Formel 1: Der Österreicher Helmut Marko verlässt Red Bull – Sport | ABC-Z

Wenn stimmt, was sich da über das vergangene Rennwochenende der Formel 1 zwischen dem Arabischen Golf und Fuschl am See zusammengebraut hat, dann verlieren sowohl Red Bull Racing als auch die Königsklasse eines ihrer markantesten Gesichter. Helmut Marko, der Motorsportberater des Getränkekonzerns, soll seinen noch bis Ende 2026 laufenden Vertrag nach Informationen des Londoner Telegraph nicht mehr erfüllen.
Ein selbst gewählter Abschied des omnipräsenten Marko, der im Fahrerlager ob seiner Habilitation als Jurist nur „der Doktor“ genannt wird, dürfte das kaum sein. Trotz seiner 82 Jahre war der einst von Konzernvater Dietrich Mateschitz als Talentsucher eingestellte Marko voller Energie und Zuversicht, dass der erfolgsverwöhnte Rennstall den Turnaround hin zum Guten geschafft hat, nach dieser um zwei Pünktchen verpassten Titelverteidigung von Max Verstappen. „Der Red-Bull-Spirit ist wieder zurück“, sagte Marko.
:Der Zehntausend-Wörter-Weltmeister
Nach seinem ersten Formel-1-Titel gewährt Lando Norris einen tiefen Einblick in sein Seelenleben – und zeigt, weshalb er sich von vielen anderen Champions in einer Egoisten-Sportart unterscheidet.
Ob entlassen oder gegangen, der Grazer selbst ist künftig wohl nicht mehr für den eiligen Geist im Konzern verantwortlich. Am Montag sollen laut britischer Quellen die entscheidenden Gespräche geführt worden sein. Marko selbst hatte, nachdem sich die Spekulationen schon über das Rennwochenende verdichtet hatten, seine Zukunft in Abu Dhabi so beschrieben: „Es handelt sich um ein komplexes Geflecht aus verschiedenen Faktoren. Das muss alles passen.“ Er sei nicht auf den Job angewiesen. Dass er nicht mehr ins System passt, bedeutet im Umkehrschluss, dass ihm am System einiges nicht mehr passt. Und dass Helmut Marko seine Meinung nicht deutlich zum Ausdruck bringen würde, lässt sich nun wirklich nicht behaupten.
Seit der Entlassung des übermächtig gewordenen Teamchefs Christian Horner im Sommer schien Marko auch den seit anderthalb Jahren schwelenden internen Machtkampf endgültig gewonnen zu haben. Jetzt sieht es so aus, als ob Horners Demission nur der Anfang einer radikal neuen Ausrichtung des Rennstalls ist, hinter der Red-Bull-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff steht. Der ehemalige Langstreckenläufer verantwortet den für das Unternehmen aus Marketinggründen so wichtigen Sportbereich, der Deutsche soll nie ein enger Freund Markos gewesen sein.
In Sebastian Vettel und Max Verstappen zog Marko für Red Bull zwei Formel-1-Weltmeister heran
Der ehemalige Rennfahrer, der 1972 bei einem Unfall sein linkes Auge verloren hat, verkörperte nicht nur den harten Hund und telegenen Grantler im Formel-1-Konzept seines vor drei Jahren verstorbenen Freundes Dietrich Mateschitz, er übererfüllte auch seinen Auftrag als Nachwuchsförderer: In Sebastian Vettel und Max Verstappen zog er für Red Bull zwei jeweils vierfache Weltmeister heran. Die Hälfte des aktuellen Fahrerfeldes ging durch seine gnadenlose Schule, gerade erst wurde das Talent Isack Hadjar an Verstappens Seite befördert und Markos Entdeckung Arvid Lindblad in die Formel 1 aufgenommen.
Wenn sich der Kunstsammler und erfolgreiche Hotelier jetzt zurückzieht, verliert Red Bull nach außen hin die letzte österreichische Komponente. Das Team ist längst ein durch und durch britisches. Die Sorge in der Heimat ist groß, wie Online-Reaktionen zu den ersten Meldungen vom Montagabend zeigen. Wer solle nun das „Griaß eich“ aus der Boxengasse dem ORF spenden, und das „Servus“ dem Red-Bull-eigenen Servus-TV?
Dass sich Red Bull nach den Weggängen von Design-Genie Adrian Newey zu Aston Martin und dem Verlust von Sportdirektor Jonathan Wheatley an Audi komplett neu aufstellen muss, war schon länger fällig. Dem Technikchef Pierre Waché fehlte es lange an Fortune, der Wandel zum Guten geschah erst durch die Beförderung von Laurent Mekies, bislang verantwortlich für den Nachwuchsrennstall Racing Bulls, zum Chef des A-Teams. Der Franzose ist Ingenieur und Manager in einem, er verkörpert eine neue Generation an den Formel-1-Kommandoständen.
Der größte technologische Einschnitt in der Formel-1-Geschichte: Die Motoren werden erstmals halbelektrisch sein
Der Zeitpunkt für einen radikalen Schnitt beim Drittplatzierten der Konstrukteurs-WM erscheint logisch, aber auch nicht ganz ungefährlich. Die Königsklasse steht vor dem größten technologischen Einschnitt ihrer Geschichte: Von März an gibt es nicht nur eine komplett neue Rennwagengeneration, erstmals werden die Motoren auch halbelektrisch sein. Niemandsland für alle und damit die Chance, entweder auf Stabilität oder auf Risiko zu setzen.
Mit der Entwicklung unter den neuen Regeln, aber auch dem Schicksal von Helmut Marko eng verbunden ist die Zukunft des gerade entthronten Titelverteidigers Max Verstappen, der in der Form seines Lebens fährt. Der 28 Jahre alte Niederländer hat Marko alles zu verdanken und war während des Machtkampfes mit Horner der Garant für den Verbleib des Mentors in der Teamführung. Verstappen war auch treibende Kraft für die Verlängerung von Markos Vertrag, der nun vorzeitig enden soll. Zumindest die längerfristige Zukunft Verstappens bei Red Bull erscheint dadurch gefährdet. Mercedes und Aston Martin hatten schon in diesem Sommer heftig um ihn gebuhlt, in Verstappens bis Ende 2028 laufendem Vertrag gibt es Ausstiegsklauseln.
Zuletzt hatte der Ausnahmefahrer trotz des knapp verpassten WM-Titels wieder Spaß bei seinem Rennstall und Zutrauen gefunden. Vor allem hat sein Wort in der neuen Hierarchie nach Horners Weggang in allen Belangen mehr Gewicht bekommen. Kommt es jetzt zu einem Revirement, kann das kaum ohne sein Plazet beschlossen worden sein. Entscheidend für Verstappen wird auch eine weitere Personalie sein. Sein Renningenieur Gianpiero Lambiase zeigte sich nach dem Finale ungewohnt emotional. Der Italiener könnte, auch aus privaten Gründen, eine neue Rolle in der veränderten Red-Bull-Struktur einnehmen, und Verstappen müsste sich auf eine andere Bezugsperson einstellen.
Die Saisonbilanz der neuen Lichtfigur Laurent Mekies ist vielsagend interpretierbar: „Helmut hat enorm dazu beigetragen, uns in diesem Jahr wieder auf Kurs zu bringen. Aber die Formel 1 ist kein statisches Umfeld, Organisationen werden ständig angepasst, sowohl technisch als auch sportlich. Wir hinterfragen uns immer wieder, wie wir unsere Arbeitsweise verbessern können. Das ist völlig normal und bezieht sich nicht speziell auf Helmut. Ich kann ihm nur für seine Rolle danken.“ In einem Wort: Zielflagge.





















