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FC Bayern gegen Wolfsburg: Der DFB-Pokal der Frauen bekommt sein großes Finale – Sport | ABC-Z

Das Problem ist: Sie haben den VfL Wolfsburg im DFB-Pokal noch nie besiegen können. So etwas steckt in den Köpfen drin, in den eigenen und auch in den Köpfen der anderen. Das kann schon die Gemütslage verändern. Magdalena Eriksson bog vom Platz des Münchner Campus-Stadions in den Kabinentrakt, bestens gelaunt nach dem 4:0-Halbfinalsieg ihres FC Bayern gegen die SGS Essen. Doch bei der Frage zum nun folgenden Duell der Dauerrivalen im Endspiel wurde die schwedische Verteidigerin ernst, als müsste sie eine Niederlage gegen den Tabellenvorletzten erklären: „Das ist eines dieser Spiele, über die ich noch nachdenke. Und ich bin immer noch genervt, dass wir letztes Mal im Finale verloren haben“, sagte Eriksson über das 0:2 gegen Wolfsburg vor zwei Jahren.

Dass sie diesen Wettbewerb grundsätzlich gewinnen können, haben die Münchnerinnen vergangene Saison nach einer sehr langen Pause ohne Pokaltitel gezeigt, erst zum zweiten Mal nach 2012 gelang ihnen das. Und das auch nur, könnte man angesichts des Mythos’ raunen, weil sie im Finale 2025 nicht auf Wolfsburg trafen. Der VfL war damals überraschend im Viertelfinale gegen die TSG Hoffenheim ausgeschieden; nach einer unglaublichen Serie von zuvor 52 Spielen ohne Niederlage im DFB-Pokal verlor der Rekordsieger damals seine Aura der Unbesiegbarkeit. Damit war der Weg für den Rivalen aus München frei. Schon unmittelbar stand dieser Moment im Vorjahr für die sich wandelnden Machtverhältnisse im deutschen Fußball der Frauen. Der FC Bayern holte erstmals in seiner Geschichte das Double und setzte sich durch im seit Jahren andauernden Ringen mit Wolfsburg um die Frage, wer wirklich dominiert. Wie eine Befreiung wirkte das. An dieser Überlegenheit hat sich seither nichts geändert.

In der Bundesliga haben die Münchnerinnen sechs Spieltage vor dem Saisonende 13 Punkte Vorsprung auf Wolfsburg. Sollten sie nach der Länderspielpause am 22. April bei Union Berlin gewinnen, ist ihnen die vierte Meisterschaft in Serie nicht mehr zu nehmen. Womit sie in der ewigen Statistik auf sieben Liga-Titel kämen und mit Wolfsburg sowie dem 1. FFC Frankfurt gleichziehen würden. „Wir spielen gerade mit einem Gefühl der Freiheit“, sagte Eriksson. „Wir sind als Gruppe wirklich eng zusammengewachsen.“

Noch dazu hat der FC Bayern mit Trainer José Barcala soeben ein Ziel erreicht, dem er seit fünf Jahren hinterhergejagt war: Zum dritten Mal in der Vereinsgeschichte stehen die Münchnerinnen im Halbfinale der Champions League. Dort wartet zwar der FC Barcelona, der seine Gegner regelmäßig beeindruckend präzise zerlegt. Aber das Bayern-Selbstvertrauen ist enorm gestärkt. „Wir sind diese Saison wirklich auf einem richtig, richtig guten Weg“, sagte Giulia Gwinn am Ostermontag. Und die Klubdirektorin Bianca Rech meinte: „Wir wollen bis zum Schluss durchziehen, auch wenn uns sehr, sehr harte Wochen bevorstehen.“

Die Voraussetzung für Dramatik im Pokalfinale liefert der VfL Wolfsburg

Der Einzug der Bayern ins dritte Pokalfinale in Serie wirkte dabei nach den ersten holprigen 20 Minuten gegen Essen erwartbar souverän. Die Voraussetzung dafür, dass der diesjährigen Edition eine größere Bedeutung zukommt als allein das potenzielle Manifest der Münchner Stärke, hatte am Sonntagabend der VfL Wolfsburg geliefert. Oder besser gesagt: der FC Carl Zeiss Jena. Beinahe wäre dem Bundesliga-Letzten im ersten Halbfinale die Sensation geglückt. Bis ins Elfmeterschießen zwang das eigentlich klar unterlegene Team aus Thüringen die Wolfsburgerinnen, denen bisweilen die Energie ausging. Nur zweieinhalb Tage zuvor hatten sie sich bei Olympique Lyon in die Verlängerung gekämpft, um letztlich doch in der Champions League auszuscheiden. Hätte nicht Nationaltorhüterin Stina Johannes beim 5:4 mit zwei Elfmeter Paraden eine Pokal-Blamage verhindert, stünde schon jetzt die zweite titellose VfL-Saison in Serie fest. So aber winkt das Drama.

Beim 4:0 im Pokal-Halbfinale gegen die SGS Essen traf Edna Imade (Mitte) zweimal, nachdem Momoko Tanikawa und Pernille Harder vorgelegt hatten.
Beim 4:0 im Pokal-Halbfinale gegen die SGS Essen traf Edna Imade (Mitte) zweimal, nachdem Momoko Tanikawa und Pernille Harder vorgelegt hatten. Ulrich Wagner/Imago

Als der VfL nach diesem langen Kampf gegen Jena sein zwölftes Cup-Endspiel erreicht hatte, waren Trainer Stephan Lerch und die meisten Spielerinnen einfach erleichtert. Für zwei Wölfinnen aber steckten sichtlich mehr Emotionen drin. Svenja Huth, 35, lief mit geröteten Augen über den Platz, im klaren Bewusstsein, dass das auch für sie ganz persönlich angesichts der veränderten Kräfteverhältnisse eine ihrer letzten realistischen Titelchancen sein dürfte. Und Alexandra Popp schluchzte unaufhörlich und wischte sich eine Träne nach der anderen weg, während sie ihre Kolleginnen umarmte. So tief berührt hat sich die langjährige VfL-Führungsspielerin auf dem Platz selten gezeigt.

Und weil sie selbst wohl kaum imstande war zu sprechen, übernahmen das andere. „Für sie ist das wunderbar, sie ist ja auch die Miss Pokal, die alleinige Rekordpokalsiegerin“, sagte ARD-Expertin Almuth Schult über ihre frühere Mitspielerin. Stina Johannes erzählte im Vereins-TV, sie habe während der Partie viel an Huth und vor allem an Popp gedacht: „Gerade für sie mussten wir das jetzt klarmachen!“

Es war eben ein besonderer Sieg, für Wolfsburg und für Popp. Die 35-Jährige aus dem Ruhrpott schließt sich, wie auch Sportdirektor Ralf Kellermann, nach dieser Saison bekanntlich Borussia Dortmund an. So bleibt die Hoffnung darauf, dass Popp noch einmal auftreten wird auf dieser Bühne, dass die Kapitänin rechtzeitig fit wird, nachdem sie die vergangenen Spiele verletzt verpasste. Seit 2012 trägt Popp das grün-weiße Trikot, damals wechselte die 20-Jährige als Hoffnungsträgerin vom FCR Duisburg nach Wolfsburg, wo sie sich zu einer der international gefürchtetsten und erfolgreichsten Stürmerinnen entwickelte. In den 14 Jahren holte Popp in ihrer ersten Saison das Triple und insgesamt 20 Titel mit dem VfL: sieben Meisterschaften, zwei Triumphe in der Champions League und die herausragenden elf Pokalsiege, davon zehn nacheinander. Hinzu kommen zwei Erfolge mit Duisburg, sie könnte sich also tatsächlich den Künstlerinnennamen „Miss Pokal“ im Ausweis eintragen lassen.

Der VfL Wolfsburg, dieser Wettbewerb, Alexandra Popp – das ist eine besondere Geschichte. Eine, die es verdient hätte, dass sich Popp zum Abschluss einer Ära am 14. Mai in Köln wieder überwältigt die Tränen wegwischt. Das würden ihr vielleicht sogar die Bayern gönnen. Und in den Köpfen steckt ja eh: Wenn die Wolfsburgerinnen im Finale stehen, verlieren sie nicht.

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