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Verdi-Attentäter Farhad Stickstoffgas.: War er ein Wegwerf-Agent des russischen Geheimdienstes? | ABC-Z

Es waren grauenvolle Bilder am 13. Februar 2025, als der Attentäter Farhad N. auf der Seidlstraße mit seinem Auto in einen Demonstrationszug der Gewerkschaft Verdi mit Hunderten Menschen gefahren ist. Eine Mutter (37) und ihr zweijähriges Kind verloren dabei ihr Leben, 44 Personen wurden teils schwer verletzt.

Die Tat war widersprüchlich. Der Mann, der als Minderjähriger aus Afghanistan geflohen war, hatte einen Fitness-Kanal auf Instagram. Die Bundesanwaltschaft sah ein islamistisches Motiv beim 24-jährigen Attentäter und klagte ihn an. Am 16. Januar beginnt der Prozess. Doch laut Jochen Kleinschmidt sollte das Motiv hinterfragt werden – vor allem im Hinblick auf nachrichtendienstliche Aktivitäten Russlands.

AZ: Herr Kleinschmidt. Derzeit wird häufiger davon gesprochen, dass Russland bereits einen hybriden Krieg gegen Europa führt.
JOCHEN KLEINSCHMIDT: Mir gefällt der Begriff nicht so gut.

Wie würden Sie es nennen?
Ich würde sagen, die Art der Kriegsführung hat einen klandestinen Aspekt.

Bedeutet?
Das sind natürlich alles umstrittene Begriffe. Gemeint ist: Ein Mix aus verschiedenen Methoden. Die Russen nennen das “aktive Maßnahmen”. Steht im Wörterbuch der Spionageabwehr des KGB, aus den 70er Jahren. Es ist eine Art Grauzonen-Krieg, wenn man eigentlich gar keine Reaktion provozieren möchte.

Also in etwa: Drohnen am Flughafen steigen lassen, ohne dass klar wird, woher sie kommen?
Das wäre eine typische Aktion.

Und was ist ein hybrider Krieg?
Der Begriff wurde für die Kriegsführung der Hisbollah erfunden.

Sie sprachen im Vorgespräch davon, dass der Verdi-Attentäter vom russischen Geheimdienst benutzt worden sein könnte. Was brachte Sie auf den Gedanken?
Zunächst ist es in Fachkreisen allgemein bekannt, dass es zwischen dem pro-sowjetischen afghanischen Nachrichtendienst KhAD aus den 1980er Jahren und dem späteren pro-westlichen afghanischen Nachrichtendienst NDS erhebliche personelle und strukturelle Kontinuitäten gibt. Die westlichen Staaten, die nach dem 11. September in Afghanistan intervenierten, hätten so schnell gar nicht so viele Nachrichtendienstler ausbilden können. Das hat mir auch ein hochrangiger NDS-Offizier auf einer Fachtagung vor einigen Jahren bestätigt.

Wann haben Sie erstmals von dem Verdi-Anschlag erfahren?
Ich war zu dem Zeitpunkt in München. Gleich nach dem Anschlag sprach ich mit Verdi-Mitgliedern, die während des Anschlags im Verdi-Gebäude waren. Schnell wurde gesagt, dass der Mann nicht das typische Attentäter-Profil hat. Darüber wurde ja ohnehin viel gesprochen. Es war noch auf Gerüchte-Niveau. Über einige Jahre bin ich Mitglied der Counterterrorism Working Group der Partnership for Peace gewesen. Hier erhält man viel Information über Attentäter-Profile. Und für mich klang das alles sehr bald nach “Wegwerf-Agent”. Also jemand, der dazu erpresst oder anderweitig extern motiviert worden ist. Es wirkte plausibel.

Ein Auto rast am 13. Februar 2025 in der Innenstadt von München in eine Menschenmenge bei einer Verdi Demo. Das beschädigte Unfallauto
© IMAGO/Michael Bihlmayer (www.imago-images.de)
Ein Auto rast am 13. Februar 2025 in der Innenstadt von München in eine Menschenmenge bei einer Verdi Demo. Das beschädigte Unfallauto

von IMAGO/Michael Bihlmayer (www.imago-images.de)

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“Wenn einer mit muslimischen Wurzeln Amok läuft, stärkt das sofort die AfD”

Was macht einen Wegwerf-Agenten aus?
Dass er sich verhält wie ein Terrorist, aber eigentlich von außen angeleitet, bestärkt, gefördert oder erpresst wird. Aus der Presse ist ja bekannt, dass die russischen Dienste Wegwerf-Agenten einsetzen, in ganz Europa.

Sie meinen die Gift-Anschläge?
Das wiederum waren eher Profis aus den russischen Geheimdiensten, höchstwahrscheinlich vom GRU.

Kommen wir zurück zum Verdi-Attentäter, ein möglicher Wegwerf-Agent also. Spricht dafür, dass er auch nicht mit extremistischer Religiosität aufgefallen ist?
Der Mann war im Grunde ein erfolgreicher Einwanderer. Es ging ihm gut. Manche Berichte weisen darauf hin, dass er in irgendeiner Form religiös interessiert war. Das schon. Aber es muss nichts heißen. Viele Attentäter sind nicht besonders religiös.

Er war auch Fitness-Influencer.
Tja, da sagen Sie was. Es kann nämlich gut sein, dass so der Kontakt zustande kam. Aus der Sicht des russischen Geheimdienstes GRU gesehen: Man sieht diesen Mann, er ist auf Social Media, extrem fit. Man hat Zugang zu biografischen Daten. Sie haben großes Interesse daran, dass Menschen mit muslimischen Wurzeln Wegwerf-Agenten werden, weil das einen politischen Nutzeffekt hat. So stärkt man die russlandnahen Kräfte, die ja alle extrem rechts eingestellt sind.

Und es war nicht der einzige Anschlag vor den Bundestagswahlen.
Die anderen habe ich nicht so im Blick. Aber man kann sagen: Es ist schon erstaunlich, dass nach den Bundestagswahlen nichts Ähnliches mehr passiert ist. Die Russen freuen sich natürlich auch, wenn ein Ukrainer eine Brandbombe auf ein europäisches Frachtflugzeug schmuggeln sollte. Aber wenn einer mit muslimischen Wurzeln Amok läuft, stärkt das sofort die AfD. Die russischen Geheimdienste lieben es, mit solchen Aktionen politisch massive Effekte zu erzielen. Dieser Aspekt wird dort immer mitgedacht.
Wann hat sich Ihr Eindruck weiter verfestigt, dass Attentäter Farhad N. ein Wegwerf-Agent gewesen sein könnte?
Als in den Monaten nach dem Anschlag in der Seidlstraße einige russische Agenten aus Afghanistan ausgewiesen wurden. Es hieß, sie hätten Dinge getan, die nicht dem Frieden dienen.

“Russische Geheimdienste verfügen über enorme finanzielle Mittel”

Eine seltsame Formulierung. Wer wurde da ausgewiesen?
Gemäß einer Pressemitteilung des ukrainischen Auslandsnachrichtendienstes SZRU waren es russische Repräsentanten, die in Afghanistan ein Agentennetzwerk geschaffen hatten. Die Russen erkennen die Taliban an und pflegen Kontakte. Eigentlich ein gutes politisches Klima zwischen den Ländern. Aber da müssen einige Leute Grenzen überschritten haben. Es ist ein sehr ungewöhnlicher Vorgang. Und das Statement der Taliban spricht Bände.

Weil?
Wenn die sagen, “Frieden gefährdet”, ist das deutlich. Sie haben im Grunde ein großes Interesse an einem guten Verhältnis zu Deutschland. Denn die große Finanzhilfe kommt meistens aus Europa.

Was halten Sie für wahrscheinlicher? Wurde der Mann erpresst oder gut bezahlt?
Ich kenne die finanziellen Verhältnisse des Attentäters nicht. Aber russische Geheimdienste verfügen über enorme finanzielle Mittel, großzügige Budgets in niedriger Milliardenhöhe. Und sie haben Abertausende Mitglieder. Die Erpressungstheorie erscheint mir wahrscheinlicher, möglicherweise drohte man ihm, dass seiner Familie in Afghanistan etwas zustoßen könnte. Offenbar wurde der Mann in den Wochen vor dem Anschlag psychisch auffällig. Das spricht ebenfalls dafür. Das sind alles natürlich keine gerichtsfesten Fakten. Aber wie die Amerikaner sagen: Wenn etwas wie eine Ente aussieht und quakt wie eine Ente, dann ist es wahrscheinlich eine Ente!

Sie haben auch im Rahmenprogramm der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 teilgenommen, wo dieses Thema mehrmals auf den Gängen besprochen wurde.
So ist es. Dort ist es eigentlich Konsens gewesen, dass der Mann wahrscheinlich keine islamistischen Motive hatte.

Was spricht noch gegen die einsame Radikalisierung von Farhad N.?
Tja, die Einsame-Wölfe-Theorie. Auch die haben in der Regel ein Unterstützernetzwerk. Geklärt werden sollte auch, warum er eigentlich einen Verdi-Demozug angegriffen hat? Oder aus der Sicht eines Islamisten gesprochen: Warum hat er sich nicht ein jüdisch-israelisches Ziel ausgesucht? Das hat es ja schon gegeben. Vergessen darf man auch nicht: Farhad N. war und ist nicht dumm. Er ist eine Art Geschäftsmann gewesen, ein Influencer. Also warum hätte er das alles wegschmeißen wollen?

Was müsste Ihrer Meinung nach passieren, damit Attentäter Farhad N. eine Erpressung oder Bezahlung durch Russland zugeben würde?
Das ist eine sehr gute Frage. Aber auch schwierig zu beantworten. Klar ist nur: Der Mann sieht einer längeren Haftstrafe entgegen. Und wenn der Arm Russlands irgendwohin reicht, dann sind es ganz sicher die deutschen Gefängnisse. Dort haben Russen das Sagen. Sie sind gut organisiert und können auch außerhalb von Gefängnissen Konsequenzen in Gang setzen. Daher denke ich, dass die Hemmschwelle sehr hoch ist, um eine Erpressung oder Bezahlung zuzugeben. Da wird er zuallererst um seine eigene Sicherheit fürchten.

Etwas zu viel Zufall

Wie würden Sie dann vorgehen, um seine Motive zu hinterfragen?
Ich bin kein Ermittler. Aber ich würde unbedingt wissen wollen, wie er sich denn nun genau radikalisiert hat. Das müsste man unbedingt logisch und plausibel erforschen. Denn was haben wir im Moment: Er habe sich radikalisiert und ist spontan und zufällig in eine Verdi-Demo gefahren, ausgerechnet. Und zufällig war das kurz vor den Bundestagswahlen. Und ganz zufällig haben die Taliban einige Zeit später russische Agenten aus dem Land gewiesen, die damit nichts zu tun hatten.

Hört sich an wie etwas zu viel Zufall.
Tja.

Glauben Sie, das alles wird erforscht?
Auch da muss man den Kontext sehen: Die Staatsanwaltschaft hat sicherlich ein großes Interesse, den Fall schnell aufzuarbeiten und ein Urteil herbeizuführen. Da besteht natürlich die Gefahr, dass die Ermittler nicht so sehr ins Detail gehen. Die Hintergründe zu ermitteln, wäre langwierig und würde möglicherweise bis nach Afghanistan reichen.

Interessant wäre doch auch, ob der Mann im Gefängnis extrem gläubig daherkommt. Das muss nicht zwingend etwas bedeuten. Man weiß von vielen Mitgliedern des Islamischen Staats, dass sie eigentlich keine Ahnung von Religion hatten. Dafür gibt es viele Quellen. Ein großer Teil wollte einfach Mitglied einer mächtigen Bewegung sein. Der Islamische Staat hat offenbar viele Rekruten erst indoktriniert. Berichten zufolge kauften sie teilweise kurz vor der Rekrutierung bei Amazon Bücher wie “The Koran for Dummies” oder “Islam for Dummies”.

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