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Fußball-WM in den USA: Niemand kann sich sicher fühlen – Sport | ABC-Z

Zu Beginn der Woche saßen beim Kölner Literaturfest „Litcologne“ Rainer Bonhof und Jogi Löw auf der Bühne. Der eine Weltmeister seit 1974 sowie Präsident von Borussia Mönchengladbach, der andere Weltmeister seit 2014 sowie Bundestrainer a.D. „Wie wird man Weltmeister?“, lautete das Thema, und dazu konnten die Beteiligten zwar kein Rezept verraten, aber sie wussten Wissenswertes von früher zu erzählen. Bonhof erinnerte sich, wie er Monate nach dem Titelgewinn immer noch so majestätisch über den Dingen des Alltags stand, dass er es für eine Zumutung hielt, selbst tanken zu müssen. Bis ihn seine Frau fragte: „Kannst du mal wieder der Rainer sein?“ Löw berichtete, wie ihn nachts die Weißbier-Feier der Bayern-Spieler weckte, und wie er dann in Boxershorts und T-Shirt auf der Party erschien und den Stecker der Musikbox zog.

Doch der Abend bestand nicht nur aus Nostalgie. Als man auf die nächste WM zu sprechen kam, überraschte Bonhof das Publikum mit seinen Zweifeln: Er wisse gar nicht, ob die DFB-Elf angesichts der Sicherheitslage in den USA und in Mexiko überhaupt dort spielen sollte, sagte er. Auch den moralischen Aspekt berührte er. Für einen Boykott wollte er nicht werben („dafür sind wir zu sehr Fußballer“), doch sein Argument bestätigte entsprechende Gedanken. Jogi Löw fasste es via Express zusammen: „Die politische Situation überlagert das Turnier komplett.“ Auch vor den Turnieren 2014 in Brasilien, 2018 in Russland und 2022 in Katar sei politisch diskutiert worden, „aber in einem Land zu spielen, das gerade Krieg führt …“ Nein, den Satz brauchte er nicht zu beenden.

Bis das WM-Turnier eröffnet wird, vergehen keine drei Monate mehr. Auf die Frist möchte man gern in der Hoffnung schauen, dass bis zum ersten Spiel die Bombardements im Nahen Osten ein Ende gefunden haben. Doch selig sind die, die Zuversicht besitzen. US-Präsident Donald Trump gibt nicht zu erkennen, dass er den Friedens-Preis der Fifa als Verpflichtung sieht. Jetzt hat er Kuba ins Visier genommen.

Auf den World Cup nimmt er keine Rücksicht. Aus seiner Sicht durfte es beim Schießbefehl an seine Truppen keine Rolle spielen, dass Irans Fußballer die ersten waren, die sich für die WM qualifiziert haben. Seine Ignoranz tritt aber in der zynischen Botschaft an die iranische Mannschaft hervor. Sie sei immer noch „herzlich“ willkommen, sagte er, bloß ihre „Sicherheit“ möge er nicht versprechen. So spricht der Schutzgeldeintreiber der Mafia.

Vor der WM 2006 hatten die Deutschen den Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden“ verbreitet. Das klang sehr beflissen, gelang aber. Die Welt kam und fühlte sich wohl, und das war, so diskutabel die dortigen Verhältnisse gesehen wurden, auch in Brasilien, Russland und Katar der Fall. Diese Länder wollten, dass die Fußballfans kommen. Die USA? Drohen mit Gesinnungsprüfung, Durchleuchtung der Social-Media-Vergangenheit der Einreisenden, ständig möglichen Visa-Kontrollen. Fans aus Mittel- und Südamerika, in Russland und Katar zahlreicher vertreten als Europäer, müssen in den USA befürchten, in die Fänge der Anti-Ausländer-Miliz ICE zu geraten.

Dem Bundestrainer Julian Nagelsmann ist es nicht vorzuwerfen, dass er politische Rhetorik vermeidet. Er könne lediglich den Sport beeinflussen, sagte er in dieser Woche, und den Fans daheim mit guten Spielen „ein gutes Gefühl geben“. Doch ob man sie genießen kann? Aktuell steht die Sehnsucht nach Zerstreuung gegen das kritische Bewusstsein. Ein gutes WM-Gefühl will nicht entstehen.

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