Eine Busfahrt, die ist lustig | ABC-Z

Es ist eine Journalisten-Binsenweisheit, dass die Themen „auf der Straße liegen“. Neil Hannon, Stimme und Kopf von The Divine Comedy, hat aus dieser Erkenntnis einen der fröhlichsten Popsongs der späten 90er-Jahre entwickelt. „National Express“ besingt eine Fahrt im Fernbus. Die Passagiere und die Schaffnerin (im spack sitzenden Minirock) erscheinen darin wie ein Spiegel der britischen Gesellschaft. Mit diesem Song beendet die Band am Montagabend den regulären Set im Berliner Huxleys. Er hat neben dem davor gespielten „Becoming More Like Alfie“ (eine Hommage an den Schauspieler Michael Caine) den eingängigsten Refrain im Gesamtwerk von Divine Comedy.
Neil Hannons Songs: Chansons in der Popweltsprache Englisch
Daneben arbeitet Hannon, Sohn eines anglikanischen Bischofs aus Nordirland, seit fast drei Jahrzehnten daran, französische Chansons in die Pop-Weltsprache Englisch zu überführen. Nicht als Eins-zu-eins-Übersetzung, aber mit einer vergleichbar anspruchs- und kunstvollen (und teilweise charmant antiquierten) Sprache und musikalischen Arrangements mit Geige, Akkordeon und Kontrabass. „Our Mutual Friend“, in Berlin als erste Zugabe gespielt, überhöht eine profane Geschichte (alkoholbefeuerter One-Night-Stand) zum üppig orchestrierten Melodram. Wenn die Liebenden beim Tanzen angeschickert torkeln, heißt es bei Hannon stilvoll: „A drunken haze had come upon us“.
Für die Band gibt es Wein und Cocktails, Neil Hannon trinkt Guiness
Apropos Drinks: Auch bei der Betankung auf der Bühne wahrt der Frontmann die Form: Das Guinness muss man, wenn nicht frisch gezapft, in Kontinentaleuropa zwar zwingend aus der Dose trinken (Flaschen-Guinness schäumt nicht korrekt), aber Hannon gießt sich das irische Nationalgetränk natürlich vorher ins Pint-Glas.
Später, als er die Band vorstellt, wird ein Servierwagen auf die Bühne geschoben, und der Sänger gießt seinen Mitspielern Rotwein oder Cocktails ein. Fürs Publikum bleibt da nichts übrig, bedauert Hannon mit ironischem Unterton, er sei ja nicht Jesus („.I can‘t make this enough for everyone!“).
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zu.
Vor dem Humor des 55-Jährigen ist niemand sicher: Mit bitterbösem Blick entlarvt Hannon die Standesdünkel der britischen Upper Class („Lady of a Certain Age“) ebenso wie die Krokodilstränen der Briten über den Tod von Lady Diana („Generation Sex“). Frei übersetzt: Eine Nation weint sich die Augen aus, kauft aber weiterhin die Organe der Schundpresse. Die Älteren werden sich erinnern: Da war doch war doch was mit den Paparrazi, die den Mercedes von Di und Dodi durch Paris jagten….
Feine Wirze über den geschmacklosen Mann aus Mar-a-Lago
Auch der unvermeidliche Donald Trump kommt vor: „Mar-a-Lago by the Sea“ vom neuen Album „Rainy Sunny Afternoon“ meißelt den Unterschied zwischen Stil und geschmacklosem Blattgold-Prunk heraus, mehr gespielter Witz als politische Agitation. Dabei swingt das Stück so elegant, als komme es aus dem Nachlass von Dean Martin oder Frank Sinatra.. Selbst die Liebeslieder haben bei The Divine Comedy einen gewissen philosophischen Tiefgang, „The Heart is a Lonley Hunter“ nimmt sogar einen Schlenker zu Platons Höhlengleichnis.

Extrem kultivierter Aufrtitt: Neil Hannon bei einem Auftritt in London.
© picture alliance / Photoshot | picture alliance
Kurz vor zehn hebt Hannon dann ein letztes Mal das Cocktailglas, und prostet dem Publikum zu. „Tonight We Fly“ ist der passende Song zum Kehraus, er stellt die Frage, was wir eigentlich verpassen, sollte der christliche „Himmel“ nur ein Hirngespinst sein. Nichts, gibt Hannon den Zuschauern mit auf den Nachhauseweg: „This life is the best we‘ve ever had“.





















