Goldener Bär für den deutschen Film „Gelbe Briefe“ | ABC-Z

Ein großer Abend für den deutschen Film. Bei der Bärenvergabe wurden gleich zwei deutschsprachige Filmproduktionen ausgezeichnet. Der wichtigste Preis, der Goldene Bär, ging an „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak. Es gab in den 75 vorherigen Berlinalen überhaupt nur fünf deutsche Produktionen, die den Hauptpreis ergattern konnten. Zuletzt gelang das Fatih Akin 2004 mit „Gegen die Wand“, jetzt gelingt es wieder einem deutschen Regisseur mit türkischen Wurzeln.
Und für ihre Darstellung in „Rose“ erhielt Sandra Hüller den Silbernen Bären für die beste Darstellung in einer Hauptrolle. Fast auf den Tag genau 20 Jahre nach ihrem ersten Bären für ihren allerersten Film „Requiem“. 2006 gab es gleich drei Silberne Bären für deutsche Schauspieler (die anderen beiden gingen an Moritz Bleibtreu und Jürgen Vogel). Seither konnte das deutsche Kino nie wieder so triumphieren. Bis zu diesem denkwürdigen Abend im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz.
Die deutschen Beiträge waren Highlights im Wettbewerb
Çatak erzählt eigentlich eine rein türkische Geschichte: von einem intellektuellen Ehepaar, das die Regierung kritisch sieht und dafür angeklagt und unter Druck gesetzt wird. Ein Druck, der sie isoliert und auch zunehmend auseinanderbringt. Aber mit einem einfachen Mittel bringt Çatak diese Geschichte dem Zuschauer ganz nahe: Weil er in Deutschland gedreht hat, mit Berlin als Ankara und Hamburg als Istanbul. Und schon darf und muss man sich fragen, wie schnell auch unsere demokratische Gesellschaft ausgehöhlt und die unabhängige Justiz als willfähriges Instrument der Politik herhalten könnte.

Beste Darstellung in einer Hauptrolle: Sandra Hüller in „Rose“.
© Piffl Medien | Row Pictures
„Das Lehrerzimmer“ durfte Çatak vor drei Jahren nur im Panorama zeigen, was damals niemand verstanden hat, weil der Film es dann ja bis zur Oscar-Nominierung gebracht hat. Dass „Gelbe Briefe“ nun im Wettbewerb lief, war so etwas wie eine Wiedergutmachung. Und dann konnte der Berliner Filmemacher gleich den Hauptpreis einstreichen.
Um Nationalitäten sollte es in Wim Wenders’ Jury nicht gehen
Aber auch Sandra Hüller darf sich freuen. In „Rose“ spielt sie eine Frau, die im Dreißigjährigen Krieg vorgibt, ein Mann zu sein, um nicht von Soldaten vergewaltigt zu werden, und die dann als falscher Mann ein besserer Mensch ist, weil sie als Bauer ihre Mägde und Knechte gut entlohnt. Die im Harz gedrehte österreichisch-deutsche Koproduktion von Markus Schleinzer ist dabei natürlich auch ein starker Spiegel zum heutigen Diskurs über Rollen- und Geschlechterbilder.
Für ihre einmal mehr grandiose Leistung wurde die 47-Jährige von Anfang an als beste Schauspielerin gehandelt. Aber im selben Atemzug immer gesagt, dass sie ja schon einen Silberbären zu Hause stehen habe. Es ist schön, dass die internationale Jury sich nicht davon hat beeinflussen lassen. Denn die Hüller trägt den Film in jeder Szene, es ist genau die richtige Kategorie, um ihn auszuzeichnen.

Nun war mit Wim Wenders ein deutscher Filmemacher der Jurypräsident. Da könnte es gleich wieder Kritteler geben, die darin ein Geschmäckle sehen. Aber der 80-Jährige stellte gleich zu Beginn, auch im Interview mit unserer Zeitung, fest, dass es in der Jury um alles gehen solle, nur nicht um Nationalitäten.
Gleich drei strahlende Sieger für „Queen at Sea“
Und tatsächlich waren die deutschsprachigen Beiträge auch Highlights in einem eher mauen Wettbewerb, der zwar zum Ende des Festivals hin noch etwas zulegen konnte, aber doch auch viele Nieten bot: ein finnischer Horrorfilm, ein australischer Western und ein japanischer Anime, Genrefilme, die zwar eine große Bandbreite des Kinos abbilden, aber doch nicht überzeugen konnten und eigentlich nichts im Wettbewerb zu suchen hatten. Die Jury hat sie denn auch ignoriert. Und die wenigen herausragenden Produktionen hervorgehoben.

Sandra Hüller mit dem Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in „Rose“.
© Sebastian Christoph Gollnow/dpa | Sebastian Christoph Gollnow
Dazu zählt auch das britische Drama „Queen at Sea“ um eine demente Frau, die von ihrem Mann liebevoll gepflegt wird, der aber in Konflikt mit seiner Stieftochter gerät. Die wurde von Juliette Binoche gespielt, die als große Konkurrentin von Sandra Hüller gehandelt wurde (und wie sie auch schon Bärensilber gewann). Binoche hat aber gleich im Interview erklärt, gegen Hüller zu verlieren, sei keine Niederlage. Der Film von Lance Hammer wurde dennoch geadelt: Er bekam den Preis der Jury. Und dann ging der Bär für die beste Nebendarstellung auch noch gemeinsam an Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay, die das alte Ehepaar spielen. Sodass es gleich drei strahlende Sieger gab.

Wurden gemeinsam als beste Nebendarsteller ausgezeichnet: Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay in „Queen at Sea“.
© © Seafaring LLC | © Seafaring LLC
Nach den eher absonderlichen Preisvergaben der vergangenen Jahre, die so manchen ratlos zurückließen, heben diese Bären wirklich die Stärken des Wettbewerbs hervor. Der Große Preis der Jury an den türkischen Beitrag „Kurtuluş“ von Emin Alper mag vielleicht verwundern, ist aber ein interessanter Spiegel zu Çataks Film, geht es hier doch um eine ganz andere, ländliche Türkei, in der noch Ressentiments, Blutrache und veraltete, überkommene Gesetze herrschen.

Dass „Everybody Digs Bill Evans“ etwas bekommt, darauf hätte man wetten können, weil Wenders ein großer Musikfan ist und dieser Film ein starkes Drama über einen Jazzmusiker, der am frühen Tod einer seiner Musiker zerbricht. Dafür gab es den Regiepreis an Grant Gee, der das, genau wie Schleinzer in „Rose“, in starken, expressiven Schwarz-Weiß-Bildern erzählt. Ein Format, in dem kaum noch gedreht wird, das hier aber gleich doppelt gewürdigt wird.
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Auch wenn das diesjährige Programm nicht durchweg überzeugen konnte: Mit dieser Preisvergabe kommt es doch an ein gutes Ende. Und Çatak, der bei „Das Lehrerzimmer“ noch beklagte, dass man seinen Namen oft falsch ausspreche und er ignoriert werde, steigt nun gänzlich in den Olymp auf. Mit dem Bärengold, das erst sechs deutsche Regisseure vor ihm entgegennehmen konnten: Robert Siodmak 1955 für „Die Ratten“, Peter Lilienthal 1979 für „David“, Werner Schroeter 1980 für „Palermo oder Wolfsburg“, Rainer Werner Fassbinder 1982 für „Die Sehnsucht der Veronika Voss“, Rainer Simon 1985 für den Defa-Film „Die Frau und der Fremde“ (die 80er-Jahre waren die größte Glückssträhne des deutschen Films auf dem Festival) und 19 Jahre später Fatih Akin mit „Gegen die Wand“. Nun hat es gar 22 Jahre gedauert, bis der Goldene Bär wieder an Deutschland geht. Dass Wenders Çatak den Preis überreichte, bedeutete diesem viel: „Wim, du bist einer meiner Lehrer.“

Bester Regisseur: Grant Gee gewann mit seinem Jazz-Drama „Everybody Digs Bill Evans“.
© Cowtown Pictures_Hot Property | © Shane O’Connor 2026
Doch bis zuletzt, bis zur Preisgala, war das Festival geprägt von politischen Statements und der Debatte, wie politisch ein Festival sein muss. Immer wieder waren aus dem Saal „Free Palestine“-Rufe zu hören. Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib, dessen „Chronicles From the Siege“ als bester Debütfilm ausgezeichnet wurde, kam mit Palästinensertuch und palästinensischer Flagge auf die Bühne und warf der Bundesregierung vor, einen Genozid Israels im Gazastreifen zu unterstützen. Moderatorin Desirée Nosbusch wusste das aber sensibel einzubinden: „Seien Sie versichert, Ihre Stimme wird gehört.“
„Kurtuluş“-Regisseur Emin Alper erinnerte in seiner Dankesrede ebenfalls an die Palästinenser, aber auch an die Menschen im Iran, an die Kurden und die politischen Gefangenen in der Türkei. Versöhnliche Worte sprach ganz am Ende Ingo Fliess, der Produzent von Çataks Siegerfilm, indem er alle Künstler im Saal beschwor: „Wir sind keine Feinde, wir sind Verbündete. Die wahre Bedrohung lauert da draußen. Lasst uns nicht gegeneinander kämpfen, lasst uns gegen sie kämpfen.“





















