Erding: Szenisches Spiel über die Leidensgeschichte Christi – Erding | ABC-Z

Jesus hat keine Chance. Die bewaffneten Soldaten in schwarzen Muskel-Shirts und Jeans schubsen und stoßen ihn durch den Mittelgang der Pfarrkirche St. Johannes. Vorn am Altar wartet Roms Statthalter Pilatus. Er wirkt von den Anschuldigungen gegen Jesus persönlich nicht so recht überzeugt. Aber dann spricht er doch das Todesurteil.
Es ist Mittwoch, früher Abend: Probenzeit für den dritten Part der fünfteiligen Leidensgeschichte Christi, in Szene gesetzt von Renate Eßbaumer von der Volksspielgruppe Altenerding und Erdings Stadtpfarrer Martin Garmaier. Szene Nummer drei …„Ein schwerer Gang … Pilatus wird schwach“ zeigt den Weg von Jesus nach Golgatha.
Die Darsteller im Alter von 17 bis 65 Jahren gehören zur Volksspielgruppe Altenerding und zum Pfarrverband Erding-Langengeisling. Manche haben bereits Bühnenerfahrung, für andere ist es der erste Auftritt überhaupt. Die Mitwirkenden sind konfessionell vielfältig: evangelisch, katholisch, muslimisch, darunter sind Kirchgänger und ebenso einige Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind.
Alle seien eingeladen, mitzuspielen, betont der Erdinger Stadtpfarrer. Es geht um eine universelle Geschichte – um Verrat, Gewalt, Macht, um Feigheit und Mitläufertum, um Tod und Trauer, aber auch um Liebe und Hoffnung. „Und die große Frage: Wer trägt das Kreuz heute?“, fügt Martin Garmaier hinzu.

Die Idee für eine Erdinger Passion hatte Stadtpfarrer Garmaier schon vor längerer Zeit. Vor drei Jahren fragte er zum ersten Mal bei Renate Eßbaumer an, die bereits viele Stücke für die Volksspielgruppe inszeniert hat. „Ich hab’ gleich abgesagt“, erzählt Eßbaumer. Mit Blick auf die bekannten Passionsspiele im tirolerischen Erl oder gar den berühmten in Oberammergau habe sie sich keine eigenen für Erding vorstellen können, erklärt sie. Doch Garmaier fragte immer wieder nach und als sie mehr Zeit hatte, entstand im vergangenen Jahr plötzlich eine Idee und eine konkrete Vorstellung. Und los ging’s mit dem Schreiben.
Entstanden ist ein einzigartiges szenisches Spiel in fünf Aufzügen, in dem „Liturgie, Kunst, Wort und Spiel verschmelzen“, wie es die beiden beschreiben. Die Erdinger Passion ist also kein Theaterstück im klassischen Sinn. Jeder der fünf Teile ist einem Wortgottesdienst in der Kar- und Osterzeit zugeordnet – in dieser Reihenfolge: das Letzte Abendmahl, die Gefangennahme, der Weg nach Golgatha, die Kreuzigung und schließlich die Auferstehung.
Pilatus gibt dem Drängen der Hohepriester nach. So schwach, so menschlich
Die biblischen Figuren werden zutiefst menschlich dargestellt. Pilatus etwa. Der römische Gesandte sieht Jesus zunächst als unschuldig an. Dann reden drei Hohepriester auf ihn ein: Dass sich da einer als König der Juden aufspiele, das müsse bestraft werden: „Ordnung muss herrschen in unserer Religion.“ Pilatus will keinen Ärger mit ihnen – und schwenkt schließlich um. So schwach, so menschlich.
Für Stadtpfarrer Garmaier stellt sich immer wieder die Frage, wie man heute mit Jesus Christus wohl umgehen würde. Dogmatiker wie die Hohepriester damals, die sich nur „auf die Buchstaben des Gesetzes, aber nicht auf dessen Geist“ festlegten, die gebe es immer noch. Für ihn als Priester sei es wichtig, nicht abgehoben zu sein, sondern als Mensch mit beiden Beinen am Boden zu stehen. Wichtig sei, sich immer wieder selbst zu hinterfragen: „Wie hätte ich gehandelt?“
Die Szene, in der Maria von ihrem Sohn Abschied nimmt und in den Armen von Maria Magdalena und dem Jünger Johannes zusammenbricht, ist herzzerreißend. „Unsere Tränen sind echt“, sagt Darstellerin Ingrid Grüner. Maria Magdalena, gespielt von Tamara Peinelt von der Laienspielgruppe, erklärt, wie beeindruckend die „ganz spezielle, spirituelle Atmosphäre“ der Pfarrkirche sei.
Die Aufführung der Kreuzigung an Karfreitag ist für Kinder unter zwölf Jahren nicht geeignet
Jascha Reifegerste steht zum ersten Mal als Schauspieler auf der Bühne. Er spielt Johannes, „den besten Kumpel von Jesus“, wie er seine Rolle beschreibt. Auch seine Frau Franziska, sein Sohn Emanuel und seine Tochter Jasmina sind dabei. Die Siebenjährige spielt ein Mädchen aus dem Volk. Sie wird auf Befehl der Soldaten die Dornenkrone bringen.
Jesus-Darsteller Wolfgang Mai erzählt, er habe zunächst damit gehadert, die Rolle zu übernehmen. Inzwischen sei er froh darüber, dabei zu sein. Einige seien auf ihn zugekommen, da sie unsicher seien, ob sie eine biblische Figur verkörpern könnten, sagt Garmaier. „Ich habe geantwortet: ‚Allein, weil du dir diese Frage stellst, halte ich dich für geeignet.‘“
Bühnenbau, Kostüme und Technik liegen in den Händen der Volksspielgruppe Altenerding. Damit alle Besucherinnen und Besuchern eine gute Sicht haben, werden in den Seitenschiffen Leinwände installiert. Da die Stadtpfarrkirche nur über eine begrenzte Anzahl an Sitzplätzen verfügt, weisen die Veranstalter darauf hin, dass es erforderlich sein kann, auf Stehplätze auszuweichen.
Besondere Aufmerksamkeit gilt der vierten Vorstellung am Karfreitag: Die Aufführung der Kreuzigung Christi ist für Kinder unter zwölf Jahren nicht geeignet, heißt es in einer eigens herausgegebenen Pressemitteilung.
Die Leidensgeschichte Christi: Szenisches Spiel im Rahmen von fünf Wortgottesdiensten in der Stadtpfarrkirche St. Johannes Erding, an den Freitagen 13. März („Das letzte Abendmahl“), 20. März („Der Verrat“) und 27. März („Ein schwerer Gang – Der Weg nach Golgatha“), jeweils um 18 Uhr, sowie Karfreitag, 3. April, („Es ist vollbracht“ – die Kreuzigung) um 15 Uhr, und Ostermontag, 6. April, (Die Auferstehung) um 18 Uhr. Eintritt frei.





















