Formel 1 in Madrid: Brumm dumm | ABC-Z

A ngeles Torets steht auf dem Balkon ihres Einfamilienhauses. Würfelförmig, weiß, dreistöckig, große Fenster. Helle, minimalistisch eingerichtete Räume und Terrassen mit Blick in die Ferne. Die 64-jährige pensionierte Büroangestellte hat das Haus gemeinsam mit ihrem Mann gebaut, in Carcavas, einer Siedlung am nordöstlichen Stadtrand Madrids. Zehn Jahre ist das jetzt her. Da war das 60 Hektar große Loch, das gegenüber von ihrem Haus auf der anderen Straßenseite gähnt, noch nicht abzusehen. Torets ist wütend, wenn sie auf dieses Loch blickt. „Es ist einfach unser Traumhaus, und jetzt das“, sagt sie.
Baumaschinen haben gegenüber des Wohnwürfels der Torets eine halbe Million Kubikmeter Erde verschoben, Hänge aufgeschüttet, Trassen planiert. Einige davon werden gerade asphaltiert. Was Torets aufregt, ist der Stolz der konservativen Regierung der Hauptstadtregion und der ebenfalls konservativen Stadtverwaltung Madrids: Madring, die neue Rennstrecke für den Großen Preis von Spanien in der Formel 1 im September. Insgesamt 5,4 Kilometer lang wird der Kurs, den die hauptstädtische Messegesellschaft Ifema baut. Ein großer Teil davon verläuft auf dem Messegelände, direkt vor Torets Nase. Aber auch 1,3 Kilometer öffentliches Straßenland wird zur Rennstrecke.
„Hätte ich das geahnt, hätte ich hier nicht gebaut“, sagt Torets mit ernstem Ton. Als sie nach Carcavas kam, gab es nur kleine einstöckige Häuser und Freiflächen. Mittlerweile haben hier viele ihr Eigenheim gebaut. „Es war einfach billiger als anderswo in der Hauptstadt und ruhiger auch“, erzählt Torets. Nach und nach entstand die heutige Siedlung und rundherum weitere Wohnviertel. Daneben hat auch der hauptstädtische Fußballverein Real Madrid hier draußen sein Trainingsgelände errichtet, nachdem er das alte in der Stadt für teuer Geld verkauft hatte.
Bis zu 130 Dezibel
Heute ist Constantino Blanco bei Torets zu Besuch. Er wohnt eine Straße weiter – „zweite Reihe“, wie der 53-jährige verheiratete Vater zweier Kinder und Angestellte in einer Firma am Madrider Flughafen das nennt. Torets und Blanco gehören zu den Gründern der Nachbarschaftsinitiative „Stop Formula 1“. Sie entstand, als Anfang 2025 die Pläne für die Rennstrecke bekannt wurden. Immer wenn sich die beiden treffen, ist viel von Dezibel die Rede. Es ist die Messeinheit für Lautstärke, also für Lärm. „Und der ist ab einem gewissen Volumen gesundheitsschädlich“, sagt Torets.
„Hier werden wir deutlich über den Grenzwerten liegen“, gibt Blanco zu bedenken. Bis zu 130 Dezibel erzeugt jedes einzelne der 20 Formel-1-Autos, wenn es über 300 Stundenkilometer erreicht. Das entspricht einem durchstartenden Militärjet. 95 bis 100 Dezibel davon kommen mindestens an den Häusern in der ersten und auch noch in der zweiten Reihe an. Und auch weiter weg werden die gültigen Grenzwerte bei Weitem überschritten. Das bestreiten selbst die Studien der Bauherren nicht.
55 Dezibel im Freien gelten bereits als deutlich störender Lärm. „100 Dezibel sind nicht doppelt so laut wie 50“, erklärt Blanco. Vielmehr verdoppelt sich die Lärmbelastung auf der Dezibel-Skala in 10er-Schritten – ein sogenannter Logarithmus. „Dort ist eine Überholstrecke geplant, bevor es dann in eine Steilkurve geht“, beschreibt Torets, was direkt vor ihrem Balkon gebaut wird.
Stadt- und Regionalverwaltung verweisen darauf, dass für besondere Ereignisse Lärmpegel über den Grenzwerten vom Gesetz zugelassen sind. Natürlich wissen das auch Torets und Blanco. Aber sie lassen den Einwand nicht gelten. „Das Gesetz sieht Sonderregelungen für traditionelle Volksfeste vor, wie etwa die Feuerwerke während der Fallas in Valencia oder das Trommeln in der Osterwoche in manchen Städten“, sagt Blanco. Doch das hier sei etwas ganz anderes. „Hier verdient jemand Geld mit der Erzeugung von Lärm auf Kosten unserer Gesundheit. Es geht nicht um althergebrachte Bräuche“, schimpft Torets.
Hier verdient jemand Geld mit der Erzeugung von Lärm auf Kosten unserer Gesundheit
Constantino Blanco, „Stop Formula 1“
Das Gelände, das jetzt für die Rennstrecke umgebaggert wird, hat die Messegesellschaft Ifema jahrelang als Festivalgelände vermietet. Die Anwohner des Madrings bezweifeln, dass der Formel-1-Zirkus nach den drei angesetzten Trainings- und Renntagen weiterziehen wird. Tatsächlich will die Ifema weitere Rennen unter Vertrag nehmen. Der Lizenzantrag läuft.
Schneller geht es nirgends, lauter auch nicht
Weiter im Süden, dort, wo die Rennwagen nach der Boxengasse das Messegelände für 1,3 Kilometer verlassen und über öffentliche Straßen rasen, befinden sich wesentlich mehr Menschen in der Zone hoher Lärmbelästigung. Denn dort, im Stadtteil Hortaleza, säumen fünfstöckige Wohnblocks die langen Straßen. Dazwischen immer wieder Grünflächen. Die ersten Blocks stehen keine 100 Meter entfernt von der mit 837 Metern längsten Geraden des Kurses entfernt. Dort sollen die Motoren auf Spitzengeschwindigkeit beschleunigen, über 300 Stundenkilometer können auf der 12 Meter breiten Calle de la Ribera de Sena gefahren werden. Schneller geht es nirgends, lauter auch nicht.
„Zwei Kindergärten, zwei Schulen, eine Einrichtung für Kinder mit Autismus sowie ein Altersheim werden direkt vom Lärm betroffen sein“, erklärt Carmen Morcillo. Die 63-jährige pensionierte Büroangestellte wohnt auf Sichtweite zur Messe und hat zwei Enkelkinder auf einer der betroffenen Schulen. Sie hat sich mit einer Freundin und Nachbarin, Isabel Gallego, in einem ebenfalls in der Lärmzone liegenden Park getroffen. „Das hier war ein ruhiges Wohngebiet, bevor Ifema die Idee hatte, ihre Einrichtungen für anderes zu nutzen als für Ausstellungen. Die Formel 1 ist die letzte von einer ganzen Reihe solcher Initiativen“, sagt Gallego, 69, ehemalige Gymnasiallehrerin. Auf der anderen Seite der Schnellstraße, die den Stadtteil von der Messe trennt, liegen mehrere Parkplätze. Dort finden im Sommer Konzerte statt. An Schlafen sei dann nicht zu denken, erklären die beiden.
Auch die Versorgung mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Parkplätzen sei unzureichend für diese Mega-Events, sagt Morcillo. „Ich kann mir gut vorstellen, was passiert, wenn sie hier Straßen für das Formel-1-Rennen sperren und über 140.000 Besucher zum Rennen kommen“, sagt Gallego. Auch die Logistik für den Auf- und Abbau werde zu Staus und Behinderungen für die Anwohner führen, fürchtet sie, womöglich wochenlang.
Drei Tage Lärm
Carlos Jiménez, Operativ-Direktor bei Ifema, kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Für ihn sind die Kritiker „politisierte Anwohner“, Sympathisanten der kommunalen und regionalen Opposition. Was den Lärm angehe, seien das mit Training, Vorläufen und Rennen nur drei Tage, beteuert er. Was bei den Anwohnern ankomme, sei windabhängig, meint der 39-Jährige, der bereits während seines Ingenieurstudiums vor 16 Jahren bei Ifema anfing und sich hochgearbeitet hat. Jiménez steht bei Kaffee und Orangensaft in einer der unpersönlichen Caféterias im Hauptgebäude der Messe Rede und Antwort. „Die größte Herausforderung ist nicht der Lärm, sondern die öffentliche Verkehrssituation“, geht er dann auf die andere Sorge der Anwohner ein. „Doch von Monaten, wie sie es vorrechnen, kann nicht die Rede sein“, erklärt er. Nur rund zehn Tage, „von Sonntag bis zum Dienstag nach dem Wochenende“ müssten Straßen gesperrt werden: dort, wo gegenüber der Wohnblocks von Morcillo und Gallego die Strecke verläuft, um Zäune und Zuschauertribünen auf- und wieder abzubauen.
„Ich gebe eines zu bedenken: Wir als Messe sind der Nachbar, der am meisten beeinträchtigt wird“, sagt er dann. Im September und Oktober sei Hochsaison für Ausstellungen aller Art. „So schnell wie möglich zum Normalbetrieb zurückzukehren, liegt im Interesse von Ifema“, sagt der junge Mann, der bei Ifema für alles verantwortlich ist, was rund um den Messebetrieb organisiert werden muss.
„Seit einiger Zeit, bin ich vor allem mit der Formel 1 beschäftigt“, meint er und kommt dann ins Schwärmen über das Projekt Madring: „Wir sind das erste Formel-1-Rennen, das eine urbane Strecke mit einem traditionellen Kurs verbindet.“ Anders als viele andere vergleicht Jiménez Madring nicht mit dem Stadtrennen in Monaco. „Wir sind vielmehr so etwas wie der große Preis in Miami. Dort findet das Rennen rund um das Stadion der Dolphins statt“, erklärt Jiménez. Madring und Miami haben gemein: Eine bestehende Einrichtung werde für weitere Aktivitäten – in diesem Fall die Formel 1 – genutzt. Dort sei es das Football-Stadion und hier die Messe, die praktisch alles biete, was gebraucht wird, Gastronomie, Büros und Säle für die Presse.
Autorennen statt Messegelände
Die Idee für das Rennen in Madrid kam nach der Covidpandemie. Das Messegeschäft ging damals zurück, und es erholte sich offensichtlich auch nicht gänzlich wieder: Das Gelände, das jetzt zur Rennstrecke ausgebaut wird, war mal für eine Erweiterung der Ausstellungsfläche gedacht. „Das ist erst einmal nicht mehr nötig“, erklärt Jiménez. Der Ifema-Direktor, der aus der Automobilbranche stammt, kam auf die Idee mit der Formel 1. Diese hatte noch eine Lücke im Jahreskalender und keinen Großen Preis von Spanien mehr. „Wir bekamen den Zuschlag und die volle Unterstützung von Stadt und Region“, sagt Jiménez. Die Präsidentin der Regionalregierung, Isabel Díaz Ayuso, ließ sich bei einer Werbeveranstaltung stolz im Rennfahrer-Outfit mit einem Formel-1-Wagen ablichten.
Der Operativ-Direktor schwärmt vom Kurs. „Mit ‚La Monumental‘ werden wir die längste Steilkurve in der gesamten Formel 1 haben“, sagt er. Und spätestens bei der zweiten Auflage 2027 sollen die Rennwagen durch eine Messehalle donnern. So etwas gibt es sonst nirgends. 160 Millionen Euro auf zehn Jahre soll das Spektakel kosten. „Das ist nicht viel“, sagt Jiménez, denn schließlich sei bis auf den Kurs selbst und das Boxengebäude dank der Messehallen alles da, was es brauche.
Proteste in Madrid gegen den Bau der Formel-1 Rennstrecke im September 2025
Foto:
Alejandro Martínez Vélez/Europa Press/imago
80.000 der 145.000 Karten seien bereits verkauft, vor allem die in der unteren Preiskategorie. Sie kosten zwischen 200 und 800 Euro. In den höheren Preisklassen sind es 1.500 Euro, und die VIP-Eintrittskarten gibt es für 5.000 Euro. „Viele kommen aus Lateinamerika und den USA. Für sie ist Madrid so etwas wie das Miami Europas“, sagt Jiménez mit stolzem Unterton. Viele dieser Besucher aus Übersee sind das, was die Tourismusbehörden der Region Premiumtouristen nennt – wohlhabende Menschen mit sehr locker sitzendem Portemonnaie.
„Die Herausforderung ist es, das Interesse an Madrid als Formel-1-Austragungsort über das erste Jahr hinaus zu erhalten, dann, wenn es keine Neuheit mehr ist“, weiß Jiménez. Sein Vorbild: Der Große Preis von Mexiko, der es versteht, mit lokalem und nationalem Flair Jahr für Jahr die Fans anzuziehen. Dann entschuldigt er sich und eilt davon: Der König kommt zu einer Ausstellungseröffnung, da muss Jiménez präsent sein.
Event-Tourismus verteuert Mieten
„Die Formel 1 ist ein weiteres Beispiel für die Politik der Konservativen, immer mehr Touristen mit Großevents anziehen zu wollen. Es geht vor allem um Besucher mit starker Kaufkraft. Die Madrilenen sind ihnen dabei egal“, beschwert sich Rita Maestre. Die 37-jährige Stadträtin und Sprecherin der größten Oppositionspartei der Region, Más Madrid Maestre, ist für Leute wie Jiménez die Frau, die hinter den „politisierten Anwohnern“ steckt. In Madrid steigen seit Jahren die Zahlen der Touristen und dank ihnen die Zahl der Ferienunterkünfte. Investoren kaufen ganze Wohnblocks auf, um sie in Touristenappartements umzuwandeln. Mieten und Kaufpreise für Wohnungen werden immer teurer, die Stadt leert sich. „Mit einem normalen Lohn kannst du nicht mehr in der Innenstadt leben. Viele ziehen in die umliegenden Gemeinden, andere sogar in Nachbarregionen“, sagt Maestre. „Sie stehlen uns Madrid“, heißt deshalb das Motto der neuesten Kampagne von Más Madrid. „Events wie die Formel 1 verstärken diesen Trend noch und bringen ihn bis in die Außenbezirke“, sagt die junge Politikerin, die vier Jahre lang die rechte Hand der linksalternativen Ex-Bürgermeisterin Manuela Carmena war.
Als die Regionalregierung das Projekt Formel 1 vorstellte, hieß es, es würde den Madrilenen keinen Cent kosten. „Das stimmt schon lange nicht mehr“, beschwert sich Maestre. Denn die Investoren kamen nicht wie gewünscht, trotz intensiver Werbung in Süd- und Nordamerika sowie in den arabischen Ländern. Die Gewinnaussichten sind ohne Investoren einfach nicht sicher genug. Maestre rechnet nicht mit 160 Millionen Euro Kosten für die Infrastruktur, wie dies die Messe offiziell tut, sondern, wie die spanische Presse auch, mit Gesamtkosten von weit über 400 Millionen Euro. Denn alleine an die Formel 1 fließen für zehn Jahre knapp 300 Millionen für die Veranstaltungsrechte. All dies übernimmt Ifema, die mit über 400 Millionen Euro Gewinn pro Jahr rechnet, und damit sogar verdienen würde.
Es geht vor allem um Besucher mit starker Kaufkraft. Die Madrilenen sind ihnen dabei egal
Rita Maestre, Stadträtin
Wenn diese Rechnung aber nicht aufgeht, müssen Region und Stadt dafür geradestehen. Denn die Messegesellschaft ist eine öffentlich-private Einrichtung. Rund zwei Drittel gehören der öffentlichen Hand. „Letztendlich haftet damit der Steuerzahler für das Formel-1-Abenteuer“, sagt Maestre. Und schlimmer noch: Sollte Ifema zwei Jahre in Folge rote Zahlen schreiben, ist dies das Ende der Gesellschaft. So steht es in den Statuten, eben weil Ifema einen starken öffentlichen Anteil hat. Wie es genau bei der Messegesellschaft aussieht, weiß niemand zu sagen. „Sie verweigern uns den Einblick in ihre Bücher, mit der Ausrede, das Unternehmen sei teilweise privat“, berichtet Maestre. Vertrauen in die offiziellen Zahlen schafft dies freilich nicht.
Die Kritiker der Formel 1 schauen immer wieder in die Mittelmeerregion Valencia. Dort wurden 2008 bis 2012 auf einer eigens von der konservativen Regionalregierung gebauten urbanen Strecke Formel-1-Rennen ausgetragen. Auch dort war die Rede davon, dass es Stadt und Region keinen Cent kosten würde. Letztendlich blieben 300 Millionen Euro Schulden zurück. „Zehn Jahre dauerte es, bis dieser Schuldenberg abgetragen war“, berichtet Maestre. „Statt Geld für das Gesundheitssystem, für Kindergärten und Bildung oder besseren öffentlichen Nahverkehr zu haben, zahlten die Valencianos Hunderte Millionen für die Formel 1 und für viele, viele schöne Fotos von Regionalpolitikern und der Bürgermeisterin in Sportwagen“, fügt Maestre hinzu.





















