Sport

Fußball-WM in Mexiko: Kann man als WM-Fan noch nach Mexiko? | ABC-Z

Die Nationalmannschaft von Spanien wird kommen, die von Südkorea auch, ebenso wie die von Kolumbien, Uruguay und natürlich Mexiko. Sie alle werden im Stadion von Zapopan spielen, am Rande der mexikanischen Metropole Guadalajara. Sie werden dort spielen und ihre Fans werden dort zu Gast sein, wo vor nicht einmal einer Woche zugleich 661 Autos brannten.

Zapopan und Guadalajara waren, nachdem der Drogenboss Nemesio
Rubén Oseguera Cervantes, genannt “El Mencho”, durch mexikanische
Spezialeinheiten getötet worden war, Schauplätze einer Machtdemonstration des
Drogenkartells Jálisco Nueva Generación. Hunderte Bandenmitglieder legten die Metropolregion und eigentlich das ganze Land lahm, indem sie Straßenblockaden aus brennenden Vehikeln errichteten, Fahrzeuge in Supermärkte rammten, Tankstellen anzündeten und die Nationalgarde attackierten, unter anderem mit einer Autobombe. Mehr als sechzig Menschen, größtenteils Kartellmitglieder und Nationalgardisten, starben.

Eine der Fragen, die sich nun viele stellen: Kann man in einem Land mit solchen Gewaltausbrüchen das größte Fußballfest der Welt ausrichten? Können Spieler, Trainer und vor allem Fans sich überhaupt sicher fühlen in Mexiko? Der DFB formulierte schon ein gewisses Unbehagen. Das Auswärtige Amt warnt derzeit vor Reisen nach Jalisco, wo Zapopan und Guadalajara liegen.

“Absolut atypisch”

“Was wir nach der Bekanntgabe des Todes von Nemesio erlebt haben, ist keineswegs normal, sondern absolut atypisch”, sagt Víctor Manuel Sánchez Valdés, Generalsekretär der Universidad Autónoma de Coahuila nahe Monterrey, ebenfalls ein WM-Ort. Sánchez Valdés arbeitet dort auch als Forschungsprofessor für öffentliche Sicherheit, organisierte Kriminalität und Transparenz. “Dass eine Organisation koordiniert in 22 der 32 Bundesstaaten Mexikos gleichzeitig Blockaden errichtet, Fahrzeuge und Geschäfte in Brand steckt, ist – selbst in einem so gewaltgeprägten Land wie Mexiko – außergewöhnlich.”

Es ist eine extreme Situation in einer ohnehin von Extremen geprägten Nation. Tatsächlich ist Mexiko statistisch schon länger eines der gefährlichsten Länder der Welt. Im Jahre 2018, also in dem Jahr, in dem Mexiko gemeinsam mit den USA und Kanada von der Fifa den Zuschlag für das Turnier erhalten hat, kam es dort laut dem Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung der Vereinten Nationen zu insgesamt mehr als 36.600 Morden, was 29,45 Morden pro hunderttausend Einwohner entsprach. Und das sind nur die erfassten Morde. Auch wenn die Zahl im Jahr 2023 leicht gesunken ist, auf 24,86 pro hunderttausend Einwohner, bleibt das Niveau hoch. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Wert für 2023 bei 0,91 Morden.

Der Grund für diese extremen Werte: Drogen- und Bandenkriminalität. Die ist innerhalb Mexikos unterschiedlich ausgeprägt. Das gilt auch für die drei mexikanischen WM-Spielorte Zapopan-Guadalajara, Mexiko-Stadt und Guadalupe-Monterrey. “Die Situation ist in Mexiko-Stadt und Monterrey anders, weil das Jalisco-Nueva-Generación-Kartell in Guadalajara viel zentraler agiert”, sagt Sánchez Valdés. “Während die Organisation in Guadalajara fast ein Monopol hat, ist es in Mexiko-Stadt weniger und in Monterrey nur sehr diskret präsent.”

Die organisierte Kriminalität hat sich Mexiko nämlich aufgeteilt. Grenzen verschieben sich laufend oder werden wieder abgeschafft, je nachdem wie stark die inneren oder äußeren Zwistigkeiten im jeweiligen Kartell gerade sind und wie brutal sie ausgetragen werden. So sind das Nordost- oder Golfkartell namhafte Regionalmächte. Dominiert wurde die Szene jedoch bis vor Kurzem vom Sinaloa-Kartell und dem Jalisco-Nueva-Generación-Kartell.

Derzeit ist es wieder erstaunlich ruhig in der Metropolregion Zapopan-Guadalajara und dem Rest des Landes. Doch das wird eher als schlechtes Zeichen gedeutet. “Damals, als das Sinaloa-Kartell, die andere große mexikanische Organisation, gespalten wurde, vergingen 46 Tage, bevor der interne Machtkampf zwischen den Fraktionen ausbrach”, sagt Sánchez Valdés. “Die Tatsache, dass es in diesen Tagen ruhig ist, bedeutet also nicht, dass es nicht in der nächsten Woche zu Auseinandersetzungen kommen wird.”

Kaum vorstellbar, dass die Übergabe ohne Konflikt vonstattengeht

Es ist sogar wahrscheinlich, dass es im Bundesstaat Jalisco zu weiteren Gewaltausbrüchen kommt. Die Nachfolgeregelung bei mexikanischen Drogenkartellen ist oft streng patriarchal-dynastisch: Treue Söhne erben Macht. Nur hinterlässt Nemesio Rubén Oseguera Cervantes keine Söhne, die etwas erben können. Sein einziger offiziell bekannter leiblicher Sohn verbüßt derzeit eine lebenslange Haftstrafe in den Vereinigten Staaten.

Für die Nachfolge kommen nun mehrere Brüder, Schwiegersöhne, Töchter und ein Stiefsohn von “El Mencho” infrage. Die Lage im Kartell erscheint derzeit undurchsichtig und ungeklärt. Kaum vorstellbar, dass die Übergabe ohne Konflikt vonstattengeht. “Es gibt ein erhebliches Risiko für Guadalajara, vor allem, weil es der Hauptsitz des Jalisco-Nueva-Generación-Kartells ist”, sagt Sánchez Valdés. “Wenn es zu internen Machtkämpfen kommt, könnte sich das in Gewalt während der Weltmeisterschaft niederschlagen.” Als das vormalig mächtigste Syndikat Mexikos, das Sinaloa-Kartell um deren Bosse El Chapo und El Mayo, im September 2024 zusammenbrach, gab es Tausende Tote.

Back to top button