Fernandes bei Hamburger Demo für mehr Opferschutz – Panorama | ABC-Z

Es ist ein mächtiges Geräusch, wenn Tausende Frauen gleichzeitig schreien, eine halbe Minute lang, aus vollem Halse, aus Wut. Es ist ein Geräusch, das man so noch nicht gehört hat. „Lasst alles raus“ fordern die Veranstalterinnen auf der Bühne vor dem Hamburger Rathaus, wo sie an diesem Donnerstagabend ein Zeichen setzen wollen gegen sexualisierte Gewalt. „Es reicht! Die Scham muss die Seiten wechseln“, lautet das Motto der Demo, zu der viel mehr gekommen sind als erwartet.
Und dann lassen sie ihn raus, manche bis zur Heiserkeit, den alten Schmerz und den neuen. Eine Woche ist sie alt, die Titelgeschichte des Spiegels, in der die Schauspielerin Collien Fernandes schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen erhebt. Jahrelang soll er Fake-Profile in ihrem Namen erstellt und Männern sexualisierte Nachrichten und pornografisches Material geschickt haben. Ulmens Anwalt Christian Schertz kündigte an, presserechtlich gegen die aus seiner Sicht „unzulässige Verdachtsberichterstattung“ vorzugehen. In einem Informationsschreiben seiner Kanzlei ist von „unwahren Tatsachen“ und „einseitigen Schilderungen“ die Rede. Die juristische Aufarbeitung steht am Anfang, der Fall ist nicht aufgeklärt, es gilt die Unschuldsvermutung.
Fernandes ringt um Fassung und Worte, wann sprechen endlich die Täter, fragt sie von der Bühne herab
Die Erschütterung aber ist sehr schnell sehr groß. So groß, dass sie nicht in den Chat-Nachrichten bleibt, die Freundinnen, Schwestern, Töchter sich hin und her schicken. Überall im Land gehen Menschen auf die Straße, in Berlin, in Hannover, um Solidarität zu zeigen mit Collien Fernandes. Eigentlich hatte sie ihre Teilnahme in Hamburg tags zuvor abgesagt. Es gebe Morddrohungen und ernsthafte Sicherheitsbedenken, schrieb sie auf Instagram. Die Hamburger Polizei will das auf Nachfrage nicht bestätigen, aber es braucht nur ein paar Klicks, um verstörende KI-Videos zu finden, in denen einer Frau, die aussieht wie Fernandes, schlimmste Gewalt angetan wird.
Und dann steht sie doch da, in schwerer Lederjacke. „Ich wollte hier rauf kommen und stark sein, aber ich schaffe es gerade nicht.“ Fernandes ringt um Fassung, um Worte. „Es ist kaum vorstellbar, wie fertig einen all das macht“, sagt sie, und meint nicht nur den eigenen Fall. Noch immer werde partnerschaftliche Gewalt viel zu selten angezeigt, digitale Gewalt noch seltener. „Und ich stehe hier, in schusssicherer Weste, mit Security, weil Männer mich killen wollen.“ Man dürfe sich nicht wundern, dass viele Frauen nicht den Mut hätten, zu sprechen, sagt Fernandes. „Es wäre so viel einfacher, wenn die Täter selbst sagen würden: Ja, ich habe das gemacht.“ Es gebe ein gewaltiges Dunkelfeld in Deutschland. „Lasst uns alle unsere Taschenlampen, unsere Scheinwerfer rausholen und es ausleuchten. Lasst uns die Mauer des Schweigens einreißen.“ Der Beifall, der folgt, ist lauter als das Schreien.
Knapp zwei Stunden dauert die Demo in Hamburg, noch immer wird es voller, obwohl gerade ein Hagelschauer durchgezogen ist. Zara Canbay vom Hamburger Migrantinnenrat kritisiert den Bundeskanzler, der den Fall Ulmen im Bundestag zum Anlass nahm, um Gewalt durch Zuwanderer zu kritisieren. Statt sich schützend vor Frauen zu stellen, schüre Friedrich Merz (CDU) rassistische Ressentiments, sagt sie.

„Wir haben gelernt, wie schnell es geht, dass nicht mehr die Würde der Frau verteidigt wird, sondern die Bequemlichkeit aller anderen“, sagt Aktivistin Luisa Neubauer in ihrer Rede. Auch sie habe Nachrichten von einem Mann erhalten, der ankündigte, ihr „auf der Demo eine Kugel in den Kopf zu jagen“. Man dürfe nicht fragen: Was muss noch passieren, ruft Neubauer. „Es ist längst passiert. Die Frage ist, was machen wir damit?“
Eine Demo könne immer nur ein Anfang sein, da sind sich hier viele einig. Die Polizei spricht von 17 000 Teilnehmenden, darunter viele Männer. In Hamburg werden sie Teil einer Performance des feministischen Kollektivs „Handmaids Riots“, angelehnt an Margaret Atwoods dystopischen Roman „The Handmaid’s Tale“. Alle Frauen sollen sich setzen, in die Knie gehen auf dem kalten Pflaster. Nur die Männer bleiben stehen. „Wie fühlt sich das für euch an“, werden sie von der Bühne herab gefragt. „Schaut einander in die Augen, befragt euch selbst, eure Kumpels und dann handelt. Wir können diese Gesellschaft nicht ohne euch Männer verändern.“ Einen Moment lang herrscht Schweigen auf dem Hamburger Rathausmarkt.





















