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Erster Kommentar des neuen „Welt“-Chefredakteurs: Making Sätze Short Again – Medien | ABC-Z

Ich stelle mir das so vor, dass Helge Fuhst, der neue Chefredakteur der Welt, an seinem ersten Arbeitstag mit extra Gepäck vorfuhr; einem großen, schweren Rollkoffer, der ihm vom Chauffeur in sein neues Büro geschoben wurde, randvoll bepackt mit Punkten. Damit ihm diese Satzzeichen nicht ausgehen würden bei der geheimen Mission, der er sich verschrieben hat: Making Sätze Short Again.

Fuhst kommt von der ARD zu Springer, was an sich schon ungewöhnlich ist, und er kommt vom Fernsehen zu einem Medium, das jeden Tag immer noch viele Texte herstellt, um sie ins Internet oder auf Papier zu schreiben. Vor allem die Kommentare sind Teil eines großen Empörungskreislaufs: Der jeweilige Verfasser lässt seine Wut über alles ab und facht damit die Wut über alles bei der Leserschaft an, die dann auch ihre Wut über alles ablässt.

Hauptklempner hier ist Welt-Herausgeber Ulf Poschardt, der sich fast täglich am von ihm sogenannten Shitbürgertum abarbeitet. Die konkrete Form ist dabei relativ egal, im Gegenteil: Es hilft, wenn der Eindruck entsteht, die Wut fließe ungefiltert und unkanalisiert ab, solange nur mindestens ein Gender-Witz und eine lebensmittelhafte Beleidigung wie „Quark“ oder „Lauch“ in der Brühe schwimmt.

Fehlt nur noch die Abmoderation: „Das Wetter“

Nun ist also vor zwei Wochen Helge Fuhst ins komplizierte Organigramm der Axel-Springer-Medien gerutscht, und das gleich doppelt: Er ist Vorsitzender der Chefredaktionen der „Premium-Gruppe“ aus Welt, Business Insider und Politico und gleichzeitig einer der Chefredakteure, denen er ja eigentlich vorsitzt –, er ist nämlich in Personalunion auch einer der Chefs der Welt-Gruppe. Anfang dieser Woche nun hat Fuhst seinen ersten Kommentar geschrieben, und man merkt, dass er sich Mühe gegeben hat, originell zu sein. Er fordert, dass Lars Klingbeil als SPD-Vorsitzender nach den Wahldebakeln nicht zurücktreten soll. Vor allem deshalb, weil er so angeschlagen sei, dass er ohnehin nichts mehr zu verlieren habe, und deshalb ungefähr alles tun könne: „Wer nichts mehr zu verlieren hat, kann gewinnen.“

Politisch liegt Fuhst weitgehend auf Springer-Linie: Er bezeichnet die SPD als zu links und rät ihr, von den Sozialdemokraten in Dänemark zu lernen, die schlauerweise ihren Kurs geändert hätten: „migrationspolitisch realistischer, wirtschaftspolitisch pragmatischer, näher an der arbeitenden Mitte“. „Das Ergebnis“, so Fuhst: „der Absturz der Rechtspopulisten“. (Bei den Parlamentswahlen haben die dänischen Sozialdemokraten gerade ein Debakel erlebt. Einer der großen Sieger der Wahl: die Rechtspopulisten. Egal.)

Aber faszinierender als der Inhalt von Fuhsts Welt-Premiere ist die Form. Er hat seinen Kommentar wie einen Fernsehkommentar geschrieben. Einen Tagesthemen-Kommentar. Fast ohne Nebensätze, bei denen der viertelaufmerksame Zuschauer nach einer Sekunde nicht mehr weiß, worauf sie sich beziehen. Es gibt fast kein Komma. Nur wenige Verben, die ja eh nur dauernd irgendwas tun wollen.

Das klingt dann so: „Treten Sie nicht zurück, Herr Klingbeil. Ja, Sie lesen richtig. Nach dieser Wahlschlappe. Nach Rheinland-Pfalz. Nach all den verlorenen Stimmen, all den verlorenen Milieus, all dem verlorenen Vertrauen. Gerade jetzt. Ein Rücktritt mag naheliegen. Er wäre erwartbar. Er wäre konsequent. Und er wäre dennoch – falsch. (…) Die Lage ist ernst. Der Standort schwächelt.“

Es liest sich, als könnte man jeden dieser Stakkato-Sätze nach einem weiteren superdramatischen Gedankenstrich wie dem vor Fuhsts „falsch“ noch um die Wörter ergänzen: „Das Wetter“.

Aber diese Anmoderation ist in den Tagesthemen ja auch längst Geschichte. Statt der lakonischen beiden Wörter von Ulrich Wickert wird man am Ende der Sendung vom Moderator oder der Moderatorin mit einem Plauderschwall zur Vorhersage gespült: „Karsten Schwanke in unserem Wetterkompetenzzentrum, du hast uns ja die letzten Wochen wirklich kein schönes Wetter beschert, können wir denn wenigstens zum Wochenende damit rechnen.“ Etc., etc.

Helge Fuhst hingegen bringt die Sachen in der Welt jetzt auf den Punkt. Und sei es nur vom Satzzeichen her.

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