Gab es queere Kunst in der Sowjetzone? | ABC-Z

War Zeit die radikalste, konsequenteste Kraft? Seit vergangenem Sonntag gilt wieder die Sommerzeit und verändert das Leben aller. Die abendliche blaue Stunde ist über Berlin gezogen, meine Beine gehen eine dunkle Treppe hinab, in eine Unterführung, sie durchquert die breite Leipziger Straße. In ihrer heutigen Form angelegt vom zweiten deutschen Staat, der DDR, die ab 1969 die vom Krieg zerstörte Berliner Innenstadt neu plante und baute, ist sie bis heute eine Realität, die überdauert. Auf der anderen, südlichen Seite finden sich im Erdgeschoss eines der großen Wohnblocks die Räume von KVOST, dem Kunstverein Ost. Im Schaufenster stehen vor Spiegeln, in deren Form ein Gebäude zu erkennen ist, bunte, glasierte Keramiken.
Sie sehen aus wie Gewichte, wie Hanteln, aber ihre verzogenen Formen und Farben deuten auf Ambivalenzen, die durchaus die Realität in dem darüberliegenden Fitnessstudio spiegeln können. So formbar Körper sind, so wandelbar und vielschichtig sind Rollen. „Hard Softies“ ist die Arbeit betitelt, Harry Hachmeister ist der Künstler, 1979 in Leipzig geboren und der jüngste von neun, die in dieser Schau zu sehen sind. Hachmeister hatte sein Werk noch mit einem weiblichen Vornamen begonnen, thematisiert seitdem die Vielschichtigkeit und den Wandel des eigenen Ichs.
Seit 2018 hat sich KVOST in Berlin einen hervorragenden Namen gemacht und klug eine Lücke besetzt, in der in erster Linie Kunstschaffende aus Osteuropa präsentiert werden. „Dazu gehört die DDR auch“, sagt Stephan Koal, Direktor des Kunstvereins und Kurator der Ausstellung „Queere Kunst in der DDR?“ Dabei reichen die Lebensgeschichten weit über die DDR hinaus. An den Anfang hat Koal ein zurückhaltendes Selbstbildnis von Toni Ebel gehängt, 1881 in der Kaiserzeit geboren, ist sie die älteste Künstlerin der neun gezeigten. Ein Begleitheft notiert deren Lebensläufe, Auszüge aus einem umfangreichen Buch, das parallel zur Ausstellung im Distanz Verlag erschienen ist.

Es ist bei Ebel eine unglaubliche Überlebensgeschichte: Zuweisung des männlichen Geschlechts bei der Geburt, erstes von elf Kindern, Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg, dann lernt sie Käthe Kollwitz kennen, tritt 1920 in die SPD ein, der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld stellt ihr einen sogenannten Transvestitenschein aus, der das öffentliche Tragen weiblich gelesener Kleidung erlaubt. 1933 konvertiert sie zum Judentum, sie überlebt den Nationalsozialismus in Prag, 1947 wird sie Mitglied der SED, Jahre später erhält sie eine Atelierwohnung am Strausberger Platz. War sie da angekommen im neuen Deutschland?
Der Ausstellungsraum im KVOST ist als Exposition zu verstehen, verdichtet treffen hier alle neun Kunstschaffenden der Schau mit ihren hoch individuellen Lebensläufen und Arbeiten aufeinander. Die Werke von Andreas Fux, Jochen Hass, Dorothea von Philipsborn, Erika Stürmer-Alex, Rita „Tommy“ Thomas, Jürgen Wittdorf und Egon Wrobel umfassen Malerei, Fotografie, Grafiken, Skulpturen, Keramiken, Installationen. Zu dokumentieren, eine Art Enzyklopädie zu schaffen, hat Koal motiviert, auch zu weiteren Forschungen anzuregen. Es ist die erste Ausstellung, die sich in dieser Breite, an vier Orten in der Stadt, mit dem Thema beschäftigt.
Es geht um Kunstgeschichte wie um Zeitgeschichte
Warum erst jetzt? „Die Zeit war reif“, so Koal, der an der Ostsee und in Cottbus aufgewachsen ist und der im eigenen Heranwachsen den Halt gebenden Wert von Kunst erfahren hat. Als vollständigen Titel für sein Projekt hat er gewählt: „Queere Kunst in der DDR? Biografien zwischen Underground und Propaganda“. „Uns war wichtig, dass es eine Frage bleibt,“ sagt Koal. Es geht um Kunstgeschichte wie um Zeitgeschichte. Vor gut drei Jahren hatte er als Kurator einer Ausstellung im Schloss Biesdorf mit dem 2018 verstorbenen Künstler Jürgen Wittdorf viel Aufmerksamkeit gefunden. Wittdorf, eine schillernde Figur im Strom der deutschen Geschichte, war ein guter Ausgangspunkt, um methodisch weiter zu recherchieren, wen es sonst noch gab.

Ein neuer Tag, Aprilwetter. Im weit gestreckten Bau des Wohnkomplexes Karl-Liebknecht-Straße am Alexanderplatz, ebenfalls Folge des Stadtumbaus der DDR, residiert in der ersten Etage das nGbK. Auch die neue Gesellschaft für bildende Kunst ist ein Kunstverein, einst gegründet in Kreuzberg, seit nun drei Jahren hier. Unten strömen die Menschen aus dem Regen in die Kaufland-Filiale, oben setzt sich die Ausstellung fort, zeitlich strukturiert. „Aus dem braunen Hemd wurde ein blaues Hemd“, sagt Jürgen Wittdorf, geboren 1932, in einem Interview für einen Dokumentarfilm, „das ging einfach weiter.“
Statt Hitlerjugend hieß die Organisation Freie Deutsche Jugend. Er wurde gefragt, die alten Trommeln in neuem FDJ-Blau zu streichen. Ab 1952 studiert er in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Mit dem Abschluss tritt er in die SED ein und in den Verband Bildender Künste, der Künstlern in der DDR Auftragsarbeiten sicherte. Am Alexanderplatz ist viel dieser Staatskunst öffentlich zu sehen, die Friese am Haus des Lehrers, am Pressecafé, die Weltzeituhr.

Wittdorf macht Holz- und Linolschnitte, ausgestellt sind Motive aus seinem Zyklus „Für die Jugend“. Sie entstanden bei längeren Aufenthalten an Sportschulen, sie zeigen junge Menschen im Sozialismus, in Gruppensituationen. „Trainingsgespräch der Schwimmerinnen“ oder „Unter der Dusche“ sind die Titel. Die nackten, jungen Männer sind nicht übermäßig idealisiert, sondern einander zugewandt abgebildet, schüchtern, neugierig und zärtlich. Für heutige Betrachter offenbart sich klar ein schwuler Blick. Wittdorf selbst kämpft dagegen zunächst an. „Warum sollte ich jetzt auch noch anders sein“, sagt er im Film.
Homosexualität war in der DDR seit 1950 nicht mehr strafbar
Mit dreißig outet er sich, beginnt erste Beziehungen. Die Parteiführung rügt ihn. Nach dem Ende des Nationalsozialismus war die DDR bereits 1950 zu den liberaleren Gesetzen der Weimarer Zeit zurückgekehrt, Homosexualität war nicht mehr strafbar, anders als in der Bundesrepublik, wo der Paragraph 175 zwar 1969 abgeschwächt, aber nicht abgeschafft wurde. Gesellschaftlich akzeptiert waren Schwule und Lesben gleichwohl auch in der DDR nicht. Wer sich aber nicht mit der Diktatur anlegte, konnte relativ gut leben.
Nach der Rüge verschwanden bei Wittdorf die nackten Männer aus seinen öffentlichen Arbeiten. Sie entstanden weiterhin, blieben aber in seiner Wohnung. Er hatte sich eingerichtet. „Er ist in Kneipen gegangen, hat seinen Spaß gehabt“, sagt Kurator Koal, „diese Parallelwelt war möglich.“ Er bekommt weiter öffentliche Aufträge, gibt Zeichenunterricht, auch für die Volkspolizei. Mit dem Mauerfall verliert er seine künstlerische Anerkennung, erst 2004 gibt es wieder eine Ausstellung im Schwulen Museum Berlin.
Schockierte, faszinierte Staatssicherheit
Wer schon vor dem Mauerfall eine größere Distanz zum Staat pflegte wie Erika Stürmer-Alex, hat es danach leichter. Über die Jahre variiert die Intensität ihrer Farben, mit denen sie malt, auch Collagen und Skulpturen gehören zu ihren Werk. Geboren 1938 im Oderbruch, zieht sie nach Studium und Arbeit in Berlin Anfang der Achtzigerjahre mit ihrer Partnerin aufs Land bei Seelow. Auf dem Kunsthof Lietzen führen die beiden mit Freundinnen und Freunden ein relativ freies Leben. Viele Jahre später lesen sie amüsiert den Bericht eines Mitarbeiters der Staatssicherheit, der penibel, schockiert wie fasziniert, seine Begegnung dort mit einer Vielzahl unbekleideter Frauen beim Essen protokollierte.
Sich selbst sieht Stürmer-Alex als Feministin. Der Begriff queer, den es zu Zeiten der DDR noch nicht gab, erweist sich jedoch als glücklich. Er erweitert sexuelle Orientierung um geschlechtliche Identität und reflektiert zudem eine politische Haltung, die sich im Ideal durch große Offenheit auszeichnet. Eine Kraft mit schöpferischem Potential, der Philosoph Michel Foucault sprach von der Notwendigkeit, mithilfe „unserer sexuellen Wahlen ein neues kulturelles Leben zu erschaffen“.
Zwei weitere Satelliten bietet die Ausstellung, am Gesundbrunnen ist das Mitte Museum in einer einstigen Schule untergebracht. In der Aula stehen weitere Arbeiten von Wittdorf in Kontrast zu der Fotografie von Andreas Fux (geboren 1964). Der gelernte Elektromonteur bringt sich selbst Fotografieren bei, seine Schwarz-Weiß-Aufnahmen dokumentieren die Subkultur in Ostberlin, vor und nach 1989.
Es sind ästhetische, klare komponierte Fotografien, dem Menschlichen zugewandt. Im Hintergrund ist oft das von der DDR neu aufgebaute Zentrum der Hauptstadt Ostberlin zu sehen, nachdem die historische Mitte im Krieg zerstört worden war. „Der Balkon des Balletttänzers“ zeigt, wie viel Freiraum dabei entstanden ist, weit reicht der Blick über das Marx-Engels-Forum zum Fernsehturm, wo sich in den letzten Jahren der DDR die ersten Punks trafen.
Die drei „Jungs auf dem Alex“ mit Slippern, Schnurrbärten und kurzen Sporthosen sind aber Popper. „New Wave am Alex“ zeigt, wie auch Feminität als Teil von Männlichkeit unter dem Fernsehturm angekommen war. Fux hält das ganze, schöne, breite Leben fest, ohne das die Gegenwart nicht zu ertragen wäre. Ist die radikalste, konsequenteste, weil die Zeit überdauernde Kraft also die Kunst – und die Liebe?
„Queere Kunst in der DDR? Biografien zwischen Underground und Propaganda“, noch bis zum 28. Juni zu sehen im KVOST, Mitte Museum, Werkbundarchiv und in der nGbK, Berlin.





















