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Geschichte des Spielplatzes – Gesellschaft | ABC-Z

Es wuselt auf dem Gemälde: Mehr als 200 Kinder spielen Blindekuh und Bockspringen, machen Handstand und Purzelbäume. Was darauf fehlt: Rutsche, Schaukel, Karussell. Das Gemälde von Pieter Bruegel dem Älteren gilt als Enzyklopädie der Kinderspiele. Gemalt hat er es im Jahr 1560.

Der Spielplatz ist eine ziemlich junge Erfindung. Stellt man sich die Menschheitsgeschichte als 24-Stunden-Tag vor, gibt es so etwas wie Spielplätze gerade erst seit vier Sekunden. Davor genügten Wälder und Wiesen, Ruinen und Gärten, Matsch und Bäche. Spielen in der Stadt galt als unschicklich. In den Volksgärten etwa war es untersagt, die Wege zu verlassen, die öffentlichen Turnplätze von „Turnvater“ Jahn waren nur für Jungs zugelassen.

Erst 1898 ließ der wohlhabende Sozialreformer Joseph Lee an der Ostküste der USA den ersten Modellspielplatz bauen. Schon damals mit dabei: Klettergerüst, Schaukel, Wippe. Wegbereiter war ausgerechnet der Sandkasten. In Berlin eröffnen ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Anlehnung an die gerade erfundenen Kindergärten erste „Sandgärten“. Die deutsche Ärztin Marie Elisabeth Zakrzewska nimmt die Idee in die USA mit. In nur fünf Jahren entstehen allein in Boston über 20 sandgardens. Anfangs wurde ausschließlich unter Aufsicht und Anleitung gespielt. Erst massengefertigte Spielplatzmodule machten es doppelt günstiger: Die Geräte selbst wurden preiswerter und so robust, dass keine Aufsicht mehr notwendig war.

Kinder auf einer Schaukel eines neuen Spielplatzes in London, 1936. William Vanderson/Getty Images

Geboren wurde die Spielplatz-Idee auch aus der Not: Autoverkehr und offene Kriminalität machen geschützte Bereiche für Kinder in der Stadt notwendig. Die Schweizer Stadtplanerin Gabriela Burkhalter, die die Geschichte des Spielplatzes erforscht, bezeichnet sie als „Nebenprodukt der industrialisierten Stadt des 20. Jahrhunderts“.

Gleichzeitig fand aber auch eine grundsätzliche Neubewertung des Spielens statt. Lange Zeit galt das nämlich als Gegenteil des Lernens, als nutzloser Zeitvertreib – bis der einflussreiche deutsche Pädagoge Friedrich Fröbel neue Ideen in die Welt setzte: Kinder lernen nicht durch Belehrung, sondern durch Spiel. Spielplätze sollten Kinder von da an zu wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft formen. Um für Spielplätze zu werben, wurde dort anfangs sogar Milch ausgeschenkt.

Dass Spielen essenziell ist für die Entwicklung von Kindern, daran gibt es heute keine Zweifel mehr. „Die Arbeit der Kinder ist das Spiel“, schreibt der japanische Architekt Mitsuru Senda 2018. Der Spielplatz ist damit sozusagen ihr Büro.

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