Epibatidin: Der Stoff, mit dem Nawalnyj getötet wurde | ABC-Z

Russland lehnt eine Befassung der Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) mit den westlichen Erkenntnissen zum Tod Alexej Nawalnyjs ab. Die Organisation sei dafür nicht zuständig, behauptete Russlands Vertreter bei der OPCW am Dienstag gegenüber der russischen Nachrichtenagentur TASS: Das Gift Epibatidin, mit dem Nawalnyj laut den Erkenntnissen westlicher Labore vor zwei Jahren in einem Straflager in Russland ermordet wurde, werde gar nicht vom Übereinkommen zum Verbot Chemischer Waffen erfasst, dessen Einhaltung von der Organisation überwacht werden soll. „Deshalb kann es auch nicht Gegenstand von Diskussionen in der OPCW sein“, so der russische Diplomat.
Deutschland, Frankreich, die Niederlande, Schweden und Großbritannien haben sich am Wochenende an die OPCW gewandt, weil sie in der Vergiftung Nawalnyjs einen weiteren Beleg dafür sehen, dass Russland gegen das Chemiewaffenverbot verstößt. Die neuen Erkenntnisse unterstrichen die Notwendigkeit, Moskau für seine „wiederholte Verletzung“ des Vertrags verantwortlich zu machen, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der fünf Länder.
Russland streitet alle Vorwürfe kategorisch ab. Aber zugleich will es offenbar eine Untersuchung durch die OPCW verhindern oder delegitimieren; ähnlich ist Moskau schon nach den Anschlägen mit dem Nervengift Nowitschok auf den ehemaligen russischen Agenten Sergej Skripal in Salisbury 2018 und auf Alexej Nawalnyj in Nowosibirsk 2020 vorgegangen.
Gifte wie Epibatidin werden von der 1997 in Kraft getretenen Chemiewaffenkonvention entgegen der russischen Behauptung eindeutig erfasst: Verboten ist der Einsatz toxischer Chemikalien als Waffe – „unabhängig von ihrem Ursprung und der Methode ihrer Herstellung“, heißt es in Artikel 2 des Vertrags.
Die Schwäche der Biowaffenkonvention
In ihrer Erklärung zu Nawalnyjs Vergiftung haben sich die Europäer zudem auch auf die 1975 in Kraft getretene Konvention zum Verbot biologischer und toxischer Waffen berufen, unter die Epibatidin laut Moskaus Darstellung fällt. Aber anders als bei der Chemiewaffenkonvention sind darin keine konkreten Kontrollmechanismen oder Vor-Ort-Inspektionen vorgesehen.
Versuche, strengere Regeln für die Biowaffenkonvention einzuführen, waren in der Vergangenheit gescheitert – auch an den USA. Der jüngste Vorstoß zur Reform des Vertrags kam von Donald Trump. Bei der UN-Generalversammlung im September rief er alle Staaten auf, „die Entwicklung biologischer Waffen ein für alle Mal zu beenden“. Der US-Präsident schlug ein neues Verifikationssystem für das Abkommen vor, das auf Künstlicher Intelligenz (KI) beruht und „dem jeder vertrauen kann“.
Der russische Präsident Boris Jelzin hat 1992 zugegeben, dass die Sowjetunion auch nach Inkrafttreten der Konvention noch biologische Waffen entwickelt hatte. Washington hat Moskau auch seither immer wieder vorgeworfen, gegen die Biowaffenkonvention zu verstoßen. In einem Bericht des US-Außenministeriums von 2025 heißt es, Russland unterhalte „ein offensives Programm zur biologischen Kriegsführung“. Die Vereinigten Staaten gingen davon aus, „dass das sowjetische Programm von der Russischen Föderation übernommen und nicht abgeschafft wurde.“
In der wissenschaftlichen Forschung sei Epibaditin verbreitet, erklärt Christa Müller. Die Pharmazeutin und Professorin an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ist mit der Substanz vertraut. Sie arbeitete in den neunziger Jahren in Bethesda im amerikanischen Bundesstaat Maryland an einem Labor der National Institutes of Health, wo ihre Kollegen die Struktur des vom Baumsteigerfröschen stammenden Giftes entschlüsselten. „Nachdem die Struktur entschlüsselt war, wurden innerhalb kurzer Zeit viele Synthesen, also Wege, es im Labor herzustellen, entwickelt“, sagt Müller.
Epibatidin kann noch lange nachgewiesen werden
Wissenschaftler nutzen Epibatidin etwa bei der Erforschung von Rezeptoren, also Andockstellen, an die sich die Substanz im Körper hängt. Auch das Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Bundeswehr in München arbeitet mit dem Stoff. „Sie forschen daran, ihn nachweisen zu können, und nach neuen Stoffen als Antidote gegen chemische Waffen, da gab es im Jahr 2024 eine Publikation“, sagt Müller. Die Forscher müssen Epibatidin dafür nicht selbst herstellen. Man kann ihn bei einer Firma kaufen, die pharmazeutische Forschungsmaterialien anbietet. „Fünf Milligramm kosten aktuell 299 Euro“, sagt Müller.
Schon ein Bruchteil davon könnte tödlich sein. Wie viel man genau benötige, um einen Menschen umzubringen, sei nicht ganz klar. Aber von Tierversuchen ausgehend schätzt Müller, dass weniger als ein Milligramm ausreicht. „Man kann davon ausgehen, dass Epibatidin eingeatmet, über die Haut aufgenommen oder geschluckt werden kann“, sagt sie. Es gelange schnell ins Gehirn. Bei einer entsprechenden Dosis komme es zu Verwirrung, Krämpfen, Koma, bis hin zur Atemlähmung, an der man stirbt.
Ein besonders hohes russisches Interesse an dem Stoff kann Müller nicht feststellen. Bisher sei dazu eher in den USA, Japan und Europa, publiziert worden. Russland mache relativ wenig. Es könne aber sein, dass nicht jede Forschung publiziert werde.
Russische Exilmedien hatten berichtet, dass eine Forschergruppe des russischen Instituts für organische Chemie und Technologie, das auch mit der Entwicklung von Nowitschok in Verbindung gebracht wird, 2013 einen Artikel zur Synthese von Epibatidin veröffentlicht hat.
In der Erklärung der europäischen Staaten heißt es, dass „eindeutig das Vorhandensein von Epibatidin“ bei „Analysen von Proben Alexej Nawalnyjs“ nachgewiesen worden sei. Die Methoden dafür seien „extrem empfindlich – und dennoch ist der Nachweis schwer“, sagt Müller. Was bedeute: Die Dosis muss extrem hoch gewesen sein. In welchen Proben das Gift genau gefunden wurde, ist nicht klar. „Es könnte eine Probe der Leber oder eines anderen Organs gewesen sein“, sagt Müller. Urin sei auch denkbar.
Falls Nawalnyj mit Epibatidin vergiftet wurde, sei der Tod wahrscheinlich sehr schnell eingetreten. Danach finde keine Verstoffwechselung des Giftes und keine Ausscheidung in großem Umfang statt. „Wenn man die Proben dann schnell einfriert, kann man das noch lange nachweisen.“ Daher sei es realistisch, Epibatidin später in Proben zu finden.
Müller weist aber auf Herausforderungen hin: „Es wäre entscheidend, zu wissen: Wer hat die Proben entnommen? Was ist zwischen Probenentnahme und Analyse passiert?“ Denn die Probennahme geschah weit weg. Da könne man nicht ausschließen, dass jemand die Probe kontaminiert hat – versehentlich oder willentlich. „Spurenanalytik ist eine der komplexesten Disziplinen.“





















