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Frankfurter Volksfest: Ist die Dippemess des Kulturerbetitels wert? | ABC-Z

Mit dem Riesenrad geht es hoch hinaus, die Achterbahn schießt um enge Kurven, und vom Break Dancer kann man sich richtig schön durchschütteln lassen. Nichts für schwache Mägen, vor allem nach einem Meter Bratwurst und einem halben Liter Bier. Man fragt sich unweigerlich, wie derlei Spektakel zu Kulturerbe werden konnte.

Die UNESCO definiert den Begriff „Immaterielles Kultererbe“ als „Bräuche, Traditionen, Ausdrucksformen, Wissen und Fertigkeiten (…), die Gemeinschaften, Gruppen und gegebenenfalls Einzelpersonen als Bestandteil ihres Kulturerbes ansehen“. Für die Aufnahme hat sie einen umfassenden Kriterienkatalog erstellt, die meisten Vorschläge werden nicht berücksichtigt. Das Verfahren ist langwierig, wenn auch bei Weitem nicht so anspruchsvoll wie die Aufnahme auf die Welterbeliste. Zunächst geht es zudem um eine nationale Auswahl, eine Nominierung für eine weltweite Liste würde einen weiteren Vorgang voraussetzen.

Zum Immateriellen Kulturerbe zählen international beispielsweise der Tango und Yoga, nationale Beispiele sind die deutsche Brotkultur oder der rheinische Karneval. Was sagt es über ein Volk aus, dessen nennenswerteste „kulturelle“ Ereignisse mit Alkohol im Überfluss in Verbindung gebracht werden?

Auf Spurensuche

Bei der Spurensuche auf dem Festplatz fallen am Eingang die mobilen Durchfahrtssperren und die Polizeipräsenz auf. In heutigen Zeiten wohl leider notwendig. Zu kaufen gibt es nahezu alles. Von traditionellen Kirmessnacks wie Popcorn oder Zuckerwatte (die in riesigen Eimern verkauft wird) über Tabak bis hin zu billigem Schmuck und Lederwaren, schlechte Wortspiele inklusive. So wirbt ein Brezelverkäufer mit dem Slogan „Wir brezeln dich auf“. Neben der typischen Bratwurstbude sind auch internationale Speisen zu finden. Gefühlt hecheln die Standbetreiber jedem Trend hinterher. Muss wirklich überall Matcha drin sein? Und überall gibt es Süßigkeiten. Es erfordert höchste Disziplin, ein Volksfest ohne Zuckerschock zu verlassen.

Traditionsreich: Dieses Spiel gibt es seit Generationen.Janek Stempel

Crêpes und Zuckerwatte sind erst mal genug, die Fahrgeschäfte warten. Die Geisterbahn wird unbeschadet überstanden, das zweite Fahrgeschäft erzwingt wegen einsetzender Übelkeit einen Abbruch der Testserie. Im Biergarten sitzend, werden die Anforderungen der UNESCO überprüft.

Den Status als gesellschaftliches Fest kann man der Dippemess unzweifelhaft attestieren. Auch eine „lebendige Praxis und Anwendung in der Vergangenheit, Gegenwart und der (nahen) Zukunft“ ist festzustellen, schließlich existiert die Dippemess schon seit dem 14. Jahrhundert und ist auch heute noch gut besucht. Die Schaustellerbetriebe sind zudem meist schon seit Generationen in Familienhand. Darüber hinaus ist die Veranstaltung bei aller Tradition auch wandlungsfähig. Angefangen als mittelalterlicher Markt für Haushaltswaren, ist sie längst zur modernen Kirmes geworden. Auch die Offenheit für verschiedene gesellschaftliche Gruppen ist gewährleistet, auf dem Festgelände tummeln sich Menschen jeglicher Herkunft und Altersgruppen.

Die Kriterien für eine Aufnahme als Immaterielles Kulturerbe sind also erfüllt. Kultur entsteht nicht im Museum, sondern dort, wo Menschen ihr Leben feiern. Volksfeste sind immer auch ein Spiegel des Zeitgeistes. Sie sind gelebte Gemeinschaft, laut, manchmal kitschig, aber zutiefst menschlich. Und wenn man ehrlich ist: Ein Riesenrad im Abendlicht kann mitunter mehr Lebensfreude vermitteln als so manch ernster Opernabend.

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