Ein Leben ohne Kinder – Gesellschaft | ABC-Z

Dieser Text stammt aus dem Familien-Newsletter der „Süddeutschen Zeitung“, der jeden Freitagabend verschickt wird. Hier können Sie ihn abonnieren.
Liebe Leserin, lieber Leser,
wie Sie denke auch ich manchmal darüber nach, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich keine Kinder bekommen. Heute früh auf dem Fahrrad ins Büro etwa. Da hatte ich schon Müslischalen befüllt und Brote geschmiert, die Spülmaschine ausgeräumt, mit einem Fünftklässler über seine gerade so ausreichende Ethik-Probe gesprochen und einen bockigen Zweitklässler zur Schule begleitet. Ein hübsches Pensum, bereits absolviert zu einer Uhrzeit, zu der die kinderlosen Kollegen erst den Kessel ihrer Siebträgermaschine schüren – und das war eh nur die Hälfte, meine Frau hat sich ja auch nicht nur den ganzen Morgen lang onduliert.
Mein Leben ohne Kinder also: Als weltreisender Autor würde ich gerade von einer Skihochtour in Richtung Asien aufbrechen, um dort den Rest des Winters zu verbringen. Die wichtigsten Sachbücher und Romane der Saison (SZ Plus) hätte ich nicht eingepackt, sondern längst gelesen, dafür hätte ich ja auch im Alltag Zeit. Stattdessen im Gepäck: Die ersten Skizzen für mein neues Buch, in dem natürlich keine Familienanekdoten stünden, sondern all die tiefschürfenden Gedanken, für die ich jetzt leider meist zu müde bin.
Das wäre das positive Szenario. Das negative: Ich breche nicht nach Asien auf, weil ich in einer Gletscherspalte festsitze, in die ich – vogelfrei und etwas übermütig – auf der Skihochtour gefallen bin. Oder ich würde nach Asien aufbrechen, dort aber für immer am Strand versacken, gibt ja keinen Grund, in den Alltag zurückzukehren. Buch? Welches Buch? Lieber noch ein kühles Nachmittagsbier vor dem Sundowner.
Dass die lieben Kinder – so sehr Mental und Physical Load des Familienlebens auch manchmal schlauchen – uns auch vor anderen möglichen Versionen unseres Selbst schützen, diesen Gedanken hatte ich beim Lesen des Textes meiner Kolleginnen Christina Berndt und Valentina Reese sofort. „Wie Elternsein Körper und Psyche verändert“ (SZ Plus) ist er getitelt – und ohne zu Spoilern kann ich verraten: Die Bilanz ist nicht nur positiv. Schlaf, psychische Stärke, Immunsystem leiden zunächst, Sie werden es geahnt haben. Aber was nicht tötet, härtet ab – auf lange Sicht gehen wir Eltern gestärkt aus dem Abenteuer hervor. Und, auch daran erinnern die Autorinnen: „Ohnehin ist die stressige Zeit mit den Kindern immer nur temporär.“
Das heißt also: Skihochtouren und Asien, ich komme – ein wenig später. Und auch dann werde ich wohl vernünftig um die Gletscherspalten herumfahren, denn ich möchte ja die zwei Jahre länger leben, die mir eine im Artikel zitierte schwedische Studie im Vergleich zu Kinderlosen zubilligt. Falls ich den Berg davor überhaupt noch hochkomme.
Ein schönes Wochenende wünscht trotz allem
Moritz Baumstieger





















