Wirtschaft

Angriff auf Zugbegleiter: Mutmaßlicher Täter soll vorher auffällig geworden sein | ABC-Z

Seine Familie möchte, dass er beim vollen Namen genannt wird: Serkan Çalar. In einer Erklärung, die eine Kanzlei für die Hinterbliebenen verbreitete, wird der Sechsunddreißigjährige als ältester von fünf Brüdern, als alleinerziehender Vater zweier Kinder im Alter von zehn und elf Jahren, als Verlobter beschrieben, der bald heiraten wollte. Seinem Umfeld sei er „ein fester Anker“ gewesen, „warmherzig, freundlich, ruhig und zuverlässig“: „Der Verlust wiegt unermesslich schwer.“

Am Montag vergangener Woche wurde der Zugbegleiter der Deutschen Bahn von einem Fahrgast so schwer verletzt, dass er ins Krankenhaus kam und am Mittwoch starb. Die Tat rief Bestürzung hervor. Sie ereignete sich nicht in Berlin oder Frankfurt, nicht in einer S-Bahn in einer Großstadt, sondern in einem der vielen Regional­express-Züge. Wenn es zwischen Landstuhl und Homburg passiert, so wohl die Sorge, könnte es überall passieren.

Stunden zuvor war er in einem Schnellzug auffällig

Sein Gegenüber, ein griechischer Staatsbürger, der in Luxemburg lebt, war schon am Mittag in einem Schnellzug, der aus Frankreich kam, aufgefallen. Er hatte gegen eine Zugtür getreten, weshalb Bundespolizisten an den Bahnhof Kaiserslautern gerufen wurden. Das berichtete der „Spiegel“ am Montag. Da der Mann an der Tür aber keinen Schaden hinterlassen hatte und über ein gültiges Ticket verfügte, soll es wohl keine strafrechtlichen Konsequenzen gegeben haben. Was zwischen dem Vorfall um kurz vor zwölf und der Zugfahrt um kurz vor 18 Uhr am Abend passierte, ist nicht bekannt. Laut Staats­anwaltschaft Zweibrücken, welche die Ermittlungen führt, hat der Tatverdächtige bislang keine Angaben gemacht.

Ein 23 Jahre alter Bundeswehrsoldat, der im Zug saß und auf dem Weg zu seinem Fallschirmjägerregiment in Zweibrücken war, schildert gegenüber dem Portal T-Online, dass die Situation eskaliert sei, nachdem Çalar mit dem Verweis aus dem Zug gedroht hatte. Der Schwarzfahrer soll aufgestanden sein und den Schaffner laut dem Soldaten mit mindestens drei heftigen Schlägen auf den Kopf getroffen haben, woraufhin dieser umfiel und in den Schoß einer Frau sank. Danach soll sich der Tatverdächtige wieder hingesetzt haben.

Der Soldat eilte zu Çalar, brachte ihn in die stabile Seitenlage, da habe er noch geatmet. Als sich seine Situation verschlechterte, habe er angefangen zu reanimieren. Beim Eintreffen im Bahnhof Homburg sei bereits die Polizei da gewesen. Die Fahrt zwischen den beiden Bahnhöfen dauert laut Plan nur zehn Minuten, es muss schnell abgelaufen sein. Der Tatverdächtige wurde am Bahnhof im saarländischen Homburg von Beamten der Landes- und Bundespolizei festgenommen.

Serkan Çalar starb an einer schweren Hirnblutung

Serkan Çalar wurde reanimiert und dann ins Universitätsklinikum Homburg gebracht. Er verlor das Bewusstsein. Nachdem sein Vater die Nachricht über den Hirntod seines Sohnes erhielt, erlitt er im Krankenhaus einen Herzinfarkt, konnte aber schnell behandelt werden. Die Obduktion seines Sohnes ergab, dass Serkan Çalar an einer schweren Hirnblutung infolge der festen Schläge gestorben war.

Die Tat löste eine Debatte über die Sicherheit in Zügen aus. Die Bahn-Gewerkschaft kritisierte, dass es zu wenig Personal gebe, und fordert die Ausstattung mit Bodycams und Notfallknöpfen an den Handys von Zugbegleitern. Die Deutsche Bahn zählte im vergangenen Jahr mehr als 3000 Angriffe auf Bahnpersonal. Das seien rund acht pro Tag. 2024 war die Zahl auf einem ähnlich hohen Niveau. Fachleute sprechen von einem „Verrohungstrend“, der sich auch in Angriffen gegen Polizisten und Rettungskräfte ausdrücke. Ein im Dezember veröffentlichtes Bundeslagebild des Innenministeriums ergab, dass die Angriffe auf anhaltendem Höchststand seien.

Die Deutsche Presse-Agentur zitiert den Kriminologen Tobias Kulhanek, der angesichts des bisher bekannten Tat­ablaufs von einer „völlig unüblichen Eskalation“ sprach. Solche Taten gingen häufig auf psychisch auffällige Täter zurück, so der Wissenschaftler der Universität Hannover. Spekulativ denkbar sei etwa eine paranoide Schizophrenie, Betroffene sähen dann mitunter plötzlich beispielsweise nicht mehr einen Zugbegleiter vor sich, sondern den Teufel. Kulhanek äußert Zweifel, ob zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen die Tat hätten verhindern können, es könne schließlich nicht in jedem Zugteil ein Sicherheitsmann stehen; auch die Wirkung höherer Strafen bezweifelt er. Die Strafen bei Angriffen auf Vollstreckungsbeamte seien 2017 bereits verschärft worden. Zu einem Rückgang der Taten habe es nicht geführt.

Die Familie bedankte sich für die Anteilnahme. Am Totengebet, das in Çalars Heimatstadt Ludwigshafen in der Alemi-Islam-Moschee stattfand, nahmen auch Politiker und Kollegen des Verstorbenen teil. Die Familie drückt in ihrer Erklärung Zutrauen in den Rechtsstaat aus. Sie fordert eine vollständige Aufklärung des Ablaufs und der Hintergründe der Tat, um damit abschließen zu können, und eine angemessene Strafe für den Täter, damit diese eine „abschreckende Wirkung“ entfaltet.

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