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Elternkolumne „Die Erziehungsberechtigten“ – Ist der Ruf erst ruiniert … – Gesellschaft | ABC-Z

Meine Nachbarin, dreifache sowie unerschütterliche Mutter, sagte mal den großen Satz: „Ich freue mich auf den Tag, an dem wir mal nicht negativ auffallen.“ Ich mag meine Nachbarin sehr, so unterschiedlich wir sind, sie unerschütterlich, ich – Leser dieser Kolumne wissen es – äußerst erschütterlich. Ich mag sie für solche ehrlichen Sätze, ich mag sie, weil sie auf meine erkältete Tochter aufpasst, wenn ich später von einer Dienstreise zurückkomme, ich mag sie, weil sie Tipps gibt, ohne einen harsch zu bewerten, die Liste der Dinge, die man als Mutter falsch machen kann, ist bekanntlich lang. Verlässt man als Mutter auch mal das Haus und betritt samt Kindern den öffentlichen Raum, muss man feststellen: Sie ist noch viel länger, als man dachte.

Will man sich als Frau richtig danebenbenehmen in diesem Land, bekomme man ein Kind, oder am besten gleich mehrere, und betrete eine beliebige Bäckerei mit Sitzgelegenheit. Eine Sitzgelegenheit, die offiziell auch für Menschen unter 18 zugelassen ist. Ach, schau, in der Ecke liegen sogar ein paar Stifte und ein Malblock, ist ja nett. Fallen aber die ersten Krümel, der zweite Teller, läuft ein Kind los, um eine Flasche Apfelschorle aus dem Kühlschrank zu reißen, fangen Kind zwei und Kind drei an zu rangeln, durchbohren einen die ersten Blicke von fassungslosen Fremden: Ja, können Sie denn nicht woanders …? Sitzen, rumgammeln, Krieg spielen, der unausgesprochene Satz ließe sich auf viele Arten beenden.

In meinem Fall reicht ein Kind, um negativ aufzufallen. Unvergessen der Moment, als ich am Kölner Hauptbahnhof mal eine Viertelsekunde abgelenkt war und dann in Zeitlupe sah, wie meine Tochter Zucker auf den Boden streute und anfing, diesen aufzulecken. Am Kölner Hauptbahnhof negativ aufzufallen, muss man erst mal schaffen, ein bisschen stolz bin ich schon.

Wobei: Mittlerweile ist es mir an so vielen Orten in diesem Land gelungen, negativ aufzufallen, dass es fast ein kleiner Sport geworden ist. In der Bahn, wo ich meine Tochter nervös an mich ziehe, damit sie dem frisch geduschten Herren nicht auf die Schnallenschuhe tritt. Im nah zur Kita gelegenen Café, wo uns Eltern nach einem langen Winter freundlich nahegelegt wurde, unsere Nachmittage doch vielleicht lieber woanders zu verbringen. Ganz generell in diesem Land, in dem Hausverwaltungen Vermieter vor Familien mit Kindern warnen, als ginge es um den Einzug von Flusspferden. Größter Skandal im Münchner Stadtteil Solln ist übrigens dieser Tage, dass in einer Villa eine Kita eröffnen soll. Wogegen die Nachbarn vor Gericht klagen, sie fürchten einen „Höllenlärm“. Achtung, Sie betreten die geriatrische Bundesrepublik Deutschland, Geburtenrate sinkend.

Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich nicht ungeniert, leider nein. Wie meine Nachbarin freue ich mich auf den Tag, an dem wir mal nicht negativ auffallen. Bis dahin wird viel Wasser den Rhein herunterfließen. Viel Zucker vom Boden geleckt werden. Viele, viele Eltern werden heimlich beten, dass heute einer der leiseren Tage sein möge. Auch sie brauchen dringend Ruhe.

In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.

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