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Ex-Kriegsgefangene bei deutschen Schülern: “DIe Russen entluden ihre Taser an uns” | ABC-Z

Kriegsgefangene besuchen Schüler“Die Russen entluden ihre Taser an uns”

26.02.2026, 21:13 Uhr Von Frauke Niemeyer

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Ruslan, Huan und Gennadiy – befreit aus russischer Gefangenschaft. “Sie haben aus allem Folter gemacht.” (Foto: Frauke Niemeyer / ntv.de)

Drei Ukrainer erzählen deutschen Schülern aus ihrer Kriegsgefangenschaft in Russland. Die Berichte von Schlägen, von Hungern, Verbrühen, Frieren müssen erschüttern. Doch die Soldaten können sie nicht schonen und die Teenager wollen nicht geschont werden.

Es ist ein sonniger Morgen, als drei ukrainische Soldaten in die Gesichter von 50 deutschen Jugendlichen blicken. Die Ukrainer sind für zwei Stunden zu Besuch, einige Schüler haben Kekse gebacken. Man möchte sprechen über das, was der Krieg mit den Dreien gemacht hat, vor allem aber über das, was die Russen mit ihnen gemacht haben: Gennadiy, Huan und Ruslan gerieten im Kampf in Gefangenschaft.

Schwer zu sagen, woran man es festmachen könnte, aber etwas spricht aus den drei Gesichtern, schon bevor sie die ersten Worte an die deutschen Teenager richten. Eine Erfahrung, die auf ihnen lastet. Eine Sorge wohl auch, ob die jungen Leute, die da in sechs Stuhlreihen vor ihnen sitzen, verstehen können, worum es ihnen geht. “Dieses Treffen mit euch stresst mich mehr als ein Termin mit Politikern im Parlament”, sagt Petro, der die drei durch Deutschland begleitet: “Weil es unsere Kinder sind, für die wir kämpfen.”

Damit hat der Ukrainer den Ton gesetzt für diese Begegnung zweier sehr unterschiedlicher Lebenswelten: Was immer auch zur Sprache kommen wird, es soll auf Augenhöhe stattfinden. In den kommenden zwei Stunden wird man in dem kleinen Festsaal der Schule kein Störgeräusch vernehmen. Niemand wird tuscheln, niemand wird unruhig werden, einige der Teenager tippen Antworten der Männer in ihre Tablets oder machen sich per Hand Notizen. Wenn die Schulglocke zur Pause läutet, wird das keine Rolle spielen.

Dreieinhalb Jahre in Gefangenschaft

Ruslan entschuldigt sich als erstes – für sein Englisch und für seine Nervosität. “Ein Publikum wie euch bin ich nicht gewohnt”, sagt er. Am 24. Februar vor vier Jahren wurde er von seinem Sohn geweckt. “Papa, die machen komisches Feuerwerk am Himmel”, sagte der um 5 Uhr früh, als russische Raketen den Großraum Kiew erreichten. Ruslan brachte seine Familie weiter nach Westen und stieß im März zur Armee. Im Dezember nahmen die Russen ihn gefangen.

Gennadiy freut sich sehr, hier an der Schule zu sein, sagt er. “In meinem früheren Leben vor dem Krieg war ich Lehrer.” Der jüngste der Drei ist Huan, dessen Vater aus Kuba in die Ukraine einwanderte. “Als 2014 der Krieg begann, war ich 16, so alt wie ihr jetzt”, sagt er. Vier Jahre später ging er zur Armee. Als im Mai 2022 die ukrainischen Einheiten im Asow-Stahlwerk Mariupol nach Wochen der Belagerung kapitulierten, war Huan unter ihnen. Eine Freilassung binnen vier Monaten wurde ihm und seinen Kameraden damals versprochen, die Vereinten Nationen hatten vermittelt. “Ich bin seit einem halben Jahr frei”, sagt Huan. “Seit August 2025.”

Die Jugendlichen haben Fragen vorbereitet, aber die Ukrainer wollen noch einiges loswerden. “Zwei von uns sind Lehrer”, sagt Ruslan. “Und das bedeutet: Wenn der Krieg jemals hierherkommen sollte, dann werden eure Lehrer zur Armee gehen. Denn wir sind auch ganz normale Leute. Meine Frau macht zuhause gerade einen Kurs für Scharfschützen.” Jedes Haus, jede Wohnung, jeder einzelne Stein in der Ukraine sei heute eine Festung, sagt Ruslan. Jeder wisse, wie man Erste Hilfe leistet, wenn der Nachbar getroffen wird. “Das alles passiert einen Tag Zugfahrt von euch entfernt.”

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Gefangenenaustausch am 5. Februar, Ukrainer kommen in Charkiw an. (Foto: Getty Images)

Die erste Frage der Teenager tastet sich langsam an das schwere Thema heran. Das Mädchen bedankt sich bei den Männern und möchte wissen, was sie heute noch immer zum Lächeln bringt, wenn sie an die Zeit vor ihrer Gefangenschaft denken. “Das kann ich beantworten”, beeilt sich Gennadiy und erzählt, wie er in der Armee einen ehemaligen Schüler wiedertraf, der damals ein furchtbarer Hooligan gewesen war. Und wie sie Kameraden wurden und gelacht hatten über jene alten Zeiten.

Ein Schüler fragt, wie die Ukrainer als Soldaten an Informationen kamen. Sie schauen sich belustigt an. “Internet?”, sagt Ruslan, auch die Kinder lachen. Huan will noch einmal zur ersten Frage zurück. “Für mich war es anders als für die anderen. Sie hatten schon ein ganzes Leben gelebt, als sie gefangen wurden”, sagt er. Statt Sport zu machen, Youtube zu schauen, lustige Memes zu suchen, habe er trainiert, wie man Molotow-Cocktails baut. “Wenn ich an frühere Zeiten denke, wünsche ich mir, ich hätte eine Kindheit gehabt.”

Falls es den drei Gästen möglich sei, sagt ein Mädchen mit ruhiger Stimme, so könnten sie vielleicht die Zeit im Gefängnis genauer beschreiben? Huan macht den Anfang. Als Nato-Ausbilder in der ukrainischen Armee hassten die Russen ihn besonders. “Sie haben mich gefoltert, weil ich behaupten sollte, ich sei ein Söldner gewesen.” Jeder Ukrainer habe eigene Erfahrungen, aber manches war allen gemein: die ständigen Schläge, mehrfach am Tag, die Stromstöße mit Tasern. “Die Russen haben an uns ihre Taser entladen, bis der Akku alle war, einfach zum Spaß.”

Einige sind vor Hunger gestorben

Viele seiner Kameraden seien gestorben in der Gefangenschaft, erzählt Huan. “Der Mensch ist nicht dafür gemacht, solche Qualen auszuhalten.” Besonders litt er unter den stundenlangen Verhören, von Folter begleitet, weil es so unfassbar war zu erleben, was ein Mensch einem anderen Menschen antun kann. “Sie haben uns hungern lassen, manche von uns sind verhungert”, sagt er. “Sie wollten aus uns Primitive machen, die nur noch an ihre einfachsten Bedürfnisse denken, an Brotkrumen. Für die nichts Höheres mehr zählt, kein Kampf, keine Moral, keine Liebe, keine Familie.” Einige seiner Kameraden hätten sich lieber aufgehängt, als diesen Zustand länger zu ertragen.

Es gibt nichts zu beschönigen oder abzumildern. “Ihr seid die Zukunft eures Landes”, hat einer der Vier am Anfang zu den deutschen Jugendlichen gesagt. Sie sollen wissen, worum es geht, falls sie jemals in einen Krieg mit Russland geraten.

“Am schlimmsten war für mich die Folter durch Kälte”, sagt Huan. Irgendwo in den russischen Bergen bei 30 Grad minus und einem weit geöffneten Fenster in der Zelle. “Ich hätte mich lieber besinnungslos schlagen lassen, als über Stunden dieser Kälte ausgesetzt zu sein.” Die Russen fragten ihn nicht, ob ihm eine andere Art der Folter lieber sei. Im Gegenteil: Sehr häufig wurden Gefangene von einem Lager in ein anderes verlegt, damit man sich nicht an eine Art der Behandlung gewöhnen sollte und womöglich einen Weg finden, sie auszuhalten. Neues Lager, neues Folterregime. 18 verschiedene Methoden deklarieren die Vereinten Nationen als Folter. Nach den Berichten der drei Ukrainer lassen die Russen in ihren Gefängnissen keine aus.

Petro hat einige Fotos mitgebracht. Eines zeigt eine große Bauchnarbe nach einer Operation, durch die ein russischer Arzt dem gezeigten ukrainischen Soldaten das Leben gerettet habe. Neben der großen Narbe sind weitere kleine Narben, sie bilden kyrillische Buchstaben. “Nach der OP hat der Arzt dem Ukrainer ‘Hoch lebe Russland’ mit seinem Skalpell in den Bauch geritzt.”

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Eine Frau hofft in Charkiw auf die Rückkehr eines geliebten Soldaten. (Foto: Getty Images)

Ruslan hatte mehr als 50 Kilo Gewicht verloren, als er aus der Gefangenschaft kam. “Die Russen haben aus allem eine Folter gemacht, was es gab”, erzählt er. Auch aus den Mahlzeiten. “Wir hatten zwei Minuten zum Essen, dann wurde abgeräumt. Das Essen wurde kochend serviert.” Die Kombination zwang die Ukrainer dazu, sich bei jeder Mahlzeit den Mund zu verbrennen. Ebenso verlief das Duschen ab: “Dafür hatte man 30 Sekunden und das Wasser kam 90 Grad heiß direkt aus dem Boiler.”

Auch aus Verlegungen, sogar aus Freilassungen lässt sich eine Folter generieren. Die Russen waren kreativ. “Sie haben gesagt, ‘Pack Deine Sachen, Du kommst heute frei’, während der Gefangenentransporter wartete. Nach stundenlanger Fahrt erreichte man das nächste, meistens schlimmere Lager. Die längste Zeit verbrachte Ruslan in einer Zelle mit acht Gefangenen. “Wir hatten ein Klo und ein kleines Waschbecken, eine winzige Ration Seife für zwei Wochen.” Ein Bett gab es nicht. Post gab es auch nicht. “Erst hinterher erfuhr ich von meiner Familie, dass sie mir 80 Briefe geschrieben hatten.” Ruslan bekam keinen einzigen in die Hand.

“Leider hat Gott dreieinhalb Jahre gebraucht”

Nach einem möglichen Ratschlag für das “frühere Ich” fragt ein Mädchen. “Mit dem Wissen, das Sie heute über den Krieg haben. Was würden Sie Ihrem früheren Ich raten?” Eine gute Frage, darüber habe er noch nie nachgedacht, sagt Huan. “Härter zu werden”, sagt er schließlich. Was ihm Hoffnung gegeben habe während der Gefangenschaft? “Ich wusste, dass ich nichts Falsches getan hatte. Keine Grenze überschritten, niemanden überfallen, nur meine Familie, meine Landsleute verteidigt. Ich war bei den Guten.” Er habe jeden Tag zu Gott gebetet, dass er freigelassen würde. “Leider hat Gott dreieinhalb Jahre dafür gebraucht.”

Die Ukrainer schonen die Jugendlichen nicht. Die wissen diese Haltung zu schätzen. Die Fragen werden vorsichtig, oft leise vorgetragen – manchmal weniger als Frage, eher als Angebot: Wenn Sie darüber reden wollen, würden wir zuhören. Ein Morgen, der allen im Saal etwas abverlangt, während durch die Fenster freundlich die Sonne scheint.

In diesem Licht werden die jungen Gastgeber und ihre Gäste später ein Gruppenfoto schießen, in gelöster Stimmung. Viele bedanken sich persönlich bei den Ukrainern für die Zeit und Offenheit, die sie mitgebracht hatten. In der Schülerzeitung soll ein Bericht erscheinen. Die Kriegsgefangenen haben später am Tag noch einen Termin mit Politikern in Berlin. Aber das wird – verglichen mit dieser Begegnung – ja keine Herausforderung mehr.

Quelle: ntv.de

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