Filmemacherin zur Lage im Iran: „Pro uns gibt es keinen Weg zurück“ | ABC-Z

Die iranische Filmemacherin Narges Kalhor lebt seit 17 Jahren im Exil in Deutschland. Im taz-Gespräch, das am 4.3. geführt wurde, erklärt sie, warum der westliche Blick auf den Iran und seine Menschen seit Jahrzehnten am Thema vorbeizielt – und was es bedeutet, wenn ein Volk Bombardierung dem eigenen Regime und seiner Willkür vorzieht.
taz: Frau Kalhor, wann und wo haben Sie vom Beginn der US- und israelischen Angriffe auf die Islamische Republik erfahren – und was waren Ihre ersten Gedanken?
Im Interview: Narges Kalhor
Narges Kalhor, geboren 1984 in Teheran, ist Filmregisseurin und lebt seit 2009 in Deutschland. Ihr Dokumentarfilm „Shahid“ feierte 2024 auf der Berlinale seine Uraufführung. Sie lehrt an der Filmuniversität Babelsberg. Ihr Vater war ein Medien- und Kulturberater des ehemaligen iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad.
Narges Kalhor: Ich habe es fast gleichzeitig mit den Menschen im Iran erfahren. Es war ein Samstag. In unserer Chat-Gruppe hatten wir schon vorher geschrieben: Alle wissen, dass dieser Moment kommt. Und trotzdem mussten die Menschen ihre Kinder zur Schule bringen, sind zur Arbeit gegangen. Meine beste Freundin war mitten in Teheran, als die ersten Bomben fielen. Sie konnte nicht weg. Die Eltern rannten los, um ihre Kinder aus den Schulen zu holen. Diese erste Stunde, diese erste Nacht, die haben wir alle gemeinsam erlebt, hier wie dort.
taz: Ihr Film „Shahid“, der auf der Berlinale 2024 seine Uraufführung hatte, beschäftigt sich mit einem Begriff, der in der islamischen Theologie wie in der iranischen Revolutionsbewegung eine besondere Rolle spielt. Hat das Wort „Shahid“ – Märtyrer – in der aktuellen Situation eine neue Bedeutung für Sie?
Kalhor: Man muss in Europa zunächst begreifen: 1979, mit der Machtübernahme Chomeinis, wurde der Iran zum Zentrum der schiitischen Welt. Das ist keine islamische Ideologie im allgemeinen Sinne – es ist eine spezifisch schiitische. Aus westlicher Perspektive macht man diesen Unterschied oft nicht. Aber er ist entscheidend. Ich bin Exilantin seit 2009, seit der Grünen Bewegung. Damals wollten wir keinen Regimewechsel. Wir wollten nur, dass unsere Stimmen gezählt werden. Ab diesem Moment hat das Regime die Menschen im Iran von der Außenwelt abgeschnitten. Ab diesem Moment hat das Regime uns sein wahres Gesicht gezeigt. Die waren aber schon ab 1979 so. Wir waren sehr naiv. Die IRGC (Islamische Revolutionsgarden, Anm. d. Red.) kontrolliert seither Wirtschaft, Universitäten, alles. Und das Wort „Shahid“ ist für uns zur Schande geworden, weil das Regime es sich angeeignet hat. Wenn heute 20.000 bis 30.000 Menschen ermordet werden, nennen die Iraner ihre Toten nicht „Shahid“. Sie sagen „Javid Nam“ – aus dem Altpersischen: unsterblich. Die Menschen distanzieren sich auch sprachlich vom Regime.
taz: Seit dem Wochenende sind Bilder aus deutschen Städten zu sehen: jubelnde Iraner, Menschen, die den Tod von Chamenei feiern. Können Sie erklären, warum dieser Krieg bei vielen Exiliranern diese Gefühle auslöst – und keine Verurteilung?
Kalhor: Wir müssen aufhören, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen. Kein Mensch kann sich über Krieg freuen. Militärische Interventionen führen nicht zwangsläufig zur Demokratie. Aber man muss den Standpunkt dieser Menschen verstehen. Meine Mutter hat mir kurz vor den Angriffen gesagt: Ich bevorzuge eine israelische oder amerikanische Bombe, als dass mich das Militär der Islamischen Republik auf der Straße erschießt – und danach meiner Familie Tausende Euros (ich weiß den Preis nicht genau!) abverlangt, um meinen Leichnam auszuhändigen. Das ist der Zustand, in dem die Menschen im Iran leben. Mein Schmerz ist ein anderer: Die Menschen, die jetzt gegen den Krieg laut werden, waren jahrelang still, wenn wir von den Toten auf den Straßen Irans erzählt haben, von den Hinrichtungen.
taz: Der Krieg wird von den meisten Völkerrechtler*innen in Deutschland als völkerrechtswidrig eingeordnet. Wie stehen Sie zu dieser Debatte?
Kalhor: Ich frage mich, wo diese Menschen waren, als es um das Völkerrecht im Iran ging. Ich lebe seit 17 Jahren im Exil. Ich bin 1984 geboren – mitten im Iran-Irak-Krieg, in dem über eine Million Menschen starben. Das Völkerrecht war das Letzte, was in meinem Land in den vergangenen 47 Jahren respektiert wurde. Die deutschen Bundespräsidenten haben dem islamischen Regime jahrelang die Hände geschüttelt. Wo waren da all jene Stimmen, die jetzt nach dem Völkerrecht rufen?
taz: Was hören Sie gerade aus dem Iran – von Freunden, von Ihrer Familie?
Kalhor: Seit der Niederschlagung der Aufstände herrscht tiefe Depression. Das Regime tut so, als ob das Leben einfach weitergeht. Die Raketen, die jetzt in Richtung verschiedener Länder verschossen werden, kommen aus den Steuergeldern der Bevölkerung – und aus dem Ölgeld, das nie bei ihr ankam. Viele haben gehofft, dass von außen Hilfe kommt. Doch niemand möchte in einem Land leben, das bombardiert wird. Man muss nur verstehen, wie weit ein Volk gekommen sein muss, um das zu bevorzugen. Wenn ich jetzt mit Ihnen spreche, zittere ich, obwohl ich in einem sicheren Land bin.
taz: Sie haben berichtet, dass sich die IRGC in Schulen und Krankenhäusern verschanzt. Von welchen Praktiken erfahren Sie noch?
Kalhor: Diese Informationen stammen aus direkten Gesprächen. Menschen rufen aus den Fenstern „Nieder mit dem Diktator“ – und werden erschossen. Viele haben keinen Internetzugang und wissen nicht, welche Stadtteile gerade bombardiert werden. Krebskranke wissen nicht, in welches Krankenhaus sie gehen sollen, weil einige Kliniken als Schutzräume für das Regime dienen. Viele bleiben zu Hause und hoffen, dass ihr Nachbar kein IRGC-Mitglied ist und keine Rakete in ihr Heim einschlägt.
taz: Ist der Wille der Bevölkerung nach all dem noch ungebrochen?
Kalhor: Wir haben keine andere Wahl. 2009 wollten viele von uns noch keinen Regimewechsel, wir wollten nur, dass unsere Stimmen zählen. Im Rückblick waren wir naiv. Und wenn man bedenkt, dass dieses Regime noch keine Atombombe besitzt, … man muss nur einen Moment darüber nachdenken, was wäre, wenn es eine hätte. Für uns gibt es keinen Weg zurück.
taz: Kritiker sagen, es gibt keine kohärente Oppositionsbewegung, keinen Plan für den Tag danach.
Kalhor: Die Menschen im Iran wissen sehr wohl, was sie wollen. Das Regime hat 47 Jahre daran gearbeitet, dass keine Opposition entsteht. Zu sagen: Zeigt uns euren Plan – das ist eine Falle. Wir wissen etwa nicht einmal genau, wo eine wichtige Persönlichkeit wie die Menschenrechtsaktivistin Narges Mohammadi gerade inhaftiert ist. Viele wichtige Stimmen existieren. Wir hören sie nur nicht. Das wird sich ändern, wenn das Regime weg ist.
Ich habe gelernt, meine eigene politische Überzeugung beiseitezulegen. Die Priorität liegt bei den Menschen im Iran, bei denen, die das Land nie verlassen konnten.
taz: Gibt es einen Konsens in der iranischen Diaspora – zwischen Demokraten, Monarchisten, den verschiedenen politischen Lagern?
Kalhor: Ich habe gelernt, meine eigene politische Überzeugung beiseitezulegen. Die Priorität liegt bei den Menschen im Iran, bei denen, die das Land nie verlassen konnten. Unabhängig davon, aus welcher Richtung wir kommen, teilen wir dieselbe Sorge. Das verbindet uns. Der Grund, warum wir hier sind – abgesehen von jenen, die Kinder des Regimes sind, die jetzt ebenfalls unter uns leben, man kann sie nicht immer erkennen –, ist derselbe: Wir hatten kein wirkliches Heimatland, in dem wir hätten leben können. Sonst wären wir nicht hier. Ich müsste keine Drehbücher auf Deutsch schreiben. Unser gemeinsames Ziel ist, dass dieses Regime nicht mehr existiert. Was die Menschen im Iran sich für ihre Zukunft wünschen, ist ihre Entscheidung. Ich maße mir nicht an, das von hier aus festzulegen. Ich habe einen deutschen Pass, ich habe immer einen Ausweg. Das ist ein Privileg, das ich mir bewusst machen muss.
taz: Was wäre der beste Fall, den Sie sich für den Iran vorstellen?
Kalhor: Dass die IRGC so bald wie möglich aufgibt und nicht die gesamte Region mit sich in den Abgrund zieht. Und danach: dass der solidarische Zusammenhalt, den ich mit meinen eigenen Augen sehe – Nachbarn, die aufeinander aufpassen –, bleibt, trotz aller politischen Unterschiede. Dass die Menschen nach so viel Trauer gemeinsam über ihre nächste Regierung entscheiden können. Eine Freundin im Iran hat mir etwas gesagt, das mir sehr im Gedächtnis geblieben ist: Sie wünscht sich, dass, wenn eine neue Regierung kommt, Kritik nicht wieder mit Gewalt beantwortet wird. Dass niemand mehr erschossen wird, nur weil er widerspricht. Und dass es keine weitere Revolution mehr braucht – das wäre zu viel für ein Volk in einem Jahrhundert.





















