Fürstenfeldbruck: Geschichten der Offizierschule und Luftwaffe – Fürstenfeldbruck | ABC-Z

Die kleine Kolonne, die sich bei klirrender Kälte im Gänsemarsch Meter um Meter durch die Dunkelheit vorantastet, ist entschlossen, das gesteckte Ziel in der vorgegebenen Zeit zu erreichen: das „Blaue Palais“ der Offizierschule auf dem Fliegerhorst. Im Tarnfleck, mit Rucksack und geschultertem Sturmgewehr arbeitet sich das zum 121. Offiziersanwärterlehrgang zählende Quartett durch den Fürstenfeldbrucker Landkreis. Der Nachtorientierungsmarsch ist Pflichtprogramm für die jungen Soldatinnen und Soldaten. Navi und Handy sind tabu, stattdessen gibt es analoge „Karten-Schnipsel“, wie Marieluise Eble sich erinnert. „Der Rücken schmerzt, die Füße brennen“ – und die Mägen knurren.
Kurz vor Mitternacht taucht schemenhaft dieses verheißungsvoll leuchtende „M“ auf. Keine Fata Morgana, sondern der Wegweiser zu einem Fastfood-Restaurant im Fürstenfeldbrucker Gewerbegebiet. Ein paar Gäste beobachten etwas irritiert die Neuankömmlinge mit ihren G36-Sturmgewehren. Aus der Erholungspause wird für die Gruppe aber nichts.
Denn die vier angehenden Offiziere haben ein wichtiges Detail ganz vergessen: Sie haben einen kleinen Transponder dabei, der den Vorgesetzten ständig den aktuellen Standort verrät. Folge eins: ein ordentlicher Anschiss einer herbeigeeilten Frau Hauptmann, noch unter dem leuchtenden „M“. Folge zwei: Seit diesem Vorfall im Februar 2022 werden bei Marschvorbereitungen McDonalds-Besuche immer ausdrücklich untersagt.
Die von Marieluise Eble geschilderte Anekdote ist dem nun erschienenen Buch „Die Offizierschule in der Wiege der Luftwaffe“ entnommen. Es ist ein umfangreiches, mit Fotos und Abbildungen historischer Karten illustriertes Kompendium unterschiedlicher Erinnerungen. Aufgeschrieben von Soldatinnen ebenso wie Zivilisten, von Berufsanfängern wie hochdekorierten Generälen, von Militärpfarrern bis zum Hochzeitspaar, das sich in der Fliegerhorst-Kirche das Ja-Wort gegeben hat.
Ein roter Faden zieht sich durch die Erlebnisberichte: Kameradschaft und Freundschaft, die Ausbilder, Führungskräfte und vor allem die jungen Offiziersschüler und -schülerinnen verbindet, die mehrere Monate gemeinsam auf dem weitläufigen Militärgelände leben. Stube an Stube. Eine eingeschworene Schicksalsgemeinschaft auf Zeit.

Viele kehren mehrmals nach Fürstenfeldbruck zurück, um sich in weiteren Lehrgängen auf Führungsaufgaben vorzubereiten. Dann gibt es ein Wiedersehen mit Menschen wie Ingrid Schulz, die zehn Jahre die legendäre Cafeteria OA’se der Offizierschule leitet sowie 22 Jahre das Mannschaftsheim. In ihrem Beitrag blickt sie zurück auf unzählige Feste: „Diese Zeit war schön, einfach nur schön.“ Sie erinnert sich noch gut daran, wie Brigadegeneral Klaus Habersetzer sie 2010 nur halb im Scherz überreden will, ihre Kündigung wieder zurückzunehmen. Habersetzer ist auch so ein Rückkehrer: 1977 gehört er dem ersten Offiziersanwärterlehrgang in Fürstenfeldbruck an. 1996 folgt der Kommandeurslehrgang. 2008 bis 2012 leitet der spätere Dreisterne-General Habersetzer dann die Offizierschule.

Was in eineinhalb Jahren zusammengetragen wurde, ist viel mehr als eine Chronik der Offizierschule, auch wenn diese aus Dutzenden verschiedenen Perspektiven in den Blick gerückt wird. Der Bogen ist weiter gespannt. So wird die Geschichte der „Wiege der Luftwaffe“, von den Amerikanern später Fursty genannt, beleuchtet.
Auch düstere Kapitel der Geschichte werden beleuchtet
Der Blick reicht zurück bis 1935 in die dunkle Zeit des Nationalsozialismus. 1956 werden auf dem Militärgelände die ersten Piloten der Bundeswehr ausgebildet. 1977 zieht die bundesweit einmalige Bildungseinrichtung der Luftwaffe von Neubiberg in einen Neubau in Fürstenfeldbruck. Im September 2025 wird sie ins fränkische Roth verlegt und bezieht dort einen Neubau. Der Fliegerhorst wird entgegen ursprünglichen Plänen als Militärstandort erhalten.
Im chronologischen Teil des Buchs werden auch die Schattenseiten der US-amerikanischen Besatzung nach dem Kriegsende nicht verschwiegen. Unter den geschichtlich beschlagenen Experten, die zu Wort kommen, ist der Fürstenfeldbrucker Stadtarchivar und Historiker Gerhard Neumeier. Die Übergriffe von US-Soldaten, Vergewaltigungen und die Zunahme der Prostitution in den noch recht distanzierten ersten Monaten und Jahren gehören zur Fürstenfeldbrucker Nachkriegsgeschichte.

Richard Williams Higgins steht bereits für die Zeit der deutsch-amerikanischen Freundschaft und die gegenseitige Wertschätzung. Nach dem US-Piloten sind eine Schule und eine Straße in Fürstenfeldbruck benannt. 1957 zieht Higgins sein Flugzeug, das einen Triebwerksschaden hat, im Sinkflug noch über die Stadt hinweg, statt sich rechtzeitig mit Schleudersitz und Fallschirm in Sicherheit zu bringen.
Der Fliegerhorst entwickelt sich unter US-Kommando zu einem bedeutenden Arbeitgeber. Und wird zur sportlichen Keimzelle: 1946 wird der Boxclub Piccolo gegründet, von dem der Fürstenfeldbrucker Maschinenschlosser Ulrich Pöllinger berichtet. 1987 hat er nach der Grundausbildung seinen Wehrdienst auf dem Fliegerhorst abgeleistet und sich anschließend als Zivilbeschäftigter einen Namen als „Meister aller Schlüssel“ gemacht. Er gehört dem bis heute bestehenden Verein an, aus dem erfolgreiche Wettkämpfer hervorgegangen sind und der gut 450 Mitglieder zählt.

Oberbürgermeister Christian Götz (Brucker Bürgervereinigung), früher selbst Zivildienstleistender, hat längst gute Kontakte in den Fliegerhorst. Regelmäßig im Advent schenkt er gemeinsam mit dem Standortältesten auf dem Christkindlmarkt Erbsensuppe aus, deren Erlös gespendet wird. Den Flughafen habe früher der Nimbus des Geheimnisvollen umgeben, erinnert sich Götz in seinem Grußwort. Für normalsterbliche Brucker ein weißer Fleck auf der Landkarte hinter Schlagbaum und Stacheldraht. Wenn Starfighter oder Tornado die Schallmauer durchbrechen, klirrt das Sonntagsgeschirr im Schrank.

:Aus 10 000 neuen Wohnungen wird nichts
Fürstenfeldbruck, Erding und Maisach haben schon Pläne für eine zivile Nutzung von Kasernen ausgearbeitet. Doch das Verteidigungsministerium stoppt die Konversion. Wie es jetzt für die Kommunen weitergeht.
Götz ist in seiner Jugend befreundet mit „Fliegerhorstkindern“, die mit ihren Familien meist in den Sternbauten vor den Toren des Militärgeländes wohnen – und die bis heute zusammenhalten, wie Gudrun und Heidrun Kaiser, Töchter des Fliegerhorst-Meteorologen Heinz Kaiser, berichten. Drei Jahre alt ist der heutige Oberbürgermeister, als auf dem Fliegerhorst die geplante Befreiung der israelischen Geiseln in einem Blutbad endet. Unter den Todesopfern des Olympia-Attentats ist auch der Münchner Polizist Anton Fliegerbauer. Für dessen Sohn Alfred Anton Fliegerbauer eine Zäsur, die bis heute schmerzvoll nachwirkt, wie er in seinem Beitrag verdeutlicht.

Zusammengetragen und ergänzt haben die Beiträge zwei Bundeswehr-Redakteure, die selbst enge Beziehungen zum Fliegerhorst und zu den Menschen haben, die den Luftwaffenstandort in all den Jahren geprägt haben: Kasernenoffizier und Leutnant zur See Amir Houssaini, 23, im Jahr 2020 Absolvent des 120. Offiziersanwärterlehrgangs in Fürstenfeldbruck. Und der Journalist Klaus Pokatzky, 70, einst überzeugter Kriegsdienstverweigerer, heute Medientrainer für Führungskräfte der Bundeswehr sowie Flieger der Reserve.
„Die Offizierschule in der Wiege der Luftwaffe“ ist im Dezember in einer Erstauflage (240 Seiten, Din-A-4-Format, Hardcover) erschienen. Die 1500 Exemplare sind vorzugsweise für Bundeswehrangehörige reserviert. Weitere Exemplare sollen kostenlos an zivile Interessenten abgegeben werden (Anfragen per E-Mail unter OSLwChronik@bundeswehr.org).





















