Bezirke

Er half der Bundeswehr in Afghanistan, jetzt findet er in München keine Arbeit – München | ABC-Z

Rafi N. möchte nicht klagen. Doch er sitzt gebückt auf dem Sofa in seiner kleinen Wohnung in München, und man sieht, dass er viel Last mit sich herumträgt. Last aus seinem alten Leben in Afghanistan, wo er elf Jahre lang als Security-Mitarbeiter die deutsche Bundeswehr unterstützt hat. Und Last aus dem neuen Leben in Deutschland, das so hoffnungsvoll anfing, bis sich in einer Regennacht vor einem Jahr alles änderte.

Seit die internationalen Truppen aus Afghanistan abzogen, sind ehemalige Ortskräfte in dem Land nicht mehr sicher. Rafi N. (alle Namen zum Schutz der Familie geändert) drohte das Schicksal seiner Eltern und zwei seiner Geschwister, die von den Taliban ermordet wurden. Am 15. August 2021 – dem Tag, an dem die Taliban die Macht in Kabul übernahmen – schaffte er es mit seiner Frau Ela R. in das letzte Flugzeug, das die Stadt verlassen konnte. Zwei minderjährige Geschwister musste er bei Nachbarn zurücklassen. Er hatte sie angewiesen, alle Dokumente zu vernichten. Denn würde bekannt, dass ihr Bruder für eine ausländische Armee gearbeitet hat, wäre das ihr Todesurteil.

Trotz dieser Ängste stürzte Rafi N. sich in München voller Energie ins neue Leben. Er lernte Deutsch und suchte geduldig eine Wohnung. Schließlich bekam er eine Zusage für Räume, die niemand haben wollte. Rafi N. und seine Frau ließen sich von den notwendigen Renovierungen nicht abschrecken. „Ich habe zum ersten Mal gemalert“, erzählt Ela R. stolz. So entstand ein kleines Nest mit wenigen hellen Möbeln, strahlend weißen Wänden und blau-weißen orientalischen Teppichen. Zwischen den Teppichen sieht man den blanken Beton. Nach dem Einzug wurde das erste Kind geboren.

Sobald sein Deutsch ausreichte, machte Rafi N. sich auf Jobsuche. Es war nicht einfach, denn er hatte alle Zeugnisse in Afghanistan zurückgelassen. Um nicht aufzufallen, und nicht in letzter Sekunde auf dem Weg zum Flughafen aufgehalten zu werden, konnte das Ehepaar bei der Ausreise kein Gepäck mitnehmen.

Schließlich fand Rafi N. Arbeit bei einem großen Münchner Betrieb. „Er war so glücklich“, sagt Ela R., die neben ihrem Mann auf dem Sofa sitzt. „Ich hatte Schichtdienst und musste schwer heben, aber es fiel mir leicht“, erzählt ihr Mann. Er habe beobachtet: Manchen geflüchteten Familien in Deutschland gehe es gut, anderen nicht. Entscheidend sei, ob jemand Arbeit hat.

Nach wenigen Tagen in seinem neuen Job stieg er nach der Spätschicht aus der U-Bahn. Es goss in Strömen. Weil er schnell nach Hause wollte, lieh er einen E-Scooter aus. Er kam nur ein paar Meter weit, dann rutschte er aus und landete auf der Straße. Mit schmerzendem Knie humpelte er nach Hause. Er hatte sich dieses Knie schon einmal verletzt, als er in Masar-i-Scharif beim Beladen eines Bundeswehr-Lkws abgerutscht war. Damals biss er die Zähne zusammen und arbeitete weiter.

Am Morgen nach dem Scooter-Unfall konnte er nicht auftreten und musste sich krankmelden. Wenige Tage später riet ein Arzt dringend zur Knie-OP. Zunächst zögerte Rafi N.; das zweite Kind war unterwegs, und er wollte seine Familie selbst versorgen können. Nur: Die Zähne zusammenbeißen, das war diesmal zu wenig. Da er für lange Zeit ausfallen würde, verlor er seine Stelle bei dem großen Münchner Betrieb. Eine Woche Arbeit, eine Woche krankgeschrieben. Dann stand er wieder ohne Job da und war weiterhin auf staatliche Hilfe angewiesen.

Wer Rafi N. und seiner Familie oder anderen Menschen, die in Not geraten sind, helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden. Bareinzahlungen sind im neuen SZ-Servicepunkt, im Kaufhaus Ludwig Beck, Eingang Dienerstraße, 1. OG, Marienplatz 11, möglich. Es ist von Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Sicher online spenden können Leser im Internet unter www.sz-gutewerke.de.

Überweisungen sind auf folgendes Konto möglich:

SZ Gute Werke e. V.

HypoVereinsbank

IBAN: DE04 7002 0270 0000 0822 28

BIC: HYVEDEMMXXXSpenden sind steuerlich abzugsfähig; bis zu einem Betrag in Höhe von 300 Euro reicht der vereinfachte Nachweis. Bei Spenden in Höhe von mehr als 300 Euro senden wir Ihnen die Spendenbestätigung zu, sofern auf der Überweisung der Absender vollständig angegeben ist.Jede Spende wird ohne Abzug dem guten Zweck zugeführt. Alle Sach- und Verwaltungskosten trägt der Süddeutsche Verlag.

Nach der Operation zeigte sich, dass der 39-Jährige langfristig eingeschränkt sein wird. Er darf nicht mehr schwer heben und kann nur kurze Strecken laufen. Eine Arbeit, wie er sie bei BMW gefunden hatte, wird nicht mehr möglich sein.

Die dreijährige Tochter kuschelt sich an den Vater, während er versucht, seine Traurigkeit zu überspielen. Er streicht ihr über die dunklen Locken. „Sie spricht nicht“, sagt er, „weder im Kindergarten, noch zu Hause. Und essen will sie auch nicht. Sie lebt von Milch. Nur ganz selten isst sie eine Banane oder Spaghetti. Dann wieder tagelang nichts.“ Die Eltern glauben, das Kind reagiere auf ihre Sorgen um die eigene Zukunft und um die der Familie in Afghanistan. Damit seine Tochter auf andere Gedanken kommt, war er zweimal mit ihr im Schwimmbad. Auch dort habe sie nicht gesprochen, dafür viel gelacht.

Seit dem Unfall scheint die Jobsuche aussichtslos: Er kassiert eine Absage nach der anderen. Die besten Chancen mit seinem kaputten Knie rechnet sich der Familienvater in einer Tätigkeit als Fahrer aus. Überall würden Fahrer gesucht und er sei schon gefragt worden, ob er Auto fahren könne. Er kann, doch er darf nicht. Der afghanische Führerschein wird in Deutschland nicht anerkannt.

Als er sich bei der Fahrschule in seiner Straße erkundigte, konnte er es kaum glauben: „Der Führerschein kostet mehrere Tausend Euro, und ich muss bei null anfangen, obwohl ich zehn Jahre Fahrpraxis habe.“ Während er das erzählt, schüttelt er andauernd den Kopf. „Ohne die Fahrerlaubnis finde ich keine Arbeit. Aber wie soll ich ohne Arbeit Tausende Euro sparen?“

Trotz widriger Umstände will Rafi N. mit seiner Frau und den Kindern zu den zufriedenen Familien gehören. Eisern spart er jeden übrigen Cent für den Führerschein; Ausflüge ins Schwimmbad wird es so schnell nicht mehr geben. Schon die kleinste Unterstützung bringt ihn dem deutschen Führerschein näher und damit der Chance auf Arbeit und ein selbständiges Leben.

Back to top button