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Fasching in Bichl: Auch die Eisbachwelle ist dabei – Bad Tölz-Wolfratshausen | ABC-Z

Natürlich fliegen die Paviane als Erstes raus. „Die haben sich so danebenbenommen!“, schimpft die Giraffe – und die hat den besten Überblick, auch wenn sie noch etwas wackelig des Weges kommt.  Stelzen an Armen und Beinen – das will gelernt sein. Aber Matthias Schöffmann, der sich das waghalsige Kostüm auf den Leib konstruiert hat, ist offenbar ein Bewegungstalent. Der prächtige Pfau an seiner Seite umreißt den Hintergrund. „Die Paviane müssen raus, weil der Tierpark Hellabrunn aus China zwei Pandas importiert“, erklärt er. „Für 18 Millionen Euro!“ Es ist Fasching in Bichl. Und wer noch einmal ein paar Aufreger des vergangenen Jahres lustvoll Revue passieren lassen will, ist hier an der besten Adresse.

Aufregung in Hellabrunn: Die Pandas kommen. (Foto: Manfred Neubauer)

Das Dorf, das zur Verwaltungsgemeinschaft Benediktbeuern gehört, hat 2300 Einwohner. Am Faschingsumzug beteiligen sich 300 Aktive. Es ist einer der kleinsten und familiärsten, vielleicht aber auch der vergnüglichste Umzug in der Region München. Der Maschkera-Verein, der seit mehr als 50 Jahren Alt und Jung auf die Beine bringt, nennt Bichl selbstbewusst „die Faschingshochburg im Oberland“. Die Polizei Kochel ist mit exakt einer Streife im Einsatz. Das Dorf, so scheint es, regelt alles selbst.

„Machen wir ein Selfie“, sagt eine güldene Erscheinung mit leuchtendem Strahlenkranz, breitet die Arme aus, und ehe man weiß, wie einem geschieht, ist das Smartphone schon gezückt. Keine Sekunde später hat man es in der Tasche: das Foto von der Zugspitze.„Ich bin das Gipfelkreuz“, sagt der Mann in Gold, Thomas Strobl, und tänzelt weiter. Er muss heute noch ganz schön was wegschaffen. Wie man weiß ist das Originalkreuz auf dem höchsten Berg Deutschlands wegen all der Selfie-Jäger völlig überlastet.

Die Willige Walli (links) und die Kraxn-Gretel feiern das Jodeln.
Die Willige Walli (links) und die Kraxn-Gretel feiern das Jodeln. (Foto: Manfred Neubauer)
Weil Penzberg sich keinen Maibaum mehr leisten kann, gibt es jetzt Samen und Setzlinge zum Nachzüchten.
Weil Penzberg sich keinen Maibaum mehr leisten kann, gibt es jetzt Samen und Setzlinge zum Nachzüchten. (Foto: Manfred Neubauer)

13 fantasievolle Wagen und sieben Fußgruppen werden an diesem Sonntag von mehreren tausend Gästen gefeiert. Die verschwundene Münchner Eisbachwelle ist ebenso vertreten wie die Nachbarstadt Penzberg, die sich keinen Maibaum mehr leisten kann. Hinter jedem Wagen steckt eine eingeschworene Gemeinschaft.

Ein Bergsteiger in voller Montur gehört zum Freundeskreis des Gipfelkreuzes. Die Männer in den Dreißigern haben den Zugspitz-Wagen an den vergangenen zwei Wochenenden zusammengebastelt – mit „Original-Kreuz“ und Selfie-Point. „Mit 13, 14 geht das los“, erzählt er. „Mit 16 machst du deinen ersten Wagen. Und dann kommst du immer wieder zurück, auch wenn du mittlerweile nicht mehr in Bichl lebst.“ Der Fasching schweißt nicht nur die Dorfgemeinschaft zusammen, für viele bringt er auch ein Stück Jugend zurück.

„Ich bin das Gipfelkreuz“: Wer zum Bichler Fasching kommt, kann sich den mühsamen Aufstieg zur Zugspitze sparen.
„Ich bin das Gipfelkreuz“: Wer zum Bichler Fasching kommt, kann sich den mühsamen Aufstieg zur Zugspitze sparen. (Foto: Manfred Neubauer)

„Ich geh’ seit 22 Jahren zum Fasching in Bichl – und es ist für mich das Schönste im Leben“, sagt eine vermutlich 22-jährige langbeinige Schweizerin mit blonden Zöpfen, die im echten Leben Tobias heißt und sich heute in die Willige Walli verwandelt hat. Ihre Freundinnen sind die Ricola-Resi und die Kraxn-Gretel, und sie alle üben sich im Schweizer Jodeln – weil das Schweizer Jodeln seit Dezember als immaterielles Kulturerbe der Menschheit gilt. Auch einen Song haben sie mitgebracht: „In Bichl im Fasching da jodeln die Leut“. Und passende Getränke: hell und klar.

„De Grindigen“ haben den Lainbach grün gefärbt.
„De Grindigen“ haben den Lainbach grün gefärbt. (Foto: Manfred Neubauer)

Die jüngste Gruppe besteht aus etwa zehn Burschen zwischen 13 und 16 Jahren und nennt sich „De Grindigen“. Was das heißt? Kurze Beratschlagung. „So etwas wie die Greislichen.“ Sie haben auf ihrem Wagen einen leuchtend-grünen Wasserfall zum Sprudeln gebracht: eine Hommage an den Lainbachwasserfall bei Kochel, den Unbekannte an Halloween neongrün eingefärbt hatten. Auch ein mobiles Grillfeuer halten sie in Schach. Darauf schmurgeln Eier in Schalen und eine alte Fischhaut. Grindig!

Claudia und Robert Kolbinger sind das magische Zentrum des Faschingstreibens.
Claudia und Robert Kolbinger sind das magische Zentrum des Faschingstreibens. (Foto: Manfred Neubauer)

Eine Hexe und ein Zauberer schlendern vorbei. Sie sind das magische Zentrum der Veranstaltung. Claudia und Robert Kolbinger haben ihr Leben dem Fasching geweiht. Im Sommer beginnt Claudia Kolbinger mit dem Schneidern der Kostüme für die Garde und das Prinzenpaar. Ihr Mann, der eine Kamera über dem Zaubermantel trägt, wird bis Ostern mit dem Faschingsfilm beschäftigt sein. „Drei Monate im Jahr leben wir ohne Fasching“, sagt er.

Ein kleiner Pavian, vielleicht sechs, sieben Jahre alt, kommt mit einem Köfferchen vorbei. „Wo geht’s denn hier nach Afrika?“, fragt er zaghaft. Oh Mann! Keine Ahnung. Kann mal bitte jemand die Giraffe fragen!

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