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FC Bayern im Halbfinale der Champions League: Jetzt nur nicht überrollen lassen – Sport | ABC-Z

José Barcala hätte den Erfolg gerne etwas länger ausgekostet. Aber so ein Fußballspiel kann je nach Dramaturgie eben ganz schön schnell vorbei sein, kaum gellt der Schlusspfiff durchs Stadion, kommt ein Häkchen dran. Der Trainer des FC Bayern saß am Mittwochabend auf dem Podium der Pressekonferenz, was viel opulenter war, als Barcala das gewohnt ist. Für das Viertelfinalrückspiel der Champions League war sein Team vom kleinen Stadion des Campus umgezogen in die große Arena, die eigentlich nur die Südliche Fröttmaninger Heide trennt, aber doch eine andere Welt für die Fußballerinnen ist. Vor 25 000 statt 2500 Zuschauern agierten sie spürbar nervös und bekamen die Partie lange nicht in den Griff, bevor sie sich dermaßen über sich selbst aufregten und Manchester United dank zweier später Tore 2:1 (0:1) besiegten.

Fünf Jahre lang hatten die Münchnerinnen darauf hingearbeitet, es zum dritten Mal in der Vereinsgeschichte unter die besten vier Klubs im wichtigsten europäischen Wettbewerb zu schaffen. Und Barcala beantwortete einige Fragen über die unterschiedlichen Hälften, taktische Überlegungen hinter der Aufstellung und die Bedeutung dieses Sieges. Aber die Blicke waren eindeutig auf die nächste mögliche Herausforderung gerichtet: den FC Barcelona, der die Königsklasse in den vergangenen fünf Jahren dreimal gewinnen konnte und mit all seinen Ausnahmekönnerinnen als derzeit beste Klub-Mannschaft gilt.

Wie wolle er die in der Anfangsphase wiederkehrende Nervosität abstellen, die sich sein Team bei der Gnadenlosigkeit Barcelonas keinesfalls leisten könne? „Wir sind alle nervös, wenn es um Dinge geht, die uns wirklich wichtig sind. Wir müssen da einfach durch, Emotionen akzeptieren, zusammenstehen und uns darauf fokussieren, was wir kontrollieren können.“ Was müsse jetzt anders werden, damit sein Team diesmal gewinne? „Sie glauben also nicht, dass Real Madrid sich durchsetzen kann?“ Barcala lachte über seine Rückfrage. Barça hatte den Dauerrivalen im Hinspiel 6:2 geschlagen, das Rückspiel findet diesen Donnerstag (18.45 Uhr, Disney+) statt.

Beim letzten Duell gab es ein 1:7-Debakel gegen Barça

Die Katalaninnen seien jedenfalls das am einfachsten zu analysierende Team, alle wüssten um ihre Stärken, erläuterte Barcala. Dieses Wissen allerdings hatte seine Elf auch schon beim jüngsten Aufeinandertreffen im Oktober in der Ligaphase der Champions League. Und es verhinderte nicht, dass Barça zum unverdaulichen Brocken wurde. Die fehlerbehaftete Darbietung beim 1:7-Debakel hatte wie ein böser Vorbote gewirkt, dass der Doublesieger auch diese Saison sein internationales Ziel verpassen würde. Stattdessen steht der Einzug ins Halbfinale (25./26. April und 2./3. Mai) ein halbes Jahr später für die Entwicklung, die dieses Team durchlaufen hat – wie auch für die Arbeit von José Barcala.

„Die Entwicklung dieser Mannschaft ist unaufhaltsam“, sagt José Barcala nach dem Einzug der Bayern-Frauen ins Halbfinale der Champions League.
„Die Entwicklung dieser Mannschaft ist unaufhaltsam“, sagt José Barcala nach dem Einzug der Bayern-Frauen ins Halbfinale der Champions League. Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Verein, Trainer, Spielerinnen mussten sich erst finden, nachdem drei Jahre lang Alexander Straus mit seiner ganz eigenen Art prägend und erfolgreich gewirkt hatte. Der Norweger hat den Münchnerinnen eine größere Überzeugung eingeimpft und zu mehr Dominanz verholfen. Seinen auf Ballbesitz und Kontrolle ausgelegten, offensiven Spielstil sollte Barcala weiterentwickeln. Zum Start in die Champions League gegen Barcelona konnte der 44-Jährige den Münchnerinnen noch keine Sicherheitsvariante bieten, nachdem sein Plan nicht aufgegangen war. Nach wie vor treten sie zwar in der ersten Hälfte bisweilen fahrig statt konsequent auf, was gegen Manchester zum frühen Rückstand durch Melvine Malard führte. Wenn sie dann aufwachen, finden die Bayern-Frauen aber verlässlich spielerische Lösungen sowie taktische Anpassungen. Auch wenn sie sich im Fall von United erst spät dafür belohnten: In der 81. Minute glich Kapitänin Glodis Viggosdottir aus, bevor Linda Dallmann (84.) den Abend rettete.

Der große Trumpf von Bayern-Trainer José Barcala sind sein Selbstvertrauen und seine Ruhe

„Er spielt eine große Rolle“, sagte Frauenfußball-Direktorin Bianca Rech über den Trainer-Anteil am Erfolg: „Wie er Situationen ganz klar analysiert und in die Kommunikation mit den Spielerinnen geht, ohne, dass sie das Gefühl haben, da ist jemand nervös.“ Barcalas großer Trumpf sind sein Selbstvertrauen und seine Ruhe, die von den Spielerinnen erklärtermaßen geschätzt und als ansteckend beschrieben werden. Bis diese Abgeklärtheit zum Allheilmittel gegen Aufgeregtheit wird, muss aber wohl noch an der Rezeptur gefeilt werden. „Das war heute vielleicht auch nochmal eine gute Lehrstunde“, sagte Dallmann, die – wenn sie beim Thema war – überhaupt fand: „Wir hatten viele Lehrstunden diese Saison, aber Barça war schon die größte.“

Es könnte helfen, dass wichtige Spielerinnen wie Klara Bühl, Katharina Naschenweng und Jovana Damjanovic bis zum Halbfinale nach Verletzungen zurückerwartet werden. Denn gerade erfüllen die Bayern-Frauen als klarer Tabellenführer der Bundesliga sowie mit dem Halbfinale auch im DFB-Pokal gegen die SGS Essen (Ostermontag) zwar in allen drei Wettbewerben ihren Anspruch und haben nun das erreicht, was möglichst bald zum Standard einer Saison werden soll. Wenn aber der wahrscheinliche Gegner Barcelona sie (recht erwartbar) wieder wie eine Dampfwalze überrollt, bleibt unterm Strich die schmerzende Erkenntnis, dass trotz all der Anstrengungen und der Detailarbeit rund um einen mit Spielerinnen wie Pernille Harder, Georgia Stanway oder Momoko Tanikawa stark besetzten Kader weiter eine Lücke zur internationalen Spitze klafft.

Managerin Rech entschied sich sicherheitshalber dazu, schon mal Druck von dieser Partie zu nehmen. „Was jetzt kommt, soll uns ganz viel Spaß machen“, gab die frühere Nationalspielerin als Motto aus: „Träumen darf man. Und man darf auch den Glauben daran haben, dass wir Barcelona ärgern können.“ Barcala tut das ohnehin. Er entschied sich sicherheitshalber dazu, schon mal das Selbstbewusstsein seines Teams zu stärken. Gegen Ende der Pressekonferenz setzte der Trainer zu einer Eloge an, als es um das Potenzial ging. Die Spielerinnen seien so fordernd gegenüber sich selbst, so detailversessen und interessiert am Fußball. „Mit dieser Einstellung, mit dieser Mentalität gibt es keine Limits“, sagte Barcala: „Die Entwicklung dieser Mannschaft ist unaufhaltsam.“

Sollte die Reise von Bayern München tatsächlich nicht im Halbfinal-Rückspiel in Katalonien gegen das favorisierte Ensemble um Alexia Putellas und Aitana Bonmati enden, sondern das Team ins Champions-League-Finale am 23. Mai in Oslo einziehen, kann José Barcala seinen pathetischen Satz praktischerweise wieder hervorkramen. Ein solcher Sieg hätte eine enorm große Bedeutung und Wirkungskraft. Und der Trainer dürfte den Erfolg lange genießen.

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