Experte warnt – diesen Satz sollten Eltern nie sagen | ABC-Z

Seit iPad und Smartphone für Kinder so selbstverständlich sind wie früher der Haustürschlüssel, erleben viele Familien dasselbe: Das Kind ist zwar da, aber kaum noch erreichbar. Es scrollt durch Tiktok, schreibt bei Whatsapp, schaut einen Clip nach dem anderen oder taucht in Computerspiele ab. Aber was ist noch normale Mediennutzung – und ab wann wird sie problematisch?
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Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Denn wie Dr. Jakob Florack, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am St. Joseph Krankenhaus unter dem Dach der Joseph Kliniken Berlin, beobachtet, dreht sich die Debatte oft um die falsche Frage: „Es geht nicht um die reine Nutzungszeit.“ Im Gespräch erklärt er, worauf es stattdessen ankommt, welche Warnsignale Eltern kennen sollten und welche Regeln im Familienalltag helfen.
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Mediensucht bei Kindern: Das sind die Warnsignale
„Eltern sollten nicht so sehr auf die reine Nutzungsdauer schauen, sondern auf das, was übrig bleibt“, sagt Chefarzt Florack. Ein zentrales Warnsignal sei Kontrollverlust: Das Kind schafft es nicht mehr, den Medienkonsum von sich aus zu beenden. Typisch sei dann ein Muster wie dieses: „Ich nehme mir vor, nur ein kurzes Video auf Instagram anzuschauen – und plötzlich sind zwei Stunden weg.“
Ein weiteres Warnsignal sei, dass Medien andere Lebensbereiche verdrängen würden. Also Freundschaften werden weniger, Sport und Hobbys fallen weg, die Schule leidet, das Kind zieht sich aus dem Familienalltag zurück – etwa wenn gemeinsame Mahlzeiten regelmäßig ausfallen. Auch körperliche Folgen könnten auftreten, etwa Bewegungsmangel, Übergewicht oder Haltungsschäden. In manchen Fällen komme laut Florack sogar Untergewicht hinzu, wenn Essen beim Spielen oder Scrollen vernachlässigt werde. Besonders kritisch sei es, wenn solche Folgen schon sichtbar seien und das Kind trotzdem nicht davon loskomme.

Wenn Eltern merken, dass die Mediennutzung ihres Kindes problematisch wird, richten viele den Blick zuerst auf das Gerät. Florack warnt vor vorschnellen Schlüssen: „Das Gerät an sich macht nicht abhängig, sondern allenfalls die Anwendungen.“ Also Spiele, soziale Plattformen oder Streamingangebote, die auf dem Gerät laufen. Besonders gut lasse sich das bei Videospielen beobachten, sagt er. Viele Titel seien heute „Free to Play“: kostenlos startbar und so gebaut, dass Nutzer immer wieder zurückkehren.
Social Media als Rückzug und Ablenkung
Florack spricht von einer „Sogwirkung“ durch gezielte Belohnungen wie tägliche Aufgaben, Ereignisse im Spiel oder Extras. „Für Erwachsene ist es schon schwer zu widerstehen – für Kinder, deren Selbststeuerung noch wächst, erst recht.“ Bei Social Media sieht Florack das Risiko an einer anderen Stelle. Gefährlich sei vor allem der endlose Strom kurzer Clips, die schnell und verlässlich ablenken. Das könne harmlos sein – aber auch zur Gewohnheit werden, um Stress, Angst oder Traurigkeit zu überdecken, warnt der Psychiater.

Dr. Jakob Florack ist Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am St. Joseph Krankenhaus, das zu den Joseph Kliniken Berlin gehört.
© Jakob Florack | Jakob Florack
Suchtmechanismen in Spielen, Apps oder Plattformen sind nur ein Teil des Problems. Entscheidend ist laut Florack auch, wofür ein Kind Medien nutzt. Kritisch werde es, wenn sie nicht mehr vor allem unterhalten, sondern Stress, Angst oder Traurigkeit überdecken sollen. Dann entstehe leicht eine Abwärtsspirale: Kinder lernten schlechter, mit belastenden Gefühlen umzugehen, sagt Florack. Viel Nutzung schaffe zudem oft „wieder neue Probleme“ – etwa Schlafmangel, Streit, schlechtere Noten oder Rückzug von Freunden – und erhöhe so den Druck, erneut zu Medien zu greifen. Besonders anfällig seien Kinder, wenn Unterstützung fehle oder der Alltag ohnehin belastet sei, etwa durch Schulprobleme, Konflikte mit Gleichaltrigen oder Streit in der Familie.
Aber was können Familien tun, wenn dieses Muster im Alltag sichtbar wird? Für viele Eltern ist schon das Ansprechen schwierig: Aus Sorgen werden schnell Vorwürfe wie „Du hängst nur am Handy“. Florack beobachtet, dass Kinder solche Sätze oft als Angriff verstehen und dann abwehren oder wiederum angreifen. Sein Rat: Nicht mit einem Etikett einsteigen, sondern mit einer konkreten Beobachtung. Also nicht „Du bist süchtig“, sondern eher „Mir fällt auf, dass du kaum noch rausgehst und oft müde bist. Ich mache mir Sorgen“. Das wirkt weniger anklagend und macht ein Gespräch eher möglich. Wichtig sei außerdem zu verstehen, was das Kind dort eigentlich macht – und warum. Nur so kämen Eltern an die Bedürfnisse oder Belastungen hinter der Nutzung heran.
Mediensucht: So helfen Eltern ihrem Kind
Von radikalen Verboten hält Florack im Familienalltag meist wenig. Sein Grundsatz lautet: „Ziel ist nicht, alles zu streichen, sondern problematische Nutzung zu begrenzen und sinnvolle Nutzung zu erhalten – etwa für soziale Kontakte, Kreatives oder Schule.“ Damit das gelingt, brauche es klare und verlässliche Regeln. Laut Florack funktionieren sie am besten, wenn sie vorhersehbar sind und nicht aus dem Affekt entstehen.
Hilfreicher als ein plötzliches Verbot im Streit seien feste Absprachen, etwa klare Zeiten für Gaming oder Handynutzung, die Eltern verlässlich einhalten sollten. „Sonst lernt das Kind nicht Selbststeuerung, sondern Unberechenbarkeit“, sagt der Psychiater. Wichtig seien zudem Regeln, die für die ganze Familie gelten – etwa feste medienfreie Zeiten. Kinder orientierten sich, so Florack, nicht nur an Ansagen, sondern vor allem am Vorbild: „Kinder tun nicht das, was wir ihnen sagen – sondern das, was wir ihnen vormachen.“ Hilfreich seien darüber hinaus – je nach Situation – auch Erziehungs- und Familienberatungsstellen, Suchtberatungen (zum Beispiel bei der Caritas) sowie Online-Portale wie „SCHAU HIN!“, „Ins Netz gehen“ oder Mediensuchthilfe.info.





















