Die schicksalhaft Geschichte einer Geistervilla | ABC-Z

In Berlin lassen sich eine Vielzahl von Schrottimmobilien und Geisterhäusern finden, verfallene Eckhäuser inmitten der belebten Stadt, Neubauruinen und abbruchreife Wohnkasernen. Eine der Problemimmobilien in einem Kiez, in dem man den Leerstand eher weniger vermuten würde: die Villenhälfte in der mondänen Steinäckerstraße 7 in Lichterfelde. Mehr als einhundert Jahre lang war sie ein belebtes Domizil im grünen Südwesten Berlins, dann zogen die letzten Bewohner aus. Mit den Jahren verwilderte das Grundstück und die Bausubstanz litt. Der Verfall des alten Hauses wird besonders deutlich im Kontrast zu der baugleichen, aber bewohnten Villenhälfte an der Hausnummer 8, die gut in Schuss gehalten wurde. Die wichtigsten Infos zu dem Lost Place.
Das sind die Fakten zur Geistervilla Steinäckerstraße im Überblick:
- Adresse: Steinäckerstraße 7, 12205 Berlin-Lichterfelde
- Geschichte: Die Villa wurde 1893 bis 1894 als Wohnhaus von der Berliner Baugenossenschaft errichtet; 1895 Erstbezug durch den Lehrer und Kirchendirigenten Rudolf Knothe (1849–1931); in der Nachkriegszeit bis in die 1990er-Jahre Familienwohnsitz; seit mehreren Jahrzehnten Leerstand
- Führungen: Keine. Es handelt sich um Privatgelände
- Denkmalschutz: Objekt-Nr. 09066116
- Status: Lost Place
Wo liegt die Geistervilla Steinäckerstraße genau?
Die Villa liegt in der Steinäckerstraße 7 im Ortsteil Lichterfelde des Bezirks Steglitz-Zehlendorf. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Anwesen am besten mit der Buslinie 188 (Haltestelle Carstennstraße/Ringstraße) zu erreichen. Von der Busstation ist es ein etwa vierminütiger Fußweg entlang der Ring- und Steinäckerstraße bis zu dem Grundstück. Achtung: Es handelt sich um Privatgelände. Das Betreten des Grundstücks ist Unbefugten nicht erlaubt. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch
Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte der Geistervilla Steinäckerstraße:
Ausgangslage: Errichtung der Villa in der Kaiserzeit
„Gruss aus Gross-Lichterfelde“, Postkarte um 1898. 1920 wurde die Villenkolonie in das Stadtgebiet von Berlin eingemeindet.
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In die Villenkolonie Lichterfelde – damals noch vor den Toren der Stadt gelegen – investierte seit Mitte des 19. Jahrhunderts der Hamburger Bauunternehmer Johann Anton Wilhelm von Carstenn (1822–1896). Seine Vision: aus der eigenständige Landgemeinde ein attraktives Wohnviertel für begüterte Berliner werden zu lassen. Der Plan ging auf. Immer mehr Villen wurden in dem Randbezirk hochgezogen, die Bahnhöfe Lichterfelde Ost (1868) und West (1872) entstanden und mit dem Bevölkerungsschub wuchs der Druck, neue Flächen für das Carstenn’sche Villenprojekte zu erschließen.
Die Bebauung in der Steinäckerstraße ist im Laufe der Jahrzehnte so intakt geblieben, dass sie ein gutes Beispiel für eine Wohnstraße der Villenkolonie Lichterfelde bietet. Die meisten der Bauwerke wurden um die Jahrhundertwende errichtet. Die Einzel- und Doppelhäuser sind als Ziegel-Putzbauten ausgeführt und liegen malerisch inmitten von Gärten. Selbst das Straßenbild mit Pflasterung, Baumbestand und Einfriedungen erinnert noch an die alten Zeiten. Die Bauparzelle an der Adresse Steinäckerstraße 7/8 hatte sich die „Berliner Baugenossenschaft“ (bbg) gesichert – die älteste heute noch in Berlin aktive Wohnungsbaugenossenschaft. Sie ließ das Doppelhaus auf dem Grundstück in den Jahren zwischen 1893 und 1894 errichten.
Geistervilla Steinäckerstraße: Erster Besitzer war ein Taubstummenlehrer
Das zweigeschossige und sechsachsige Bauwerk war als symmetrisches Doppelhaus ausgeführt. Exakt mittig durch das Haus verlief die Grundstücksgrenze. Auffälligstes Baumerkmal waren die beiden Eckrisalite mit Erkern und eigenem Schweifgiebel, die aus der aufwendig gestalteten Fassade des Ziegelbaus – mit seinen hohen dreiecksgiebelbekrönten Fenstern, Dachgauben und Erkerbalkonen – noch herausstachen. Die Grundfläche des Doppelhauses betrug rund zweimal 120 Quadratmeter auf Grundstücksflächen von jeweils knapp 900 Quadratmetern. Im Inneren: Salons und Lesezimmer, Wohnräume, ein ausgebauter Keller und fünf Kachelöfen: zwei im Erd- und drei im Obergeschoss.
1894 erwarb der aus dem sächsischen Görlitz stammende Taubstummenlehrer, Organist und Kirchendirigent Rudolf Knothe (1849–1931) die östliche Gebäudehaushälfte an der Steinäckerstraße 7. In den Berliner Adressbüchern dieser Zeit, die auch die Vororte mitaufführten, wurde das Haus als „Knothe‘sches Haus“ gelistet – eine Bezeichnung, die sich in den nachfolgenden Jahrzehnten als mehr als treffend erweisen sollte. Die Villenhälfte blieb für rund einhundert Jahre der Hauptwohnsitz der Familie in Lichterfelde.
Geistervilla Steinäckerstraße: „Wir gingen um den Wandlitzer See herum“
Der erste Besitzer, mit vollem Namen Tobias Wilhelm Rudolf Knothe, hatte im Juni 1884 in zweiter Ehe Hedwig Marianna Knothe geheiratet und sich mit ihr in dem Lichterfelder Domizil niedergelassen. Rudolf Knothe hatte das Lehrerseminar zu Reichenbach besucht, sich als Pädagoge im heute polnischen Wahlstatt betätigt und war nach der Reichsgründung 1871 nach Berlin gegangen. Er arbeitete in Berlin als Taubstummenlehrer, war Organist und Kirchenchor-Dirigent der Emmaus-Kirche in Kreuzberg. Aus seiner Feder stammte auch das bei den Lichterfelder Wandervögeln beliebte Lied „Wenn ich in der stillen Nacht einsam Posten stehe“.
Die Knothes waren rasch in Lichterfelde verwurzelt und sehr aktiv. Rudolfs jüngste Tochter Elisabeth Knothe engagierte sich bei den „Mädchenwandervögeln“, einer Jugendbewegung von Schülern und Studenten, die 1909 in Lichterfelde gegründet worden war. Von ihrem Vater hatte sie auch die Leidenschaft geerbt, ihre Alltagserfahrungen festzuhalten. So notierte sie etwa im Mai 1912 in ihr „Nestbuch“ genanntes Wandertagebuch: „Wir gingen um den Wandlitzer See herum, am Ufer standen vereinzelte Kiefern, dort ließen wir uns nieder, um unser Frühstück zu bereiten.“
Aus der ersten Ehe Rudolfs mit Marie Knothe, geborene Seydel, waren zwei Söhne hervorgegangen: der späteren Magistrats-Oberbaurat Karl Knothe und der 1877 in Berlin geborenen Theologe Paul Johannes Rudolf Knothe. Aus der zweiten Ehe stammten der spätere Studienrat Georg Knothe (1885–1948) und eben die 1893 geborene Elisabeth, die – wie ihr Vater – Lehrerin wurde. Immer im Mittelpunkt des Familienlebens: Die mondäne Heimstätte an der Steinäckerstraße mit ihrem parkähnlichen Garten und ihrem filigranen, schmiedeeisernen Grundstückszaun mit der geschwungenen Sieben am Eingangspfeiler.
Geistervilla Steinäckerstraße: Eigentümerwechsel bis in die Nachkriegsjahre
Fast vier Jahrzehnte lang durfte sich Rudolf Knothe an seinem Wohnsitz in Lichterfelde erfreuen, sah seine Kinder aufwachsen, ging 1918 in Rente und wurde Großvater; er hatte die Gründerzeit in Berlin gesehen, die wilhelminische Ära, den Ersten Weltkrieg – samt dem leidvollen „Kohlrübenwinter“ 1916/1917 –, die Novemberrevolution, das Abdanken des Kaisers und die Anfangs- und Krisenjahre der Weimarer Republik, bevor er 1931 im Alter von 81 Jahren verstarb. Das „Knothe‘sche Haus“ ging in den Besitz seiner Witwe Hedwig über, die allerdings Mitte der 1930er-Jahre in die Finckensteinallee verzog. Das Haus wurde von da an von Rudolfs Sohn, dem Baurat a. D. Karl Knothe, bewohnt.
In der Nachkriegszeit – während der Kriegsjahre und der Bombardierungen Berlins wurde das Haus der Knothes nicht beschädigt – gehörte Lichterfelde als Ortsteil von Steglitz zusammen mit den Bezirke Neukölln, Kreuzberg, Tempelhof, Schöneberg und Zehlendorf zum US-amerikanischen Sektor der geteilten Stadt. Die GIs bezogen ihre Quartiere im Südwesten Berlins. Das Leben veränderte sich – doch die Immobilie in der Steinäckerstraße verblieb im Besitz der Knothes. Seit den 1960er-Jahren waren die „Knothe‘schen Erben“ – vertreten durch Rudolfs Tochter Elisabeth – als gemeinschaftliche Eigentümer für das Grundstück und die Villa eingetragen.
Geistervilla Steinäckerstraße: Lost Place seit den 1990er-Jahren
Aus der ehemaligen Familienvilla war in den Nachkriegsjahrzehnten ein Mehrfamilienhaus geworden. Die Knothes vermieteten Teile des Hauses unter anderem an eine Rentnerin, einen Studenten und eine Laborangestellte. Dennoch reichte der Platz um weiterhin Mitgliedern der Familie Knothe ein Zuhause zu bieten. Auch Elisabeth Knothe zog es in den 1970er-Jahren wieder in das Haus ihrer Kindheit in Lichterfelde zurück.
In den Berliner Adressbüchern wurde sie bis 1991/1992 an der Adresse geführt. Danach gab es offenbar keine Nachfahren mehr, die in die Lichterfelder Villa einziehen wollten. Wohl seit den 1990er-Jahren stand das unter Denkmalschutz stehenden Haus, das über Jahrzehnte Lebensmittelpunkt zahlreicher Menschen gewesen war, leer und begann zu verfallen.
Geistervilla Steinäckerstraße: Gebäude darf nicht abgerissen werden
Seit Jahrzehnten hat sich am Haus an der Steinäckerstraße 7 nichts getan. 2019 wurde die Immobilie zum Politikum in der Bezirksverordnetenversammlung Steglitz-Zehlendorf. Der Abgeordnete Mathias Gruner (Die Linke) erkundigte sich in einer kleinen Anfrage zum Sachstand in der Angelegenheit. Die Antwort fiel ernüchternd aus: Dem Wohnungsamt sei der Leerstand bis zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt gewesen. Ein Amtsverfahren sollte damals eingeleitet werden. In der Steinäckerstraße blätterte unterdessen der Putz von den Holzfenstern, das Grundstück verwilderte und eine Schicht von Rost legte sich auf die schmiedeeisernen Teile an der Eingangspforte, an der nach wie vor ein Klingelschild mit der Aufschrift „Knothe“ zu lesen war. Auf der Veranda stand noch ein Lehnstuhl, in der Schublade vom Tisch lagen Tageszeitungen von 1991.
Wie in einer Tropfsteinhöhle hätte es ausgesehen, als sie anfangs mal drin war, berichtete eine Anwohnerin 2023. Die Eiszapfen hingen von der Decke. Alles sei kaputt, wahrscheinlich müsse man es bis auf die Grundmauern zurückbauen. Da die Villa unter den Ensembleschutz fällt, kann sie nicht abgerissen werden. 2019 hatte ein Hamburger Immobilienkaufmann ein Verkaufsangebot für das Objekt erstellt: 160 Quadratmeter Wohnfläche, sanierungsbedürftig und teilweise mit altem Baumbestand. Doch wegen fehlender Geburtsurkunden der in Südamerika lebenden Erben, so heißt es in der Nachbarschaft, sei der Verkauf „nicht abwickelbar“ gewesen.














