Epstein-Files: Die Grenze zwischen Aufklärung und Ragebait löst sich auf | ABC-Z

W ie hat es CNN einmal so schön formuliert? Die Trump-Regierung hat ihre Stimme gefunden – in Memes und Ragebait. Täglich posten Trump und das Weiße Haus neue, provokante KI-Bilder (das rassistische Obama-Video lässt grüßen), in der Hoffnung auf möglichst starke Reaktionen und Verbreitung durch ihre digitale Armee von „Meme Warriors“. ICE online sozusagen.
Wie sehr die Trumpʼsche Meme-Regierung die Logik der Reaktionskultur verinnerlicht hat, zeigt nun die Veröffentlichung der Epstein Files. Millionen Dokumente, unkommentiert, ohne redaktionelle Einordnung, ohne Priorisierung nach Relevanz und schon gar nicht mit Rücksicht auf den Schutz der Opfer. Vielmehr dienen die Daten als Rohmaterial, kalkuliert platziert für die Reaktionsmaschinerie der sozialen Medien. Sie werden uns wie Wölfen zum Fraß vorgeworfen.
Das Material kann nun bis zur Unkenntlichkeit zerfleischt, willkürlich analysiert, interpretiert, instrumentalisiert werden. Die Files werden zu Content. Creator, Aktivisten, politische Akteure haben das Material sofort für sich verwertbar gemacht. True-Crime-Formate fanden einen unendlichen Quell für ihre Geschichten. Kunstgeschichts-Accounts analysierten die Gemälde im Hintergrund der Fotografien. Promi- und Gossip-Kanäle nahmen sich eine Figur nach der anderen vor.
ist Autorin und Kulturwissenschaftlerin in Leipzig.
Und je länger man durch all diese Bilder und Videos scrollt, desto mehr werden Namen zu Charakteren, Dokumente zu potenziellen Plot-Twists, Verdachtsmomente zu Cliffhangern. Desto mehr wird die Realität von der Fiktion überschrieben.
Das Material kann nun bis zur Unkenntlichkeit zerfleischt, willkürlich analysiert, interpretiert, instrumentalisiert werden. Die Files werden zu Content
Die Files werden dabei vielfach missverstanden und (politisch) missbraucht. Manchmal aus Versehen, weil die wenigsten ausgebildet sind, Akten zu lesen, den rechtlichen Kontext herzustellen oder zwischen Erwähnung und Belastung zu unterscheiden. Manchmal aber auch ganz gezielt.
Die Grenze zwischen Material und Manipulation verschwimmt
KI-generierte Bilder kursieren neben echten Dokumenten. Aus dem Kontext gerissene Stellen werden zu vermeintlichen Beweisen montiert. Die Grenze zwischen authentischem Material und Manipulation verschwimmt bis zur Unkenntlichkeit.
Zur Aufklärung hat die Veröffentlichung der Files bislang also wenig beigetragen. Sie ist vielmehr Camouflage, ja, die vermeintliche Transparenz verstärkt vor allem Desinformation und führt zu Nivellierung (einzelne Fälle werden zu wenigen Namen unter vielen), Überforderung und Ermüdung. Und sie führt zu Ohnmachtsgefühlen. Namen werden genannt, Verbindungen werden aufgedeckt, Dokumente verweisen auf scheußliche Taten.
Noch nie war so viel sichtbar, und doch hat es (zumindest in den USA) nur wenig Konsequenzen. Diese Diskrepanz ist schwer auszuhalten. Es fühlt sich nach einer perversen Form der Demütigung an: Schaut her, hier sind die Beweise. Und jetzt? Nichts weiter. Scrollt weiter.
Wir sind Komplizen
Dieses Gefühl der Ohnmacht treibt die Dynamik zusätzlich an. Denn wenn schon keine realen Konsequenzen folgen, dann wenigstens soziale! Und so wird umso mehr ausgestellt, vorgeführt, angeprangert.
Je stärker die Debatte um Listen, Namen und Lagerkämpfe kreist, desto mehr geraten die Betroffenen aus dem Fokus. Wie muss sich dieses Ausschlachten für die Opfer anfühlen? Wie erstarrt blicken sie wohl auf das veröffentlichte Material, einer möglichen Enttarnung oder Retraumatisierung entgegen.
Und wir, die wir tagtäglich scrollen, liken und posten? Wir sind Komplizen, indem wir die Reaktionsmaschine füttern. Manchmal in dem Glauben, aufzuklären, manchmal, um einen Umgang mit dem krassen Material zu finden oder einen anderen zu ermöglichen. Doch während wir reagieren, wirken wir mit an der Meme-Werdung von Menschen, die dringend Menschen bleiben müssen, damit ihre Taten ernst genommen werden.
Die Epstein Files sind nicht nur Rohstoff für virale Formate, sondern passen auch ideal in das Geschäftsmodell von Meta, X und Co: Plattformen, die an Empörung verdienen, Algorithmen, die nachvollziehbare Reflexe gegen uns wenden, und eine Politik, die gelernt hat, mit Memes zu regieren – im Bündnis mit Tech-Milliardären. Wir werden zu Wölfen gemacht.





















