, an dem der Nächste einsetzte – ein kleines Ritual der Gemeinschaft.
In der Pause bei Kaffee und Kuchen kamen schließlich die Erwachsenen ins Gespräch. Sie erzählten von Kinderzimmern, in denen spätabends noch Licht brannte – unschlüssig, ob sie das Buch wegnehmen sollten. Währenddessen streiften die Bücherfreunde durch die Bibliothek, auf der Jagd nach neuen Schätzen.
Lesen gilt vielen als aus der Mode gekommen. Nach diesem Nachmittag jedoch darf man daran zweifeln. Für Gideon geht es nun weiter zum Regionalentscheid – und mit etwas Glück im Sommer zum Finale nach Berlin. Welch weite Welten sich auftun, wenn man liest. Und wie sehr das verbindet.





















