Emerald Fennell über Wuthering Heights: „Margot Robbie und Jacob Elordi haben viel Mut bewiesen” | ABC-Z

Ihr Kino bewegt sich oft zwischen Ironie und Abgrund – was hat Sie an Emily Brontës „Wuthering Heights“ gereizt, diesen radikalen Stoff heute neu zu erzählen?
Das ist ehrlich gesagt die freundlichste Beschreibung, die ich je gehört habe. Ich glaube, weil es das erste Buch ist, das mich wirklich körperlich berührt hat. Ich wollte unbedingt etwas schaffen, das bei den Menschen eine körperliche Reaktion hervorruft. Eine körperliche und emotionale Reaktion. Dieses Buch hat mich mein ganzes Leben lang beschäftigt. Jetzt war einfach der richtige Moment dafür.
Warum ausgerechnet jetzt, was wollten Sie heute dem Stoff hinzufügen?
Ich wollte etwas schaffen, das die Menschen miteinander verbindet. Auf eine sehr physische Weise. Durch Covid, nein, eigentlich schon vorher, waren wir alle ziemlich isoliert. Jede und jeder war seine eigene Insel. Ich glaube fest an den Gedanken der Gemeinschaft. Kino und Theater als Kollektiverfahrung. Deshalb wollte ich etwas schaffen, zu dem die Menschen gemeinsam gehen, dass eine emotionale Wirkung hat. Das ist genau das, was wir jetzt brauchen, das ist das, was ich schaffen wollte. Emily Brontë macht etwas mit den Menschen, ihr Roman macht etwas mit den Menschen. Auch heute noch. Nicht nur psychisch, auch physisch.
Was meinen Sie mit „physisch“?
Viele Filme kann man wegen ihrer Handlung schätzen. Man kann sie wegen ihrer Stimmung schätzen. Man kann sie wegen ihrer Zurückhaltung schätzen. Ich mag Filme, und ich mache gerne Filme, bei denen ich etwas sehen kann. Ich kann sehen, wie sich die Leute winden. Ich kann sie nach Luft schnappen hören. Ich kann sie lachen hören. Ich kann sie weinen hören. Ich denke, das ist etwas, was ich in meiner Arbeit anstrebe: Ich möchte eine Reaktion hervorrufen, auch wenn es nur ein unbehagliches Zappeln ist. Es gibt viele Filme, die man einfach nur durchsitzen kann.
Ihre Filme zeichnen sich oft durch moralische Ambivalenz aus. Glauben Sie, dass das Publikum heute bereit ist, sich auf zutiefst unsympathische Charaktere einzulassen?
Auf jeden Fall. Ich halte das für eine Grundvoraussetzung, und ich finde es wirklich interessant, wie subversiv, wie unerwartet subversiv die Dinge sind, über die die Menschen in den letzten Jahren sprechen. Ich glaube ehrlich gesagt, dass jeder nach Herausforderungen, Unterhaltung und Provokation sucht. Das ist es, was uns gefällt.
Weibliche Perspektiven spielen in Ihrer Arbeit eine zentrale Rolle. Wie verändert sich die Sichtweise auf Catherine, wenn die Geschichte aus der heutigen Perspektive erzählt wird?
Ich habe in Catherine immer eine wilde Person gesehen. Klar, sie ist viel alleine in den Mooren unterwegs, sie tut Dinge, die für damalige Verhältnisse jenseits der weiblichen Konvention lagen. Aber für mich liegt ihre Faszination in der emotionalen Wildheit. Sie ist ungebunden. Sie ist launisch, verwöhnt, eitel. Sie ist ein sadistischer Spaßvogel. In der Romanvorlage erzählt Nelly immer wieder davon, wie sie es genießt, Menschen zu verletzen, mit Überlegenheit und Macht an sich zu binden. Ohne eine Schauspielerin wie Margot Robbie hätte es nicht funktioniert. Sie ist eine unglaublich sympathische und talentierte Schauspielerin, die den Mut hat, zur unsympathischsten Version ihrer selbst zu werden.
Wo Sie die Schauspielenden gerade ansprechen: Das Internet dreht aktuell durch ob der Chemie zwischen Margot Robbie und Jacob Elordi. Die sei heißer als heiß. Wie kreiert man so was als Regisseurin?
Ich habe damit eigentlich gar nicht so viel zu tun, das liegt an den Schauspielenden selbst. Ich würde da nicht nur Robbie und Elordi nehmen, sondern alle. Durch ihre Großzügigkeit ist der Film zu dem geworden, was er am Ende ist. Das soll gar keine Selbstbeweihräucherung sein, aber Film ist immer eine Gemeinschaftsarbeit. Wenn nicht jedes Teammitglied, vom Hauptdarsteller bis zum Kabelträger, an das Projekt glaubt, dann wird es nichts.
Was haben Margot Robbie und Jacob Elordi mitgebracht?
Sie sind beide außergewöhnlich. Und sie können mit Druck umgehen. Dem Druck, etwas auszuprobieren, und dabei ihre eigenen Grenzen zu erreichen und zu überschreiten. Das Risiko eingehen, damit auch scheitern zu können. Unser Ziel war es, etwas zutiefst Emotionales zu erschaffen. Das geht nur, wenn sie sich extrem verletzlich zeigen. Dafür brauchen sie Mut. Den haben die beiden hier mehr als bewiesen.
Sie haben zuvor erwähnt, wie wichtig Ihnen das Ursprungsmaterial ist. Literaturverfilmungen können manchmal ein wenig nostalgisch wirken. Was kann das Kino leisten, was das Buch nicht kann, und vice versa?
Kino kann niemals das leisten, was auch das Buch leistet. Dafür ist Brontës Roman zu gut. Aber wenn wir das voneinander trennen, die Vorlage und die filmische künstlerische Umsetzung, dann mag ich Adaptionen. Auch Biopics, also Biographieverfilmungen. Alles, was sich auf Originalquellen stützt. Vor allem die Ansätze, die nicht einfach nur versuchen, zu kopieren, einen Zwilling in einem anderen Medium zu erschaffen. Wenn wir bei dem Verwandtschaftsbild bleiben, sollen sie eher wie entfernte Cousins oder Cousinen zueinander stehen. Die besten Adaptionen sind die, die sich wie Antworten anfühlen.
Wie stehen Sie zu den anderen Leinwandadaptionen von „Wuthering Heights“? Ich liebe sie alle. Ausnahmslos. Und könnte sie mir immer und immer wieder anschauen. Wenn wir mal das Medium wechseln: Was Kate Bush mit ihrem Debütsong 1978 geschafft hat, ist unglaublich. Ihr ist es gelungen, in drei Minuten Musik die emotionale Resonanz des ganzen Buches einzufangen. Oder die fünfzehn Lithografien von Balthus. Man braucht nicht immer 1000 Seiten Buch, um die Geschichte zu destillieren.
Einer Ihrer Ansätze ist es, moderne Elemente einzubeziehen. Wie zum Beispiel den Soundtrack der Ausnahmekünstlerin Charli xcx. Wie ist es dazu gekommen?
Sie ist ein Genie. Ich hatte wirklich Glück. Ihr Song „Boys“ war der erste Song in meinem Film „Promising Young Woman“. Er stand schon im Drehbuch. Ich bin seit Jahren ein großer Fan von ihr, habe ihr ohne große Erwartungshaltung das Drehbuch geschickt. Wenn sie mir einen Song geschrieben hätte, wäre das für mich schon das Größte gewesen. Aber sie hat die Geschichte, das Drehbuch, so mitgenommen, dass sie mir ein ganzes Album gemacht hat.
Was war für Sie persönlich die größte Herausforderung bei der Arbeit an diesem Projekt?
Ich persönlich finde es immer schwierig, von meiner Familie getrennt zu sein. Ich habe kleine Kinder, das ist noch mal ein ganz anderes Level, eine ganz andere Erfahrung. Zum Glück bin ich nicht die einzige Regisseurin und Autorin, die in dieser moralischen Zwickmühle steckt. Die gegenseitige Unterstützung ist da das Wichtigste.





















