Dokufilm „The Gospel of Revolution“: Gott ist nicht neutral | ABC-Z

Gleich in dreifacher Weise gibt sich der französische Dokumentarfilmer François-Xavier Drouet in „The Gospel of Revolution“ als Kind eines bestimmten Zeitgeists zu erkennen. Wie viele Getaufte habe er im Erwachsenenalter aufgehört, an Gott zu glauben, erzählt er zu Beginn. Wie ebenfalls nicht wenige hat er ihn eingetauscht gegen die Hoffnung auf einen radikalen politischen Wandel und den Traum von einer gerechteren Gesellschaft. Und auch mit der Begeisterung für die Länder Lateinamerikas und ihre Geschichte gescheiterter Revolutionen steht er nicht allein.
Drouet ist 1979 geboren, dem Jahr, in dem in Nicaragua zum ersten Mal nach Cuba 1959 wieder eine Revolution „gelang“, wie man von heute aus vorsichtig in Anführungszeichen schreiben muss. Damals schwappte die Begeisterung bis in die Redaktionsstuben der neu gegründeten taz, wo aus Solidarität exklusiv der Kaffee aus Nicaragua getrunken wurde, die sogenannte Sandino-Dröhnung. Es dauerte einige Jahre, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, dass der revolutionäre Enthusiasmus blind dafür gemacht hatte, dass es sich nicht wirklich um „Fair Trade“-Kaffee handelte.
Aber Drouet geht es in „The Gospel of Revolution“ nicht um solche Enttäuschungen. Seinen Blick auf die Länder Süd- und Mittelamerikas vergleicht er mit dem eines Archäologen, nur dass ihn statt alter Steine eben die Überbleibsel früherer Kämpfer interessieren. Und darunter trifft er wiederum eine enge Auswahl: Ihm geht es in erster Linie um die sogenannten Befreiungstheologen.
„The Gospel of Revolution“. Regie: François-Xavier Drouet. Frankreich/Belgien 2024, 115 Min.
Ernesto Cardenal aus Nicaragua war einer der berühmtesten davon. Er wurde nach der Vertreibung Somozas zum Kulturminister der sandinistischen Regierung berufen. Drouet zeigt in seinem Film eindrucksvolle Aufnahmen vom Besuch des Papstes in Managua 1983. Man sieht, wie Johannes Paul II. die Begrüßungsreihe abschreitet; als er zu Cardenal kommt, der kniet, um den erwarteten Segen zu empfangen, redet er aufgebracht auf ihn ein. Von Segnung nichts zu sehen. Der Papst sei wütend gewesen auf die Befreiungstheologen und ihre Nähe zum Marxismus.
Auf der Seite der Armen
Laut Cardenal sei die Befreiungstheologie keine Theorie, sondern eine Weise, in der Welt zu sein. Ihre zentrale Idee: Gott ist nicht neutral, er ist auf der Seite der Armen. Dieser Gedanke inspiriert auch den belgischen Pater Roger Ponseele, den Drouet in seinem Film als erstes zu Wort kommen lässt. Er erzählt die Anekdote, wie er sich in den 80er Jahren in El Salvador den bewaffneten Guerilleros anschloss und sich beim Marsch über die Berge anhören musste, wie hinter ihm zwei Genossen darüber spekulierten, wie bald man wohl seinen fetten Leib würde tragen müssen.
Das Archivmaterial aus der Zeit, körnig, aber sehr farbig, zeigt ihn jedoch als schlanken, hochgewachsenen Menschen, der seine Autorität unter den Kämpfern sichtlich genießt. Als Hauptmotivation seines Schritts ins Guerilla-Lager gibt Ponseele den Schock über die Armut im Land an. Ob nicht auch ein bisschen Revolutionsromantik dabei war, danach fragt Drouet nicht.
Überhaupt ist es schade, dass er seine Gesprächspartner nie wirklich herausfordert. El Salvador, Brasilien, Nicaragua und Mexiko sind die vier Länder, in denen Drouet Geistliche mit revolutionärer Vergangenheit aufsucht und dabei tolles Archivmaterial ausgräbt. Aber das Schwelgen in der Vergangenheit steht im harten Kontrast zur Gegenwart in allen vier Ländern. Wäre es nicht angebracht, auch über Zweifel am Engagement von einst zu sprechen? Oder über die Langzeitfolgen?
Sein Kampf sei der eines Besiegten, bekennt am Schluss der brasilianische Priester Júlio Lancellotti, der sich noch heute in São Paulo unermüdlich für die Armen engagiert. Es ist natürlich ein schönes, heroisches Schlusswort. Gerade am Beispiel Brasiliens aber wäre es interessanter, einen anderen Trend zu hinterfragen: Die Befreiungstheologie habe die Armen gewählt, heißt es an einer Stelle, die Armen heute aber wählen die Evangelikalen. Warum das so ist, dazu hätte man hier gern mehr gehört.





















