Gadget „Brick“: Analog zur Bildschirmsperre – Kultur | ABC-Z

Auch Technik unterliegt bekanntermaßen Moden. Doch das Must-Have-Gadget der Saison ist nicht etwa ein weiterer Handschmeichler aus dem Hause Apple, der die Nutzer mit makelloser Oberfläche und intuitiver User Experience betört. Sondern ein eher unansehnlicher grauer Plastikwürfel, der verhindert, dass man sein Smartphone überhaupt erst benutzen kann. Brick, so der Name des Geräts, blockt bestimmte Apps, die erst wieder freigeschaltet werden, sobald man das Teil an sein Telefon stupst.
Mutige Journalisten wagten zuletzt den Selbstversuch, gingen wahlweise 48 Stunden, manche gar zwei Wochen offline und wunderten sich, wie gut im Anschluss das Gehirn wieder funktionierte. Auch andere Tester sind begeistert und berichten, wie sie „den Krieg gegen mein Telefon“, den „Kampf gegen das Doomscrolling“ endlich gewonnen hätten. Die Wortwahl verrät bereits, wie ernst es steht. Dabei gibt es Apps, mit denen man die eigene Bildschirmzeit einhegen kann, natürlich schon lange. Nun kommt eben noch eine physische Komponente hinzu. Das Prinzip: die Hürde wieder erhöhen. Wenn man etwa längst auf der Couch herumlümmelt, der Brick aber noch auf dem Schreibtisch liegt, überlegt man vielleicht zweimal, ob es wert ist, noch mal aufzustehen.
So wird „Being bricked“ zum Daseinszustand der Stunde. Doch ist der Erfolg des knapp 60 US-Dollar teuren Geräts nicht eher ein Beweis dafür, dass wir uns selbst nicht mehr trauen können? Dass man nur noch mit Hilfsmitteln einen halbwegs gesunden Umgang mit den Verlockungen des Internets hinbekommt?
Man muss es sich leisten können, nicht mehr mitreden zu können, den neuesten Social-Media-Trend nicht zu kennen
Auch abseits von guten Neujahrsvorsätzen ist digitales Detox inzwischen ein heißer Trend. Das passt in eine Zeit, in der weltweit über Social-Media-Verbote für Jugendliche diskutiert wird und Plattformen dazu gezwungen werden sollen, das Suchtpotenzial ihrer Algorithmen zu entschärfen. Warum den drohenden Zwang nicht gleich zur Tugend machen? Und so listet die New York Times „Dumbphones“ ohne Online-Funktionen als Statussymbol in ihren Vorhersagen über die Trends im Jahr 2026. In immer mehr Städten werden derweil Offline-Clubs eröffnet, in denen das internetfähige Endgerät nach dem Eintritt weggeschlossen werden muss. Für die Vogue ist unplugging, also das Ausstöpseln aus dem ganzen Wahnsinn namens Internet, sogar zur „wahren Luxuswährung“ geworden. Man muss es sich leisten können, nicht mehr mitreden zu können, den neuesten Social-Media-Trend nicht zu kennen.
:Müssen Eltern jeden neuen Tiktok-Trend kennen?
Der Kampf um den richtigen Umgang mit den digitalen Medien belastet den Alltag der meisten Familien. Die Journalistin Elisabeth Koblitz hat für ihr Buch „Aber alle haben ein Smartphone!“ in anderen Ländern ein paar ziemlich gute Lösungen gefunden. Ein Gespräch.
Mit dem Brick hat man nun einen haptischen Beweis, dass man bei all dem Wahnsinn nicht mehr mitmacht, kann sich selbst und anderen vergewissern, über den Dingen zu stehen. Stars wie die Sängerin Lorde und Social-Media-Influencer mit Abertausenden von Followern zeigen ihren Brick-Plastikblock stolz wie eine It-Bag. Und widmen gleichzeitig die Handtasche oder den Hipster-Jutebeutel zur sogenannten Analog Bag um – in dem sich Ablenkung für Hände und Hirn findet, wenn die Entzugserscheinungen zu arg werden: Kreuzworträtsel, Stricknadeln, Selfcare-Journal.
So ganz scheint der Bruch aber noch nicht vollzogen. Denn geteilt und vorgezeigt wird der digitale Verzicht – wie sollte es anders sein – via Social Media. Die Ironie ist recht offensichtlich: Das Wiederentdecken des Offline-Daseins muss erst online beglaubigt werden, um als sozial relevant zu gelten.





















