Eröffnung der Paralympics: Ein paar Pfiffe begleiten Russlands Rückkehr – Sport | ABC-Z

Der Arena von Verona ist kein Vorwurf zu machen, sie hat wieder alles gegeben mit ihren 2000 Jahre alten Steinen. Spektakulär wie eh und je lag sie da im Zentrum der Stadt, dem Anlass entsprechend in buntes Licht getaucht und in Kunstnebel gehüllt. Die Kulisse wäre bereitet gewesen für eine stimmungsvolle Eröffnung der 14. Paralympischen Winterspiele. Inklusion und Gleichberechtigung, moralische Autorität, die paralympische Bewegung steht für so vieles, was bei den Menschen gemeinhin Emotionen auslöst. Allein: Der Funke wollte nicht recht überspringen. Die Lage der Dinge ist nicht danach.
„Vibes“, Stimmungen, mit diesem Begriff ging es los in einem ersten Einspieler. „Vibes“ wurde dann am Freitagabend tatsächlich zum unfreiwilligen Leitmotiv. Und es war gar nicht so leicht auseinanderzuhalten, was jetzt genau die Ursache für welches Störgefühl war, was an Entscheidungen der Veranstalter lag, was an einem unsensiblen Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) – und was ganz generell an der unerfreulichen Weltlage.
An den ausgewählten Künstlerinnen und Künstlern, an den Choreografien, an der integrativen Symbolik ist der Abend nicht gescheitert. Aber eine Eröffnungsfeier fast ohne die Hauptdarsteller des zu eröffnenden Sportfests zu organisieren – auf diese Idee musste man erst mal kommen.
Nur zwei Aktive und zwei Betreuer pro Teilnehmerland waren zugelassen, leider herrscht Platzmangel in der antiken Arena. Und nur, weil nationale Para-Komitees protestierten, ersannen die Veranstalter kurze, voraufgezeichnete Videoeinspieler aus den Austragungsorten Cortina, Mailand und Tesero. Die deutschen, nun ja: Fahnenträger, Skifahrerin Anna-Lena Forster und Eishockeyspieler Jörg Wedde, fanden das „gewöhnungsbedürftig“. Wedde kam sich vor, „wie wenn man am Hauptbahnhof in einen Fotoautomaten geht, um ein Passbild zu machen. Mit dem Unterschied, dass man hier Emotionen zeigen sollte“. Das Gefühl, zusammen mit Hunderten Mitathleten in ein Stadion einzulaufen, ist halt durch nichts zu ersetzen.
Am Ende schickte der Deutsche Behindertensportverband (DBS) dann nicht mal die zugelassene Mini-Delegation nach Verona. Das geschah wiederum aus Respekt vor dem Team der Ukraine, das eine sportpolitische Ungeheuerlichkeit beklagt: Das erste Mal bei einem globalen Sportereignis sind Russland und Belarus wieder mit dabei, ohne Einschränkung, mit Hymne und Fahne, trotz des fortgesetzten Angriffskrieges. So hatte es eine Mehrheit der Länder bei der IPC-Generalversammlung beschlossen.
Die Deutschen tun sich besonders schwer, ihre Haltung zu erklären
Das gab der Eröffnung den Rest. Sieben Länder – Tschechien, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Polen und die Ukraine – boykottieren die Feier aus politischen Gründen. Andere – Kanada, die Schweiz, Frankreich, Norwegen – boykottierten ein wenig mit. Und besonders schwer taten sich die Deutschen beim Versuch zu erklären, dass man keinesfalls boykottiere, aber zugleich „ein Zeichen der Solidarität“ setze, jedoch ohne wiederum den Athleten „den Flow“ nehmen zu wollen.
Die „Athletenparade“ sah dann so aus: Volunteers trugen die Fahnen. Bei der Hälfte der 55 teilnehmenden Nationen folgte dahinter: niemand. Österreich (italienisch: Austria) war das erste Land ohne Athleten, bald darauf: Belarus, mit Athleten, ohne Regung des Publikums. Dann Tschechien – zusätzlich ohne Fahnenschwenk-Video, also ein echter Boykott! Dann El Salvador, auch ohne Athleten. Die hatten, wie viele andere, angesichts der weiten Wege bei diesen Spielen allerdings bloß keine Zeit. Estland – ohne Video. Deutschland – mit Video. Dezenter Applaus für Israel. Jubel für Puerto Rico. Und um 20.35 Uhr dann: Russland. Vereinzelte Pfiffe, aber man kann ja die Musik laut drehen. Schließlich: Jubel für die Ukraine. Allerdings mit der Fußnote, dass auch hier Freiwillige die Fahne trugen, obwohl das Land beantragt hatte, sie nicht auf derselben Bühne wie die russische Fahne zu zeigen. Antrag abgelehnt. Und am Ende, auch das nicht wirklich ein Signal der Gleichbehandlung: Gastgeber Italien, mit gut 30 Männern und Frauen.
Er ziehe es vor, sagte der IPC-Präsident Andrew Parsons in seiner Rede, „Länder nicht nach den Namen ihrer Anführer zu kennen, sondern nach den Namen ihrer Athleten“. Der Sport als Hüter einer regelbasierten Welt. Der Satz wäre eine gelungene Anmerkung zur Gegenwart gewesen, weit über den Krieg in der Ukraine hinaus. Aber Athleten waren ja kaum welche da.





















