Geburt Jesu vorverlegt – Diesem Mann verdanken wir die Feiertage | ABC-Z

Christbaum, Gänsebraten, Kirchenlieder und vorher vielleicht noch ein Glühwein auf dem Adventsmarkt – kaum ein Fest wirkt so selbstverständlich wie Weihnachten. Doch das genaue Gegenteil ist der Fall. Dass überhaupt jedes Jahr wieder im Winter die Geburt Christi gefeiert wird, hat vor allem mit einem historischen Ereignis zu tun: dem Konzil von Nicäa, also dem Treffen hochrangiger Kirchenvertreter, das über nichts weniger als die Position von Jesus Christus in der christlichen Religion entscheiden sollte und das sich in diesem Jahr zum 1700. Mal jährte.
Der römischen Kaiser Konstantin (306 bis 337) lud zu dem Treffen zwischen Ende Mai und Ende Juli 325 ein. Es regelte, dass Gottvater und dessen Sohn Jesus Christus als gleiches und einheitliches göttliches Wesen gesehen werden. Und das machte die Jesus–Geburt für die Christen überhaupt erst als Feiertag interessant.
Theologe: Dieses historische Treffen lieferte die Idee für Weihnachten
„Der Sachgehalt dessen, was heute an Weihnachten gefeiert wird, hängt eng mit dem Konzil von Nicäa zusammen“, sagt Michael Seewald, Professor an der Katholisch–Theologischen Fakultät der Universität Münster. Das Kirchentreffen in der kleinen Stadt, dem heutigen Iznik in der Türkei südöstlich von Istanbul, habe für Weihnachten überhaupt erst die Idee geliefert. „Aus Sicht der christlichen Dogmatik geht es an Weihnachten ja um nichts Geringeres als die Geburt Gottes“, so der Forscher, der das Exzellenzcluster „Religion und Politik“ leitet. „Und das ist eine Idee, die sich in dieser Krassheit eigentlich erst nach Nicäa formulieren lässt.“
Anlass des Konzils von Nicäa war ein Streit zwischen denen, die von der Gleichheit von Gott und dessen Sohn ausgingen, sowie den Anhängern des einflussreichen Priesters Arius aus Alexandria (260 bis 327). Die Arianer vertraten die Meinung, dass Jesus keineswegs gottgleich ist, sondern lediglich die Verkörperung eines Mittlerwesens darstellt, das schon vorher zwischen Gott und den Menschen existierte – nur eben körperlos. „Der Grundkonflikt verlief entlang der Frage, ob man in Jesus Christus Gott selbst begegnet oder ob man einem Wesen begegnet, das zwar irgendwie zur Sphäre des Göttlichen gehört, aber letztlich doch ein Geschöpf ist“, sagte Seewald.
Michael Seewald, Theologe und Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster.
© Universität Münster | Sliwka
Politisch hatte die Frage sehr konkrete Auswirkungen, denn das Christentum war im römischen Reich schon recht weit verbreitet. Und die Spaltung, die durch die arianische Kontroverse in die Kirche eingezogen war, habe Konstantin „machtpolitisch gestört“, so Seewald. Der Kaiser habe eine Einigung zwischen den Lagern erzwingen und so die Einheit des Reiches stärken wollen, was ihm schließlich auch gelang.
Ein brutaler Herrscher nutzte Gott für seine Zwecke
„Nicäa war anders als andere Kirchentreffen“, sagt Seewald, „weil sich zum ersten Mal der Kaiser in diese kirchlichen Belange eingeschaltet hat.“ Konstantin selbst war gar nicht christlich, sondern konvertierte erst auf dem Sterbebett zum Christentum. Zur Zeit des Nicäa-Konzils habe er aber Sympathien mit der Kirche gehabt, sagt Seewald, nicht zuletzt, weil seine Mutter Helena (248/50 bis 330) eine Anhängerin des Christentums war.
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Wenige Jahre vor dem Konzil war Kaiser Diokletian (284 bis 305) noch gewaltsam gegen die Christen im Reich vorgegangen. „Unter den Bischöfen, die in Nicäa zusammenkamen, waren auch noch welche, die noch Verwundungen von der letzten Christenverfolgung zeigten“, sagt Seewald. „Auch Konstantin war ein brutaler Herrscher, aber der christliche Gott schien ihm nützlich für seine politischen Zwecke.“

Pope Leo XIV and Patriarch Bartholomew I leave after a Divine Liturgy at Patriarchal Church of Saint George, in Istanbul on November 30, 2025. (Photo by YASIN AKGUL / AFP)
© AFP | Yasin Akgul
An dem Treffen in Nicäa nahmen schließlich rund 300 Bischöfe teil. Dazu kamen Begleiter und Berater – insgesamt waren vielleicht 1800 Menschen vor Ort. Es gab neben der Christusfrage auch andere Themen und Beschlüsse; zum Beispiel wurde der Termin für Ostern festgelegt und das Verbot für Bischöfe und Priester ausgesprochen, mit einer Frau zusammenzuleben – außer der Mutter, Schwester oder Tante. Der Ablauf des Konzils ist jedoch weitgehend unbekannt, da niemand Protokoll führte. Doch es ist offensichtlich, dass sich die Kirchenführer in ihren Debatten zusehends vom Ursprung des Christentums als kleiner jüdischer Sekte im Nahen Osten entfernten.
Geburt Jesu: Dieser Mann legte das Datum für Weihnachten fest
In der Wissenschaft wird die Umformung, die das Christentum auch durch Ereignisse wie das Konzil von Nicäa erfahren hat, als „Hellenisierung des Christentums“ bezeichnet: Es wurde also durchdrungen mit der griechischen Kultur. „Man begab sich in den ersten Jahrhunderten des Christentums zunehmend auf das Terrain der griechischen Philosophie der damaligen Zeit“, sagt Seewald. Das war auch gar nicht anders möglich, schließlich spielte sich diese Phase der theologischen und kirchenphilosophischen Entwicklung in einem über Jahrhunderte griechisch geprägten Kulturraum ab. Und damit begann auch der Prozess, der zu dem Weihnachtsfest führte, wie wir es heute feiern.
Bislang war die Geburt Christi eher beiläufig innerhalb von Gottesdiensten am 6. Januar als Tag der Erscheinung Gottes in der Welt gefeiert worden. Erst Julius I. (337 bis 352), Bischof von Rom und somit Papst, legte Mitte des 4. Jahrhunderts das Datum für die Geburt Christi auf den 25. Dezember, an dem bisher im römischen Raum „Sol Invictus“ – der unbesiegte Sonnengott – gefeiert wurde.
Experte: Darum ist Weihnachten stark im Umbruch
Die meisten Ostkirchen übernahmen bis Ende des 4. Jahrhunderts das Datum für Weihnachten, wenn auch längst nicht alle. Nikolauskult, Krippenspiele, Geschenktradition, Kinderbescherung, Christkind und schließlich auch der Weihnachtsmann kamen aus anderen Regionen später dazu. Und mit der Erfindung des Weihnachtsbaums hatte sich die Entwicklung des Festes schon weit weg vom mediterranen Ursprungsraum entfernt und ins oberrheinische Gebiet zwischen Freiburg im Breisgau und Straßburg im Elsass des 15. und 16. Jahrhunderts verlagert. Dort wurden die ersten Tannen und Fichten zum Fest geschmückt. Der Kolonialismus verbreitete das Konzept danach über den gesamten Globus, und wo immer Weihnachten gefeiert wurde, gab es wieder Abwandlungen und Neuerungen.

Krippenfiguren aus einer Gussmasse zieren die Weihnachtskrippe aus dem Besitz Kaiser Wilhelms II. im Grottensaal des Neuen Palais in Potsdam. Das historische Kunstwerk stammt vom Bildhauer Sebastian Osterrieder.
© dpa | Monika Skolimowska
Seewald spricht von „Formen“ und „Spielarten“ des Christentums. Heute empfiehlt ein knallrot gekleideter Weihnachtsmann in der Werbung bräunliche Zucker-Limonade und holt in Spielfilmen die Geschenke für die Kinder in einem fliegenden Schlitten vom Nordpol. Alte Weihnachtslieder werden vergessen und neu geschriebene Stücke haben das Potenzial, Pop-Songs zu werden.
Weihnachten sei ein Fest, das auf Stabilität setze, so Seewald. „Aber unter diesem Mantel des scheinbar Traditionellen ist Weihnachten natürlich stark im Umbruch.“ Das Fest sei „ein gutes Beispiel dafür, wie sich Traditionsbezüge, kulturelle Anpassungen, aber auch die Kommerzialisierung unseres Alltags verbinden“. Der Kern bleibt jedoch die Feier der Geburt Christi als Sohn Gottes und Gott selbst, so wie sie in Nicäa politisch verhandelt worden war.















