Europas verwundbare Flanke: Was, wenn der Iran-Krieg in den Südkaukasus überschwappt? | ABC-Z

Europas verwundbare FlankeWas, wenn der Iran-Krieg in den Südkaukasus überschwappt?
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Armenien schafft das Kunststück, gute Beziehungen zu den USA und zum Iran zu unterhalten. Im Südkaukasus ist es eine Demokratie in zunehmend autoritärer Nachbarschaft. Eine Ausweitung des Kriegs würde das Land hart treffen.
Ein bissiges Meme ging in der vergangenen Woche um in den Sozialen Medien des Südkaukasus. Auf einer animierten Landkarte der Region fügen sich aufeinanderfolgende Explosionen auf Territorien fast aller eingezeichneter Staaten zu einem “Feuerring”. Nur in der Mitte, über der Republik Armenien, sitzt entspannt, den Blick ins Nichts schweifen lassend, der armenische Premierminister Nikol Paschinjan und mümmelt mit zwanglosem Unschuldsblick ein landestypisches Peraschki-Brötchen.
Die Darstellung trifft einen Nerv, da Armenien einerseits in der Region heraussticht als Demokratisierungsvorreiter in autoritärer Nachbarschaft, die sich von der einstigen Schutzmacht Russland distanziert und eine Friedensagenda fährt. Doch obwohl Jerewan eine EU-Mitgliedschaft zum langfristigen Ziel erklärt hat und einen engen Draht zur US-Regierung von Präsident Donald Trump pflegt, hat es sich stets um gute Beziehungen zum Iran bemüht.
Armenien befindet sich zwar, mit internationaler Unterstützung, auf einem historischen Weg der Aussöhnung mit den einst verfeindeten Nachbarn Aserbaidschan und Türkei. Aber die Grenzen dorthin sind weiter geschlossen. Der Iran war damit bislang für die Armenier neben Georgien die einzige offene Landgrenze, und auch Teheran legt großen Wert darauf, diese Route nach Norden zu erhalten.
Aserbaidschan droht Iran mit Vergeltung
Andererseits steht gerade deswegen für die Südkaukasusländer und insbesondere für Armenien viel auf dem Spiel, sollte sich der Krieg im Iran fortsetzen oder gar ausweiten. Zunächst wäre mit Flüchtlingsströmen aus dem Iran zu rechnen, die die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ressourcen des Landes stark unter Druck setzen könnten. Bereits durch die Vertreibung der Armenier aus der Region Bergkarabach kamen 2023 gut 100.000 Flüchtlinge in die Republik, deren Bevölkerungszahl insgesamt geringer ist als die von Berlin. Doch es könnte auch noch härter kommen.
Nachdem vergangene Woche mutmaßlich iranische Drohnen auf einem Flughafen in Aserbaidschan einschlugen, ließ der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev die Armee mobilisieren und drohte mit Vergeltung, sollte sich der Iran nicht entschuldigen. Eine Eskalation ist nicht auszuschließen, ist doch das Verhältnis zwischen Baku und Teheran seit Jahren angespannt, auch aufgrund der signifikanten aserbaidschanischen Minderheit im iranischen Grenzgebiet.
Iranische Angriffe auf Aserbaidschan hätten gravierende Folgen für Europa
Vor allem aber ist Aserbaidschan einer der wichtigsten Verbündeten Israels in der muslimischen Welt. Israel bezieht bis zu 50 Prozent seines Rohöls von Baku und liefert im Gegenzug unter anderem Militärtechnik. Die wichtige Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline, die aserbaidschanisches Öl über Georgien und die Türkei in die Mittelmeerregion liefert, könnte daher Ziel für iranische Angriffe werden – sei es durch Drohnen oder Cyberattacken. Das Gleiche gilt für weitere Teile der Transportinfrastruktur, die durch den Südkaukasus verläuft und ihn zu einem Kernstück im sogenannten Mittleren Korridor zwischen Europa und Zentral- wie Ostasien macht.
Auch aserbaidschanisches Erdgas ist für mehrere Länder Südosteuropas vital und trägt selbst zum deutschen Gasmix einen Teil bei. Angesichts des Lieferausfalls Katars und der Drohung eines russischen Gasembargos wären Störungen der Südkaukasus-Transportlinien für Europa ein weiterer Tiefschlag für Energieversorgung und Handel.
Durch die Republik Armenien verlaufen zwar noch keine wichtigen transnationalen Pipelines, doch genau das soll sich zeitnah ändern. Und ein geplantes Jahrhundertvorhaben zum Bau neuer Pipelines, Straßen, Schienen und Glasfaserverbindungen lässt schon am Namen erkennen, dass seine Bedeutung über reine Infrastruktur hinausgeht: Die “Trump Route for International Peace and Prosperity”, kurz TRIPP.
Im Juni wird in Armenien gewählt
Dieses im August 2025 beim historischen Treffen Paschinjans und Aliyev mit Trump im Weißen Haus aus der Taufe gehobene Projekt ist eng verbunden mit der Regionalagenda für Frieden, Grenzöffnung und Konnektivität. Bei seinem jüngsten Vor-Ort-Besuch stellte US-Vizepräsident JD Vance Investitionen in Aussicht. Doch gebaut werden soll TRIPP von Privatfirmen – und Investoren könnten leicht abgeschreckt werden durch regionale Instabilität.
Die volle geopolitische Dimension des Projekts verdeutlicht der Blick auf die Landkarte. Die neue Route soll zum Großteil durch die Sjunik-Region führen, die langgezogene Südprovinz Armeniens, deren Spitze die Grenze zum Iran bildet, ansonsten aber beiderseits von Aserbaidschan flankiert wird: Auf der Ostseite liegt das aserbaidschanische Kernland und im Westen dessen Exklave Nachitschewan. All diese Länder und Gebiete sollen mit ambitionierten Projekten wie TRIPP neu verbunden werden und nach jahrzehntelanger Feindschaft eine neue Ära regionaler Partnerschaft einläuten. Doch ausgerechnet in Nachitschewan gingen nun die mutmaßlich iranischen Drohnen nieder. Sollten die Infrastrukturprojekte als Treiber der Friedensagenda scheitern, könnte der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan womöglich neu aufflammen.
All diese Unwägbarkeiten treffen Armenien in einem Moment erhöhter Verwundbarkeit, vor den richtungsweisenden Parlamentswahlen im Juni. Die Regierung stellt sich zur Wiederwahl, auch und gerade für ihre Positionen von Öffnung, Westkurs und Friedensagenda, steht aber in der Kritik, handfeste Ergebnisse vorweisen zu müssen.
Erst im vergangenen Dezember haben sowohl die EU als auch Deutschland mit Armenien strategische Partnerschaftsabkommen geschlossen. Sollte das Land durch den Iran-Krieg unter massiven Druck geraten, wären die Europäer gefordert zu beweisen, wie viel ihnen dieser strategische Partner innerhalb des regionalen “Feuerrings” wirklich wert ist. Eine solche Belastungsprobe böte aber auch die historische Chance, durch flexible und substanzielle Unterstützung der armenischen Bevölkerung zu signalisieren, auf wen in Krisenzeiten tatsächlich Verlass ist.
Der Autor: Jakob Wöllenstein leitet das Regionalprogramm Politischer Dialog der Konrad-Adenauer-Stiftung im Südkaukasus.





















