Egidio Marzona gestorben: Nachruf auf den Kunstsammler und Mäzen – Kultur | ABC-Z

Dass die Einladungskarte zu einer Ausstellung für ihn genauso wichtig sei wie ein Bild von Max Ernst: Das ist so ein Satz, der typisch war für den Kunstsammler, Verleger und Mäzen Egidio Marzona. Denn er hatte nach Kräften immer beides gesammelt: die Kunst von Max Ernst (und vielen, vielen anderen) – und die Einladungskarten, Briefe, Prospekte, Plakate und Bücher, die mit dieser Kunst einhergingen.
Egidio Marzonas herausragender Beitrag zur Kunstgeschichte in diesem Land bestand exakt darin, auch die Nebenprodukte der Kunstwerke als sammelwürdige Objekte ernst zu nehmen: also all die Drucksachen, die üblicherweise irgendwann in die Papierkörbe wandern, während den eigentlichen Kunstwerken in den Galerien und Depots von Sammlungen Ewigkeitswerte zugesprochen werden.
Marzona, der sich neben dem Surrealismus vor allem für Konzeptkunst, Minimal Art, Arte Povera oder auch Land Art engagierte, verfolgte ein klar formuliertes Ziel: das enzyklopädische Sammeln dieser Kunst in allen ihren medialen Erscheinungsformen. Das wurde gerade diesen Strömungen allerdings auch in besonderem Maße gerecht, da Kunstwerke in den Zeiten ihrer medialen Reproduzierbarkeit eben nicht mehr nur als Original wirken, sondern, vermutlich viel häufiger, durch Abbildungen auf vermeintlich ephemeren, also vergänglichen, zum schnellen Verbrauch hergestellten Drucksachen. Mit diesen sogenannten Ephemera konnte Marzona nämlich auch jeweils Entstehungsprozess und kulturellen Kontext der Rezeption dokumentieren.
Das war ihm nur bedingt in die Wiege gelegt. Als Fabrikantensohn 1944 in Bielefeld geboren, hatte er von Hause aus zwar die materiellen Mittel. Sein Großvater war bereits zur Jahrhundertwende aus dem Friaul nach Deutschland eingewandert, sein Vater betrieb ein Betonwerk. Kunstaffin aber war die Familie nicht, hat Marzona einmal einem Interviewer erzählt. Diese Anstöße seien vielmehr von einer Tante gekommen, die an der Düsseldorfer Akademie studierte und mit einem Rumänen aus dem Kreis von Constantin Brancusi liiert war, der direkt aus dem Herzen der Pariser Avantgarden berichten konnte. Auch die Initialzündung verdankte sich also wesentlich dem biografischen und atmosphärischen Drumherum, das einen schon deswegen zum Kern der Künste führen kann, weil es eben untrennbar dazu gehört. 1972 gründete er in Bielefeld erst eine Galerie, dann den Kunstbuch-Verlag Edition Marzona.
Forschungsarchive wie in den USA waren das Vorbild, als Marzona sich von seinen Beständen wieder trennte
Egidio Marzona hatte sich früh von den produktiven Wissensspeichern in den USA beeindruckt gezeigt, von Sammlungen und Forschungsarchiven wie dem Getty, was später sein mäzenatisches Engagement bestimmen sollte, als er sich in Etappen von seinen Beständen wieder trennte.
Die 600 Kunstwerke und 40 000 Archivalien, die er ab 2002 in mehreren Tranchen an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz übertrug, soll als „Sammlung Marzona“ in Zukunft in dem Neubau eine Heimat finden, der zurzeit neben der Neuen Nationalgalerie entsteht. Eine sogar 1,5 Millionen Posten umfassende Schenkung von Archivalien ging daneben auch an die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die dafür das barocke Blockhaus direkt an der Elbe aufwendig zum „Archiv der Avantgarden“ umbaute.
Marzona hat das auch als Zeichen gegen Tendenzen wie die Pegida-Bewegung verstehen wollen, die seinerzeit in Dresden ihr Wesen trieb. Ähnlich politisch grundiert war zuletzt auch Marzonas Engagement für die Saalecker Werkstätten in Sachsen-Anhalt, gerade weil die einst von dem NS-Politiker und Architekturideologen Paul Schultze-Naumburg geprägt worden waren. Marzona ließ sie zu einer internationalen „Design Akademie Saaleck“ ausbauen, um sie „gegenwartskulturell zu transformieren“ – und nicht zum Pilgerort völkischer Kreise verkommen zu lassen.
Der Skulpturenpark, den Marzona wiederum im Friaul einrichtete, war ein Geschenk an die italienische Heimatregion seiner Vorfahren. Am Sonntag ist Egidio Marzona nach schwerer Krankheit nun im Alter von 82 Jahren in Berlin verstorben, wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mitteilte.





















