Berlin

Die Mokka-Milch-Eis-Bar öffnet wieder: Keine nostalgischen Gefühle | ABC-Z

Menschen zusammenbringen – das sollte kein Problem sein, die „Mokka Milch“ befindet sich in bester Lage. Touristisch betrachtet, denn der Alexanderplatz ist nur einen Katzensprung weit entfernt. Kinofans werden hier vielleicht zu Abend essen, bevor sie im gleich nebenan liegenden Kino International einen Film sehen. Und auch die Kieznachbarschaft guckt schon neugierig durch die großen Fenster, sieht ja, dass da etwas vor sich geht, und fragt, wann es losgeht. Und ob es hier endlich wieder Eis geben wird? „Wird es!“, verspricht Natacha Neumann. Ende Mai soll es so weit sein.

Baustellenrundgang in der „Mokka Milch“ mit Natacha und Alex Neumann. Das Unternehmerpaar tritt, man muss es so formulieren, ein geschichtsträchtiges Erbe an. Hier in der Karl-Marx-Allee 35 in Mitte befand sich die historische „MOKKA MILCH EIS BAR“, wie die riesigen Versalbuchstaben auf dem Flachdach des langgestreckten Hallenbaus bis heute verkünden. Die Leuchtbuchstaben sind original, nun saniert und mit energieeffizientem LED ausgestattet.

Die von Walter Franek entworfene Mokka-Milch-Eis-Bar steht wie die Nachbarbauten unter Denkmalschutz und wurde vom privaten Eigentümerpaar denkmalgerecht saniert, erzählt Alex Neumann: „Sie haben großes Interesse daran, dieser Ort wiederzubeleben.“ Der Architekt wäre mit viel Liebe fürs Detail bei der Sache gewesen.

Alltag in Ostberlin, 1973: In der Mokka-Milch-Eis-Bar war zu DDR-Zeiten immer viel los



Foto:
H. Blunck/imago

Zu DDR-Zeiten war die Mokka-Milch-Eis-Bar ein beliebter Treffpunkt und ab Mitte der 1980er Jahre bei jungen Leuten angesagt, als hier Diskos veranstaltet wurden. Daran knüpfen Natacha und Alex Neumann mit ihrem Konzept an. „Wir wollen der Ikone der 1960er Jahre neues Leben einhauchen“, sagt Natacha Neumann. „Wir wollen einen Raum für Austausch und Anregung, für Kreativität und Freude etablieren, einen Ort der Begegnung, in dem Menschen zusammenkommen können.“ Die „Mokka Milch“ – so der neue, kürzere Name – wird als Community-Hub mit Gastronomie, Veranstaltungsflächen und Coworking öffnen.

Historischer Ort mit modernem Flair

Das Gebäude ist Bestandteil des zweiten Bauabschnitts des Prachtboulevards, der von 1961 bis 1964 von Friedrichshain nach Mitte verlängert wurde. In unmittelbarer Nachbarschaft steht das gerade wieder eröffnete und aufwendig sanierte Kino International. Und vis-à-vis das ebenfalls sanierte und ab und an für private Events genutzte Café Moskau und auch der Salon Babette – einer von fünf gleich aussehenden Pavillons im Karree.

Hier soll ab Ende Mai wieder gegessen und getrunken werden: das noch leere Innere der „Mokka Milch“



Foto:
Toni Petraschk

Die historische Mokka-Milch-Eis-Bar wurde in der Wendezeit geschlossen. Ab 1993 gab es hier ein Restaurant samt Nachtclub im Keller, 2019 wurde der Betrieb aber ganz eingestellt. Es stand einige Jahre leer. Die denkmalgerechte Sanierung wurde Ende 2024 abgeschlossen.

Nach Jahren des Leerstands herrscht wieder Hochbetrieb. Im Keller röhrt gerade eine schwere Bohrmaschine, auf der Galerie im Erdgeschoss wird Teppich verklebt, und im oberen Stockwerk wuseln eine Handvoll Handwerker. „Die Glastür war vorhin noch nicht drin“, sagt Natacha Neumann. „Das geht alles so schnell.“ Und doch ist noch allerhand bis zur Eröffnung zu tun.

Im lichtdurchfluteten Erdgeschoss – jetzt noch völlig leer – wird linker Hand ein Café eingerichtet, das sich abends in eine kleine Bar verwandeln soll; rechter Hand ein Restaurant. Auf der offenen Galerie im oberen Teil des hohen Raumes, über eine Treppe zu erreichen, soll eine „Lounge einladen, die tagsüber auch zum spontanen Arbeiten genutzt werden kann“, sagt Alex Neumann. Das würde eher an ein Wohnzimmer erinnern, so der Plan, „nicht zu modern und eher schlicht, aber eben gemütlich“ mit Sesseln, Pflanzen, Teppich. Natacha Neumann ergänzt, dass niemand auf Holzstühlen aus den 1960er Jahren im Café oder Restaurant sitzen muss. „Wir wollen eine gute Mischung von historischem Stil und modernem Flair.“

Diese Wand dient dem Schallschutz



Foto:
Toni Petraschk

Coworking im Obergeschoss und eine Tanzfläche im Keller

Im Keller stehen Wärmepumpen, dort gibt es neben Funktionsräumen eine 100 Quadratmeter große Tanzfläche und, wichtig: 100 Prozent Schallschutz wegen der Anwohnerschaft ringsum. Der Boden muss noch verlegt werden, alle Leitungen sind neu, und endlich gibt es auch einen Fahrstuhl im Haus.

Im hinteren Bereich des Erdgeschosses gibt es Besprechungsräume für Workshops und Tagungen, im Obergeschoss wird es typische Coworking-Arbeitsplätze geben, die man mieten kann, sagt Natacha Neumann. „Eine perfekte Liaison für Leute, die alleine arbeiten: ein Büro mit Café-Anschluss“, sagt Neumann, „damit man sich vernetzen kann.“ Die Restaurantküche wird mediterran-levantinisch ausgerichtet sein

Natacha und Alexander Neumann auf der Baustelle der historischen Mokka-Milch-Eis-Bar



Foto:
Toni Petraschk

„Mokka Milch“ richtet sich an Selbstständige, Initiativen, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Akteur:innen, die einen zentralen Ort für Zusammenarbeit und öffentliche Debatte suchen. Ideen sind deshalb auch von außen gesucht, „gern einfach melden“, sagt Natacha Neumann.

Den Austausch erleichtern sollen verschiedene Veranstaltungen, das können ein Tanz- oder Malkurse sein, ein Yogakurs oder ein Schachspiel, sagt Natacha Neumann, die mit ihrem Konzept auch der Vereinsamung etwas entgegensetzten möchte: „Einsamkeit ist ein Tabuthema unserer Zeit“, sagt sie. Und Alex Neumann ergänzt: „Wir wollen mit unserem Angebot dem ernsten Thema Einsamkeit etwas Leichtigkeit entgegensetzen, gerade in diesen schwierigen Zeiten.“

Ein bekannter Schlager aus den 1960ern

Das Unternehmerpaar kommt aus der Lebensmittelbranche, wie sie erzählen, sie wollten schon länger ins Gastrogewerbe wechseln und waren in der Stadt und auf Portalen nach geeigneten Lokalitäten auf der Suche. Gar nicht so einfach, wie sich herausstellte. In die Mokka-Milch-Eis-Bar haben sie sich sozusagen sofort verliebt, sagt Natacha Neumann.

Das Betreiberpaar kommt aus Frankreich und dem Rheinland. Mit DDR-Ostalgie haben die beiden also beileibe nichts am Hut

Beide leben seit 15 Jahren in Berlin, wohnen im Prenzlauer Berg, also quasi „um die Ecke“. Sie kommt aus Frankreich, er aus dem Rheinland. Mit DDR-Ostalgie haben die beiden also beileibe nichts am Hut. Aber das war „hier schon damals ein Ort der Innovation und der Begegnung“, sagt Natacha Neumann, „eben etwas Besonderes“ – und „diese Energie“ sei hier immer noch spürbar, sagt sie und erinnert an dieses eine bestimmte Lied: „Das kennen Sie bestimmt!“

Und ob: Ende der 1960er hat Schlagersänger Thomas Natschinski mit seiner Gruppe mit dem Lied „Mokka-Milch-Eisbar“ über die junge Liebe in der Eisdiele einen Riesenhit gelandet, den viele ältere Ostberliner sicher noch mitsingen können. „Das Lied werden wir bestimmt zur Eröffnung im Mai spielen“, sagt Alex Neumann.

Beide hoffen, dass das klappt mit dem Eröffnungstermin Ende Mai, und sind zuversichtlich, dass die letzten Arbeiten dann abgeschlossen sind und auch alle Genehmigungen vorliegen. Fahrradbügel vor der Bar zum Beispiel gibt es bislang überhaupt nicht. „Die sind angefragt beim Bezirk“, sagt Alex Neumann. So wie die Außenbestuhlung – die hat es hier früher natürlich auch gegeben.

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