Diesellieferungen umgelenkt: Tanker auf dem Weg nach Europa drehen plötzlich ab | ABC-Z

Diesellieferungen umgelenktTanker auf dem Weg nach Europa drehen plötzlich ab

Beim Diesel sind Deutschland und Europa nicht nur vom Import des Rohstoffs Öl abhängig, sondern auch von der Einfuhr des fertigen Kraftstoffs. Wichtige Exporteure sind durch den Iran-Krieg ausgefallen. Nun werden Europa ganze Schiffsladungen des wichtigsten verbliebenen Lieferanten vor der Nase weggeschnappt.
Auf ihrem Weg von New Orleans nach Amsterdam hatte die “Elka Delphi” bereits den größten Teil der Strecke zurückgelegt. Sie sollte mehrere Hunderttausend Fass Diesel aus US-amerikanischen Raffinieren nach Europa bringen. Doch nordwestlich von Spanien wendete der Tanker vor wenigen Tagen plötzlich scharf, nahm Kurs Richtung Süden und meldete über das automatische Schiffsidentifikationssystem AIS als neues Ziel den Hafen von Durban in Südafrika.
Wie Bloomberg berichtet, ist die “Elka Delphi” kein Einzelfall. Innerhalb weniger Tage haben mindestens vier Tanker mit insgesamt 1,2 Millionen Fass (etwa 190 Millionen Liter) Diesel auf dem Weg aus den USA nach Europa ihren Kurs Richtung Süden geändert. Auch von mindestens einem Flüssiggastanker wird berichtet, dass er mit einer für Europa bestimmten Ladung aus den USA auf dem Atlantik umgelenkt worden sei. Die Häfen in Afrika, die diese Schiffe nun ansteuern, dürften nur Zwischenstationen sein, um den Treibstoff nach Asien zu bringen, wo viele Länder vom Öl- und Gasschock infolge des Iran-Kriegs noch stärker getroffen werden als Europa. Offenkundig haben Käufer in Asien den ursprünglichen Besitzern der Diesellieferungen so viel geboten, dass diese die Ladung unterwegs verkauft und entsprechend umgelenkt haben.
Anders als beim Benzin decken Deutschland und Europa einen erheblichen Teil ihres Dieselbedarfs durch Importe von fertig raffiniertem Treibstoff und vom Vorprodukt Gasoil. Diese Lieferungen kommen großteils aus den USA sowie aus der Golfregion und auch aus asiatischen Ländern wie Indien. Diese Handelsbeziehungen sind durch den Iran-Krieg allerdings komplett durcheinandergewirbelt worden. Diesellieferungen von Raffinerien in den Golfstaaten sind durch die Blockade der Straße von Hormus praktisch zum Erliegen gekommen. Asiatischen Raffinerien, die bislang Diesel unter anderem nach Europa exportierten, fehlt das Rohöl vom Golf für die Produktion.
Mineralölindustrie warnt
Indien und andere Länder in Asien müssen plötzlich selbst dringend Diesel importieren, statt ihn etwa nach Europa zu liefern. In normalen Zeiten liegt der Großhandelspreis für Diesel und Gasoil in Asien unter dem in Europa. Inzwischen kostet eine Tonne Gasoil an der Leitbörse in Singapur plötzlich rund 230 Dollar mehr als an der europäischen Terminbörse ICE. Für solche Preisunterschiede lohnt es sich offenkundig, auch den extrem langen Transportweg aus dem Golf von Mexiko über den Atlantik rund um Afrika bis nach Asien zurückzulegen. Und das, obwohl gleichzeitig die Frachtraten für Tanker seit Kriegsbeginn stark gestiegen sind, weil ein erheblicher Teil der weltweiten Tankerflotte im Persischen Golf praktisch eingeschlossen ist.
Die Vorfälle mit den umgelenkten Tankern zeigen, dass Europa bei der Dieselversorgung im Vergleich zum Benzin vor einer mehrfachen Herausforderung steht. Der Iran-Krieg hat nicht nur den Rohstoff Erdöl stark verteuert. Zusätzlich bleiben seit Kriegsbeginn auch Lieferungen von Gasoil und Diesel selbst aus. Nun kommt hinzu, dass auch Europa ganze Schiffsladungen seines verbliebenen Hauptlieferanten vor der Nase weggeschnappt werden.
Die Mineralölindustrie warnte schon vergangene Woche, dass die Versorgungslage insbesondere beim Diesel fragil ist. Aktuell drohen keine physischen Lieferengpässe weder bei Benzin noch bei Diesel oder Heizöl. “Aber die globale Versorgung ist aufgrund des Nahostkonflikts bereits deutlich aufwendiger geworden”, sagte der Sprecher des Branchenverbands Fuels und Energie ntv.de. Besonders bei Diesel werde das Angebot immer knapper.





















