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Frankfurt: Jüdischer Christlich Demokratische Union-Politiker Avi Shefatja holt Rekordergebnis | ABC-Z

Seit die Ergebnisse der hessischen Kommunalwahl ausgezählt sind, ist viel von „Stimmenkönigen“ die Rede. Damit gemeint sind Kandidaten, die so viele persönliche Stimmen eingesammelt haben, dass sie auf der Liste, für die sie angetreten sind, weit nach oben gerutscht sind. Eine Besonderheit im hessischen Kommunalwahlrecht, nämlich die Möglichkeit der Wähler, Stimmen anzuhäufen und aufzuteilen, also zu kumulieren und zu panaschieren, macht diese Sprünge möglich.

Einer, der dabei besonders hoch hüpfte, ist Avi Shefatja. Für die Frankfurter CDU kandidierte der Zweiunddreißigjährige für die Stadtverordnetenversammlung. Vom aussichtslosen Listenplatz 39 schaffte er es auf die vierzehnte Position, ganze 25 Plätze machte Shefatja wett – und wird nun in das Frankfurter Stadtparlament einziehen.

Ist er über dieses Traumergebnis überrascht? „Nein“, antwortet Shefatja selbstbewusst. „Das war kein Zufall.“ Seit gut zehn Jahren sei er schon politisch engagiert und in der Stadt mittlerweile gut vernetzt – bei der Kommunalwahl habe sich das nun ausgezahlt.

Die jüdische Gemeinschaft ist seine „Basis“

Vor allem – aber nicht nur – von jüdischen Wählern seien seine vielen Extrastimmen gekommen, sagt er. Die jüdische Gemeinschaft in Frankfurt nennt Shefatja seine „Basis“, dort fühlt er sich zu Hause – und für sie will er sich in der Stadtverordnetenversammlung nun auch besonders einsetzen. Der Kampf gegen den Antisemitismus soll der Schwerpunkt seiner Arbeit als Lokalpolitiker werden, „jüdisches Leben“ will er sichtbarer und selbstverständlicher machen.

Gerade in Frankfurt, das oft als „jüdischte Stadt Deutschlands“ bezeichnet wird und wo die jüdische Gemeinde gut 6500 Mitglieder zählt, sei es wichtig, dass Juden sich auch in der Politik engagierten und ihre Stimme erhöben. „Wir dürfen uns nicht verstecken“, sagt Shefatja. „Wir müssen uns einmischen.“

Der Kommunalpolitiker arbeitet deshalb auch im CDU-Zukunftsforum für jüdisches Leben in Hessen mit. Gemeinsam mit Uwe Becker, dem hessischen Antisemitismusbeauftragten, tritt er als Sprecher der 30 Mitglieder zählenden Gruppe auf, die im Mai 2025 gegründet wurde. In die christdemokratische Partei ist Shefatja schon 2016 eingetreten, auch bei dieser Entscheidung spielte seine jüdische Herkunft eine Rolle. Die CDU sei die Partei, die sich am stärksten für jüdische Belange einsetze, und auch diejenige, die schon immer „solidarisch zu Israel“ stand. „In der CDU muss ich mich nicht verstellen.“

Seine Familie stammt aus Aserbaidschan

Geboren ist Sheftaja in Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan. 2004 sind seine Eltern mit ihren drei Söhnen nach Deutschland emigriert, als sogenannte Kontingentflüchtlinge. Elf Jahre war er damals alt. „Sie wollten uns eine bessere Zukunft ermöglichen, mit guter Bildung und der Chance zum Aufstieg“, sagt Shefatja. Für den mutigen Schritt, ihre Heimat zu verlassen, sei er seinen Eltern bis heute dankbar. Erst lebte die Familie in Halle an der Saale, dann in Frankfurt, im Stadtteil Höchst.

„Jude“ sei schon damals ein häufig benutztes Schimpfwort auf dem Schulhof gewesen, erinnert sich Shefatja. Auch er wurde ausgegrenzt. Weggeduckt hat er sich trotzdem nicht. Aus seiner religiösen Zugehörigkeit machte Shefatja in der Schule kein Geheimnis. Das hat auch geholfen, Vorurteile abzubauen. Denn mit seiner Existenz hat Shefatja die Stereotypen widerlegt. Dass ein Jude nicht reich ist, dass er keine Privatschule besucht, brachte das Weltbild seiner Mitschüler ins Wanken.

Eintracht-Fan und Restaurantbetreiber

Der Hamas-Angriff vom 7. Oktober und der Gazakrieg haben auch in Deutschland zu einer neuen antisemitischen Welle geführt. Viele Juden hätten heute wieder Angst, sagt Shefatja. „Sie trauen sich nicht mehr, in der Öffentlichkeit einen Davidstern zu tragen, oder fragen sich, ob ihre Kinder im jüdischen Kindergarten oder in der jüdischen Schule noch sicher sind.“ In seinem Umfeld habe es nach dem 7. Oktober einige gegeben, die überlegt hätten, aus Deutschland auszuwandern. „Daran will ich etwas ändern“, sagt der Politiker. „Wir brauchen mehr Sicherheit.“

Für Shefatja ist Frankfurt schon lange Heimat. Er schwärmt für die Fußballer der Eintracht, ist gern im Stadion. Mit seiner Familie lebt er im Westend, seine Kinder sind noch jung: sieben Monate und zweieinhalb Jahre alt. Während der Schulzeit hat Shefatja viel „in der Gastronomie gejobbt“, als Spüler, im Service, als Barkeeper. Nach dem Abitur machte er sich selbständig, in Neu-Isenburg betreibt er ein italienisches Restaurant, daneben arbeitet er als Immobilienkaufmann.

An seine Kindheit in Aserbaidschan kann sich Shefatja kaum mehr erinnern. Nach seiner Emigration ist er nie wieder in die frühere Sowjetrepublik zurückgekehrt. Seine Herkunft spiele für ihn dennoch eine wichtige Rolle, sagt er. Bergjuden werden die Juden aus der Kaukasus-Region oft genannt. Ihre Traditionen unterscheiden sich teils stark von denen der aschkenasischen Juden, deren Wurzeln in Westeuropa liegen.

„Wir haben eine andere Kultur, andere Tänze, anderes Essen und eine eigene Sprache, die dem Persischen sehr nahe kommt“, erzählt Shefatja. Etwa 4000 Juden mit Wurzeln im Kaukasus leben heute in Deutschland. Deren Traditionen werden vor allem von der „Gemeinde der kaukasischen Juden in Deutschland“ gepflegt. Der Verein ist besonders in Frankfurt, Berlin und Nürnberg aktiv – und Avi Shefatja sein Vorsitzender.

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