Meinungen

Die mit wieder mal viel KI und mehr als einer Panne beim ZDF | ABC-Z

Welchen Anhaltspunkt gibt es, dass die Grenzen der traditionellen Filmfinanzierung durch KI weiter verschoben werden?

Den liefert Roger Avary (Oscar-Co-Autor von „Pulp Fiction“, außerdem Regisseur/Autor u. a. von „Killing Zoe“ und „The Rules of Attraction“), ein ziemlich klares Fallbeispiel. Im Podcast „The Joe Rogan Experience“ beschreibt er den klassischen Indie-Weg der Finanzierung als „fast unmöglich“, und setzt dann zur Pointe an. Sobald er das Ganze als Tech-Story dreht, als „technology company“ mit eigenem Tool-„stack“, fliegt ihm Kapital zu und er sei mit drei Filmen „in production“. Seine Firma General Cinema Dynamics, gegründet mit/über Massive AI Studios, ein auf künstliche Intelligenz spezialisiertes Filmstudio, das generative KI für die Entwicklung und Produktion von Spielfilmen nutzt, zielt demnach auf ein Family-Christmas-Movie fürs Holiday-Fenster, einen faith-based Film fürs nächste Osterfenster und ein großes romantisches Kriegsepos. Also ausgerechnet „klassische“ Stoffe, nur mit unklassischem Absender auf der Finanzierungsseite.


Das Spannende ist für mich weniger „KI als Zauberwort im Pitch“ als der Mechanismus dahinter. Es wirkt weniger wie ein Trick, der traditionelle Käufer (Studios/Streamer/Distributoren) plötzlich gnädig stimmt, sondern eher wie ein Rollenwechsel, bei dem den ersten Scheck jemand anders schreibt, weil Tech-/KI-Investoren Film plötzlich als skalierbares Technologie-Vehikel lesen, bevor die Auswertung sich später wieder an den üblichen Gatekeepern abarbeiten muss. Und vielleicht ist genau das nur der Zwischenschritt. Wenn Tool-Sprünge wie ByteDances Seedance 2.0 (dazu gleich mehr) und andere die Produktionslogik weiter beschleunigen, könnten KI-first Studios mittelfristig tatsächlich Produktion, Finanzierung und Distribution stärker vertikalisieren. Weil sie nicht nur billiger herstellen, sondern auch schneller iterieren, lokalisieren und direkt dort ausspielen können, wo die Zielgruppen ohnehin leben. Aber: Rechte, Consent, Regulierung, das wirbelt ständig, zu recht, neu Staub auf. Gelingt es, diese Leitplanken sauber zu klären, verschiebt sich die Macht langfristig vielleicht vom ersten Scheck bis zur echten finalen Vertrags- und Auswertungshoheit bei diesen Studios.


Ja, und was ist das denn nun für eine Aufregung über das KI-Videotool Seedance 2.0?

Fünfzehn Sekunden reichen inzwischen, dass Hollywood in Schockstarre fällt. Im einem scheinbaren Brad Pitt/Tom Cruise-Clip prügeln sich die beiden (natürlich als Deepfake-Likeness) in einer auffallend „echten“ Actionszene auf einem Dach über L.A. Ruairí Robinson, kein Amateur, sondern ein Oscar-nominierter Sci-Fi-Filmemacher, schreibt dazu trocken, das sei ein „2 line prompt“ in Seedance 2.0 (ByteDance) gewesen. Im Clip verhauen sich die beiden nicht nur, viral ging er endgültig, weil Robinson danach eine Dialog-Version nachlegte, in der der Fake-Cruise den Fake-Pitt mit einer expliziten Jeffrey-Epstein-Anspielung provoziert und damit den perfekten „Skandal-Hook“ für Shares lieferte. Die Branche reagiert nicht mit Spott über „AI Slop“, sondern mit einem sehr menschlichen Reflex. Nackte Existenzangst. Drehbuchautor Rhett Reese bringt es auf X in einem Satz auf den Punkt: „I hate to say it. It’s likely over for us.“ Und schiebt später nach: „I’m terrified.“ Seine „glass half empty view“: Hollywood werde „revolutionized/decimated“, gerade weil das Ergebnis so professionell wirke. SAG-AFTRA nennt das „blatant infringement“ inklusive unautorisierter Stimmen und Likenesses, „unacceptable“, ein Angriff auf Consent-Grundsätze und die Fähigkeit, „to earn a livelihood“. Und die Motion Picture Association nennt dies „unauthorized use … on a massive scale.“ CEO Charles Rivkin fordert ByteDance auf, die „infringing activity“ sofort zu beenden.

Disney verschickte am 13. Februar bereits ein „Cease-and-Desist“ (Unterlassungsaufforderung), und ByteDance kündigt (seit 16./17. Februar) an, Sicherheitsrichtlinien zu verschärfen, ohne bisher zu sagen, wie genau. Meine Prognose, Stand Februar 2026: Mehr C&D-Briefe und Klagen, härtere technische Schranken (Likeness/IP-Filter, Upload-Limits, Watermarking/Provenance), plus der unvermeidliche zweite Akt. Der Geist ist wieder einmal aus der Flasche. Es folgen mutmaßlich Lizenzmodelle und Branchenstandards, weil „nur verbieten“ in einem Short-Video-Ökosystem nicht skaliert. Für mich ist das kein „AI Slop“, den man wegwischen kann. Das ist ein zum ersten Mal ein neues Produktions- und Distributionsrisiko in Kinoqualität. Allerdings sind 15 Sekunden eben auch kein Langfilm. Dennoch: Wer jetzt nicht wachsam ist (rechtlich, redaktionell, technologisch), wacht irgendwann in einem Markt auf, in dem er nicht mehr mitspielen kann. Übrigens, die letzten zwei Absätze belegen m.E. , dass es durchaus renommierte Regisseur*innen gibt, die sich KI zunutze machen. Ich kann dies nur jedem Filmemacher dringend raten.


Wo haben KI-Bilder, egal, ob gekennzeichnet oder nicht, wirklich nichts verloren?

In nachrichtlicher Berichterstattung. Im “heute-journal” vom 15. Februar passierte das, was in einer Nachrichtenredaktion eigentlich nicht passieren darf. In einem Beitrag über die Einsätze der U.S. Immigration and Customs Enforcement (ICE) lief ein Sora-Clip, also KI-generiert, als wäre es reales Geschehen. Und als Bonus gab’s noch eine zweite Sequenz, die aus einem ganz anderen Kontext (2022) stammte, aber im Beitrag wie ein aktueller Einsatz wirkte. Der eigentliche Schaden entstand danach. Statt sofort zu sagen „Das war falsch, das war unser Fehler, wir erklären transparent, wie es dazu kommen konnte“, versuchte der ZDF-Apparat das Ganze erst als Kennzeichnungs-Panne zu framen, als hätte ein Etikett „KI“ das Problem gelöst. Hätte es nicht. Und das hat der Sender schließlich selbst eingeräumt: „Eine Kenntlichmachung hätte nicht gereicht.“ Dass ZDF-Nachrichtenchefin Anne Gellinek sich dann im “heute-journal” vom 17. Februar entschuldigt hat, war überfällig. Und in der Sache richtig, weil sie endlich aussprach, was die Zuschauer*innen längst wussten. Dieser Beitrag hätte so nicht gesendet werden dürfen.

Jetzt bleibt nur die entscheidende Frage: Wie konnte das passieren? War es „nur“ ein schwerer, handwerklicher Fehler oder gibt es auch in einer seriösen Nachrichtenredaktion keine harten Mechanismen, die verhindern, dass synthetische Bilder am Ende doch durchrutschen, weil sie „leider perfekt passen“ und die Dramaturgie eines Beitrags stützen? Beides wäre für ein Haus wie das ZDF schlimm. Genau dieses „Wie konnte das passieren und wie verhindern wir das in Zukunft?“ braucht jetzt eine sehr transparente Aufarbeitung. Da müssen alle Medienjournalist*innen dranbleiben. Denn der Vorfall ist Wasser auf die Mühlen all jener, die dem ÖRR ohnehin Tendenz unterstellen. Wer einmal so sichtbar danebenliegt, liefert Spekulationen frei Haus und erweist den vielen seriösen Journalist*innen, die täglich um Verifikation kämpfen, einen Bärendienst. Also, liebes ZDF, macht euch bitte weiter ehrlich. Ihr müsst den sauren Drops weiter lutschen, auch, wenn er nicht schmeckt.


Was, wenn das nächste Schlachtfeld der Streaming Wars nicht der Fernseher, sondern die Hosentasche ist?

Ein typischer Fall von Hollywood-Fomos. Während sich alle jahrelang an „Hours Watched“ berauscht haben, kommt jetzt ein neues Wort: Frequenz. Hernan Lopez, ein argentinisch-amerikanischer Unternehmer, Medienstratege, Philanthrop und Wondery-Mitgründer, bringt es in einem Satz auf den Punkt: Stunden reichen nicht mehr, du brauchst Wiederkehr, und Wiederkehr heißt Mobile, und Mobile heißt Vertical. Der Daumen wird zum Handy-Programmdirektor. Und plötzlich wollen die Großen das, was sie gestern noch als „Snack Content“ belächelt haben. TikTok-Mechanik, aber in Hollywood-Style. Paramount+ soll, so heißt es, „so schnell wie möglich“ mit einer Million Clips geflutet werden, Netflix baut an der vertikalen Entdeckungsschiene, Peacock experimentiert mit Kurzformaten, The Walt Disney Company hat Vertical bereits in ESPN verankert und will das Prinzip auch in Disney+ bringen. Die Streamer spielen plötzlich alle verrückt, so könnte man meinen. Und doch hängt über dem ganzen Clip-Rausch ein Satz wie ein nasser Lappen am Set. Kurzformat ist schwerer zu monetarisieren, vor allem für Werbung, sagt Brandon Katz, ein US-amerikanischer Unterhaltungs- und Medienstratege, es ist aber eben leichter zu konsumieren.

Nicht-Mitspielen ist also scheinbar keine Option. Wer heute keine vertikale Rampe baut, überlässt den Erstkontakt der nächsten Generation komplett TikTok und YouTube Shorts. Nur, wer sie baut, der akzeptiert auch deren Regeln. Tempo, Hook, Loop, Kommentar-Spirale und schlechte Monetarisierung. Die Kritiker, wie Media Universe Cartographer Evan Shapiro, nennen das Vertical-Modell schlicht „dangerous bullshit.“ Wie endet das ganze also? Drei Szenarien: 1) Vertical wird zur Discovery-Rampe, einem Snack-Feed, der dich öfter öffnen lässt, damit du am Ende doch im Longform landest. 2) Das Ganze mutiert zum günstigen Werbe-/Shopping-/UGC-Baukasten und ist somit für Premium-Streamer nicht wirklich interessant. 3) Nach einem kurzen Hochkant-Sommer verschwindet das Feature in der Navigationshölle (Quibi lässt grüßen). Ich tendiere zu Szenario 1. Obwohl ich als User darin für mich keinen Nutzen sehe.

Die Streamer-Mania beschreibt dieser Artikel gut (Paywall)

Und was ist nur auf den ersten Blick ein Friedensvertrag?

Die Meldung klingt wie das feierliche Zuschütten eines Grabens, ist aber wohl eher eine Waffenruhe mit etlichen Fußnoten. Die UEFA, Real Madrid CF und die European Football Clubs (EFC) verkünden ein „Agreement of principles“, das, wenn es umgesetzt wird, die Rechtsstreitigkeiten rund um die berühmt-berüchtigte European Super League beenden soll. Die Prinzipien: Sporting merit (Leistungsprinzip), langfristige Sustainability der Clubs (aka Kohle), Tech-gestützte Fan-Experience (wie immer die aussehen soll). Worum vorher gestritten wurde, war bekanntlich nicht nur ein gekränkter Stolz nach dem Super-League-Debakel 2021, sondern die Grundsatzfrage, wer in Europa Wettbewerbe definieren darf (Monopol vs. Marktöffnung), wer die Regeln setzt (Governance). Und wer am Ende die Milliardenströme verteilt (von Champions League bis Klub-WM). Ist Real-Boss Florentino Pérez nun der große Verlierer? Der, der einlenken mußte? Diese Interpretation hielte ich für verfrüht. Denn wie bei jeder „Prinzipien“-Einigung gilt: Der Teufel steckt nicht in der Vereinbarung, sondern in deren Ausgestaltung. Merit heißt in der Praxis: welche Qualifikationswege bleiben wirklich offen und welche werden durch Setzlisten, Koeffizienten und neue „Schutzgeländer“ de facto zugestellt?


Sustainability kann Finanz-Disziplin bedeuten. Oder ein hübsches Etikett für neue, clubfreundliche Spielräume bei Kosten und Verschuldung. Und Tech/Fan experience ist die weichste Vokabel von allen. Meint das Datenrechte, Direktvertrieb, neue Plattformlogiken, personalisierte Highlights? Oder einfach nur ein Innovations-Feigenblatt, damit alle sagen können: „wir haben verstanden“? Interessant auch, dass A22 Sports Management (die Interessenvereinigung von Clubs wie Real oder Barcelona) das Ganze als „milestone“ framen kann, ohne dass klar wäre, was konkret gebaut wird. Wer jetzt „Frieden auf Jahre“ erwartet, unterschätzt m.E. den europäischen Fußball – und die Gier einzelner Vereine. Solange die Umsetzung unklar bleibt und die großen Konfliktlinien (Kontrolle, Cash, Kalender) weiterlaufen, ist das hier eher ein Schlussstrich mit Bleistift. Und Bleistiftspuren lassen sich bekanntlich jederzeit wegradieren.

Back to top button