Sport

Schach-Kandidatenturnier auf Zypern: Der Usbeke, der alles aufsaugt | ABC-Z

Am Ostermontag scheint die Sonne über dem südwestlichen Zipfel Zyperns, es ist schon fast Sommer, als plötzlich eine tiefschwarze Wand am Himmel steht, lichtdicht und blickdicht. Verwirrte Blicke nach oben: Was ist das jetzt? Kurz darauf beginnt es zu schütten, und das Wasser schießt knöcheltief die staubigen Straßen von Pegeia hinab. Ach, nur Regen.

Der Himmel über Zypern steht unter Beobachtung, seit am 2. März eine Drohne, der Hisbollah wohl, den britischen Luftwaffenstützpunkt Akrotiri traf, gleich um die Ecke vom Flughafen Larnaka. Wer hier zu Ostern Urlaub machen wollte, überlegte es sich lieber noch mal. Von 70 Prozent Stornierungen ist die Rede; so sind die auf britischen Massentourismus ausgelegten Hotels und Restaurants in diesen Tagen nahezu leer.

Die Weltschachföderation Fide hielt gleichwohl an ihrem zweitwichtigsten Ereignis im WM-Zyklus fest, dem Kandidatenturnier. Acht Großmeister, drei Wochen, ein Ziel: Erster zu werden, um im November den indischen Weltmeister Gukesh zum Titelduell herausfordern zu dürfen.

Gespielt wird bis Mitte April im Cap St Georges Resort, das nicht für die Massen gemacht ist. Die Eingangshalle mit ihren Fauteuils mag zehn Meter hoch sein, auf halber Höhe ist an der Seite eine Öffnung eingelassen, aus der ein weißer Flügel leuchtet, für gediegene Musikmomente. Die rückwärtige Front der Lobby ist verglast und öffnet den Blick übers Mittelmeer. Zum Strand hin fällt das Hotel sechs Stockwerke tief ab. Es gibt Terrassen, edle Pools, Villen, einen Beachclub, die Kohili Bar mit cocktailbewehrten Sonnenuntergängen. Die Zimmer sind schön, schon ab 500 Euro die Nacht.

Die Fide-Funktionäre genießen das Ambiente, auch die Kombattanten? 14 Runden haben sie zu spielen, von denen jede vier, fünf, sechs Stunden dauern kann; vor jeder Runde gilt es, sich vorzubereiten, das braucht noch mal so viel Zeit. Sie hocken in ihren Zimmern, vor ihren Laptops bis tief in die Nacht, man sieht sie kaum.

Wenn es dann nachmittags um halb vier Ortszeit ans Brett geht, dann sitzen sie in einem engen, fensterlosen Raum mit grünem Teppich und grünen Wänden, im Rauschen der Klimaanlage, beobachtet von einem VIP-Publikum auf 24 goldfarbenen Stühlen und von bis zu 70 einfachen Fans, die dahinter stehen, wenn es voll ist, was nicht immer der Fall ist an diesem Ende der Welt.

Hier mal kurz innehalten: Stehplätze beim Schach? Darauf muss man erst mal kommen. Nach einer Weile treten die Fans von einem Bein aufs andere, versuchen sich irgendwo anzulehnen oder setzen sich sogar hin, sehen dann allerdings nur noch Hosen und Röcke. Gäbe es im Sport einen Preis für das Abwimmeln derer, die sich für ihn begeistern, käme die Weltschachföderation in die engere Wahl.

Liegt vorn und ist kaum noch einzuholen: Javokhir Sindarov, der usbekische Shootingstar aus Taschkent © Michal Walusza

Die Fide mag das leibhaftige Publikum nicht. Sie möchte lieber alles im Netz übertragen und kontrollieren. Die wenigen Journalisten, die es nach Pegeia geschafft haben, hören auf ihre Bitten nach besseren Arbeitsbedingungen oft ein njet, was sie daran erinnert, dass diese Weltorganisation nach wie vor russisch dominiert ist. Der Präsident, der Hauptsponsor, die Pressechefin, das Videoteam, alles Russen. Und wer erscheint zu den nachmittäglichen side events, den Vorträgen und Simultanwettkämpfen oder Frage-und-Antwort-Sessions? Hauptsächlich Russen.

Die bis 1960 britische Kolonie Zypern, auf der die Autos immer noch links fahren, zieht seit Langem Russen an; solche, die ihr Geld in Sicherheit bringen wollen, und solche, die sich in Sicherheit bringen wollen. Manche wollen auch beides. Dass das entlegene Hotel Schauplatz dieses Weltereignisses wurde, geht auf Russen zurück.

Dies ist umso bemerkenswerter, als dass der einzige russische Kandidat im Feld, Andrej Esipenko aus Moskau, wegen des Krieges in der Ukraine nur als staatenloser Sportler starten darf, nicht unter der Flagge seines Landes. Wie lange der Weltschachpräsident Arkadi Dworkowitsch, der das Turnier eröffnete, noch in den Westen reisen darf, ist offen. Sollte er es nicht mehr dürfen, steht der nächste Russe zur Kandidatur schon bereit.

Aber das ist Politik. Das Gute am Schach sind die Waffengleichheit der Parteien und das Regelhafte ihres Ringens. Insofern könnte der Kampf mit Königen, Damen und Türmen der Welt eigentlich ein Beispiel für Fairness und Gewaltfreiheit sein.

Esipenko ist der nominell Schwächste im Feld, zur Halbzeit am Ostersonntag liegt er auf dem achten Platz. Seine Konkurrenten kommen aus den Niederlanden, aus China, aus Indien, aus Usbekistan, aus den USA. Auch ein Deutscher ist dabei, Matthias Blübaum. Der 28-jährige Mathematiker aus Bielefeld schlägt sich beachtlich, aber in den ersten sieben Partien gelingt ihm nicht ein Sieg. Zu schmal ist sein Eröffnungsrepertoire. Man hat immer ein Déjà-vu-Gefühl, wenn man ihm zusieht. Was er kann, macht er sehr gut. Er kann vielleicht einfach noch nicht genug.

Schon nach wenigen Runden richtet sich die Aufmerksamkeit des lokalen wie des globalen Publikums auf jemand anderen: den smarten Jüngling Javokhir Sindarov. Der 20-jährige Usbeke aus Taschkent überlässt nichts dem Zufall, auch jenseits des Brettes nicht. Ein stets hautenger Anzug, manchmal so pechschwarz wie sein Haar und seine Brauen, schwarzes Hemd dazu; die Schwärze seiner Kleidung scheint die Geistesblitze seiner Gegner geradezu aufzusaugen.

Back to top button