Gemeinsames Wohnzimmer für einsame Senioren in Unterschleißheim – Landkreis München | ABC-Z

Das Wohnzimmer ist für viele der schönste Ort. Aber was macht man da alleine? Fernsehen, lesen, aus dem Fenster schauen? Auf die Dauer beglückt das nicht, wenn Freunde oder ein Partner fehlen. Für eine wachsende Zahl älterer Menschen wird die Einsamkeit, die sie zu Hause erleben, gerade zur Belastung.
Janina Manus hat sich als Leiterin der Seniorenbegegnungsstätte der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Unterschleißheim vorgenommen, dem etwas entgegenzusetzen. Sie hat ein sogenanntes öffentliches Seniorenwohnzimmer geschaffen, in dem jeder Platz nehmen und Geselligkeit erleben darf.
In der Begegnungsstätte am Unterschleißheimer Bahnhof gibt es ein breites Programmangebot. Gerade probt eine offene Musikgruppe im Nebenraum. Else Hoogmoed hat im Gymnastikraum Senioren um sich geschart, die in ihrem Kurs „Atmung und Bewegung“ an ihrem Wohlbefinden arbeiten. Wenn die Kurse und Angebote beendet sind, gehen normalerweise alle alleine nach Hause. Diesmal aber ist es anders. Janina Manus will ihr neues Wohnzimmer gefüllt sehen und hat die Gruppe von Else Hoogmoed eingeladen, doch noch vorbeizuschauen.
Und da kommen sie auch einer nach dem anderen in den Raum mit den zwei Sofas und den Sesseln, die rund um einen mit Kaffeetassen und Plätzchen bestückten Tisch stehen. „Jetzt kommt bisschen Leben in die Bude“, sagt gut gelaunt Christine Gilles, als sie um die Ecke biegt.
Der Treffpunkt ist auch Ersatz für eine lebendige Nachbarschaft
Weitere folgen, manche flotter, eine Frau mit Rollator etwas langsamer, und dann setzen sich alle der Reihe nach zusammen. „Das ist eine schöne Einrichtung“, sagt Margret Vorreiter, als sie sich auf der Couch niedergelassen hat, „besser, als wenn man direkt heimgeht.“ Früher sei manches leichter gewesen, sagt noch jemand. Da sei es üblich gewesen, auch mal zwanglos zur Nachbarin zu gehen und zu ratschen. „Das ist nicht mehr so.“ Heute wollten viele für sich sein. Und dann entspinnt sich ein munteres Gespräch. Elisabeth Krell nimmt ein Kissen hoch und erzählt, dass sie das bestickt habe. Und die gehäkelten Plüschtiere, hinten auf der Sofalehne, die seien die Handarbeit einer Bekannten.
Schließlich beginnt Christine Gilles zu erzählen von ihren 20 Jahren auf La Palma und wie sie glücklich nach Unterschleißheim gekommen sei. Ein Ort mit vielen Vorzügen, wie sie findet, mit Rathaus, Kulturangebot und Seniorenzentrum konzentriert auf engstem Raum.
Janina Manus begann vor vier Jahren in der Seniorenbegegnungsstätte zu arbeiten. Vor einem Jahr übernahm sie die Leitung und hat sich etwas vorgenommen. „Wir wollen offener werden“, sagt sie. Ein bisschen wie bei einem Jugendtreff solle es zugehen, so stelle sie sich das vor, erzählt sie. Manus hat Landschaftsarchitektur studiert, sich mit Demenzgärten befasst und dann ein Studium der Sozialen Arbeit draufgesattelt. „Mir macht einfach die Arbeit mit den Menschen total Spaß“, sagt sie.
„Einfach gemeinsam statt einsam“ lautet das Motto der Leiterin für die Begegnungsstätte. Es gibt ein Erzählcafé, bei dem die Älteren von früheren Zeiten berichten und manche belastende Erfahrung aus dem Krieg noch spät im Gespräch aufarbeiten. Zur Weihnachtsfeier sollten alle Wichtelgeschenke mitbringen, damit auch die Alleinstehenden, die sonst vielleicht niemanden haben, etwas bekommen. „Wir sind für die Unterschleißheimer Senioren da“, sagt Manus.

In dem jetzigen Seniorenwohnzimmer hatte noch vor einigen Wochen die Chefin ihr Büro. Manus zeigt auf den Parkettboden, wo Spuren ihres Schreibtischstuhls erkennbar sind und erzählt, wie sie auf die Idee gekommen sei, das als Büro zu groß empfundene Zimmer zu räumen und einer neuen Bestimmung zuzuführen.
Viele Besucher im Haus seien alleine, etwa weil der langjährige Partner gestorben sei, sagt sie. Sie habe mal in einem Alten- und Servicezentrum in München gearbeitet und dort den Vorteil niedrigschwelliger Begegnungsorte kennengelernt. Dann habe sie sich vorgenommen, so etwas auch anzugehen, nach dem Prinzip „Je einfacher, desto besser“. Die Büromöbel kamen raus, die Türe wurde ausgehängt und ein offener Zugang vom Gang geschaffen. Dann lud Manus den Bürgermeister ein, um ihm das Vorhaben zu zeigen.
Die Belegschaft einer Firma half beim Streichen
„Viele unserer Projekte lassen sich nur mit zusätzlicher Förderung und verlässlichen Partnern realisieren – darauf möchten wir heute aufmerksam machen“, sagte Manus, als der Bürgermeister da war und das Wohnzimmer noch eine Baustelle mit Absperrband. In der Folge kamen acht Mitarbeiter des Taufkirchner Spezialkamera-Herstellers Framos vorbei und strichen bei einem „Social Day“ die Wände neu. Ein frisches Gelb bringt seitdem noch mehr Licht in den hellen Raum, in dem ein weißes Klavier steht. In einer Ecke wolle sie noch ein öffentliches Bücherregal aufbauen, sagt Manus. Am Fenster stehen Tassen, ein Wasserkocher. Wer möchte, kann sich bedienen und eine Kaffeerunde eröffnen. Fertig ist das Ganze noch nicht. „Wir wollen noch schöne Vorhänge“, sagt Manus, „damit es gemütlich wird.“

In Unterschleißheim gibt es mehrere Anlaufstellen für Senioren. Viele suchen Rat, etwa bei der Suche nach Unterstützung im Alltag oder einem passenden Heimplatz. Dann geht es um Finanzierung, Zuschussanträge und andere Lebenshilfen. „Wir sind eine Erstanlaufstelle“, sagt Manus. Sie selbst biete Pflegeberatung an und könne an qualifizierte weitere Stellen vermitteln.
Den Schwerpunkt der seit 40 Jahren existierenden Awo-Einrichtung aber sieht die Leiterin darin, Menschen zusammenzubringen. Ihr Haus sei breit aufgestellt mit Angeboten. Man unternehme acht große Ausflüge im Jahr und lege alle zwei Monate ein neues Kursprogramm auf. Es gibt Tai Chi im Angebot, Kurse zur Sturzprävention. Unter dem Motto „Mein Tablet, das Internet und ich“ lernen Senioren die digitalen Möglichkeiten kennen. Dabei legt Janina Manus Wert darauf, auch die einzubinden, die sich eine Kursgebühr nicht leisten können. Vor einem Jahr habe man auf vertrauliche Anfrage Nachlässe eingeführt. Diese „Ermäßigung“, sagt Manus, „ist mir wichtig“. Denn: „Ich bin ja Sozialarbeiterin.“
Künftig kann man auch einfach so in der Seniorenbegegnungsstätte auf der Westseite des Unterschleißheimer Bahnhofs vorbeischauen. „Ganz ohne Programm, ohne feste Verabredung und ohne Verpflichtung“, sagt Diana Klöpper, Vorständin der Awo München-Land. Auf diese Weise werde das Wohnzimmer zum lebendigen Treffpunkt.
Das Awo-Begegnungszentrum für Senioren findet man an der Pegasusstraße 18 in Unterschleißheim und es ist per E-Mail an begegnungszentrum.unterschleissheim@awo-kvmucl.de sowie unter der Telefonnummer 089/3107461 zu erreichen.





















