Film „Staatsschutz“ auf der Berlinale: Gegen die Ohnmacht und den Rechtsruck | ABC-Z

Es ist heftig, wie weit die Welt und auch Deutschland in den letzten Jahren nach rechts gekippt sind. Zumindest das Kino hierzulande kann sich nicht vorwerfen lassen, dies zu ignorieren. Im letzten Jahr gab „Das Deutsche Volk“ von Marcin Wierzchowski den Hinterbliebenen des Anschlags von Hanau eine Stimme. Martina Priessners „Die Möllner Briefe“ erzählte von den Folgen des rassistischen Brandanschlags in Mölln 1992 und von Solidaritätsbriefen, die die Hinterbliebenen der Opfer nie erreichten.
Nach diesen sich solidarisierenden Dokumentarfilmen, die beide auf der Berlinale 2025 Premiere feierten, läuft nun mit Faraz Shariats „Staatsschutz“ ein Spielfilm im Panorama, der die gesellschaftspolitische deutsche Großwetterlage kondensiert. Die Heldin, die Shariat nach einem Drehbuch von Claudia Schaefer etabliert, bricht mit vielem, was man von einheimischen Filmschaffen gewohnt ist.
Der Film folgt Seyo (Chen Emilie Yan), einer lesbischen Staatsanwältin, die sich in Ostdeutschland mit Rechtsextremen konfrontiert sieht. Zu Beginn steht sie einer Gerichtsverhandlung vor, in der ein Neonazi wegen Drogenhandels angeklagt ist. Ihre Objektivität wird Seyo von Rechtsanwältin Alexandra (Julia Jentsch) vorgeworfen. Dass der Angeklagte rechtsextrem sei, würde die Staatsanwaltschaft nicht interessieren, behauptet die Rechtsanwältin.
„Staatsschutz“, Deutschland, 2026, Regie: Faraz Shariat
20. Februar, 13 Uhr, Bluemax Theater, Berlin
21. Februar, 15 Uhr, Cubix 9, Berlin
Es dauert nicht lange, bis Seyos Gewissheiten in einer verstörenden Szene abgefackelt werden, buchstäblich. Sie radelt unter einer Brücke hindurch, wird von einem Radfahrer geschnitten, bevor von oben zwei Brandsätze auf sie herabregnen. „Geil, die Fotze brennt!“, ruft jemand, während sich die junge Frau gerade noch aus der brennenden Jacke befreit. Anstatt ins Krankenhaus will sie in die forensische Ambulanz, Spuren sichern. „Wenn die Behörde von einem Muslim angegriffen worden wäre, hätten wir hier einen Terrorakt“, beschwert sich Seyo – einer der vielen unangenehm wahren Sätze in diesem Film.
Zwischen Gerichtsdrama und Rachethriller
Wie persönlich mit dem Anschlag umgehen? Einerseits schneidet sich Seyo die Haare ab, besorgt sich eine Waffe, mit der sie auf dem Schießstand übt, und einen Dodge „Challenger“ mit kugelsicheren Fensterscheiben – das Motoraufjaulen wird am Ende eine augenzwinkernde Rolle spielen. Zugleich stellt sie, unterstützt von Ayten (Alev Irmak), einer Kollegin aus ihrer Behörde, Nachforschungen an und bringt gemeinsam mit Alexandra einen Täter vor Gericht. Daraus entwickelt „Staatsschutz“ eine produktive Reibung zwischen Gerichtsdrama und Rachethriller – es könnte gefühlt auch jederzeit knallen.
Während Shariat in seinem flirrenden Debüt „Futur Drei“ so selbstverständlich und selbstbewusst von migrantischen Lebensrealitäten und vor allem auch von queeren Lebensentwürfen erzählte, wie man es im deutschen Kino immer noch zu selten sieht, kommt „Staatsschutz“ wesentlich wütender und düsterer daher. Er zeigt den Kampf einer Staatsanwältin, von Newcomerin Yan eindringlich zwischen Wut und Resignation gespielt, und stellt komplexe, aktuelle Fragen.
„Unser Rechtssystem ist das objektivste der Welt, wir können gar nicht anders, als daran festzuhalten“, sagt einmal jemand im Film. Im Presseheft fragt der Regisseur seinerseits, ob Neutralität gegenüber Nazis nicht am Ende zur Parteinahme führe. Auch räumt der Film mit den oft abgeurteilten „Einzelfällen“ auf und zeigt rechtsextreme Netzwerke, die bis in staatliche Institutionen reichen, und Behörden, die mit zweierlei Maß messen.
„Staatsschutz“ ist packend und dicht inszeniert, kippt bei den Gerichtszenen allerdings auch mal in Richtung Thesenfilm. Eindrücklich ist er dennoch: ein Werk, das der (institutionellen) Ohnmacht gegen den Rechtsruck und dessen Verharmlosung persönliches Engagement und Solidarität unter den Opfern entgegenstellt und mit Genrevibes die Angst aufbricht. Das Timing stimmt: Der Kinostart soll kurz vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern erfolgen.





















