Die mit der WM 2030, der Bahn und vielen Hollywood-News | ABC-Z

Will YouTube bei der WM 2030 in den USA womöglich gar nicht nur mitspielen, sondern gleich mitbieten?
Der Hinweis stammt von François Godard, Senior Media Analyst bei Enders Analysis, einem der in Europa meistzitierten Analysehäuser für Medien, Telekommunikation und Plattformstrategien. Seine Spekulation klingt jedenfalls erstaunlich plausibel. Nach dem weltweit gestreamten NFL-Spiel aus Brasilien, nach dem globalen Oscars-Deal ab 2029 und nun den diesjährigen WM-Vereinbarungen mit FIFA wirkt YouTubes Annäherung an den Live-Sport schon wie eine Strategie. Für TikTok mag das vor allem Promotion sein. Für YouTube ist die Nähe zur WM vor allem eines, ein weiterer Beleg für die eigene Erzählung, längst nicht mehr bloß Plattform zu sein, sondern Premium-TV für Zuschauer und Werbekunden.
Noch ist der mögliche Einstieg von YouTube ins Bieterrennen nur ein Gedanke. Aber es ist ein Gedanke, der sich plötzlich nicht mehr größenwahnsinnig anhört. YouTube testet Reichweite, Technik, Vermarktung und Markenwirkung immer näher am klassischen TV-Kerngeschäft. Top-Sportereignisse sind im Werbemarkt nach wie vor die Königsdisziplin des Fernsehens. Wer mit einer Fußball-WM assoziiert wird, gewinnt nicht nur Aufmerksamkeit beim Publikum, sondern vor allem Status bei Werbekunden. Für YouTube zahlt das direkt auf die Erzählung „YouTube is TV“ ein. Die Plattform möchte nicht länger wie digitales Bewegtbild mit anderen Preisniveaus bewertet werden, sondern wie Premium-Fernsehen.
Die Fußball-WM passt ökonomisch besser zu einem werbefinanzierten Modell als zu einem reinen Abo-Modell. Ein Turnier, das nur alle vier Jahre stattfindet, eignet sich weniger gut, um langfristig Abonnenten zu halten. Genau deshalb sind Weltmeisterschaft, Olympia oder EM für werbefinanzierte TV-Logiken besonders attraktiv. In den USA hält für 2026 weiter FOX Sports die englischsprachigen Rechte, Telemundo/NBCUniversal die spanischsprachigen. Gerade deshalb richtet sich der spekulative Blick bereits auf 2030. Für FOX Sports wäre ein Verlust der WM vor allem ein Prestige- und Vermarktungsschaden. Für Telemundo wäre er womöglich noch gravierender, der Verlust eines der stärksten Ereignisse überhaupt im spanischsprachigen US-Fernsehmarkt. Und: Sollte YouTube zum Zug kommen, wäre dies ein weiterer Sieg von Big Tech über Big Media.
Godards LinkedIn-Beitrag lesen Mitglieder hier.
Wie kommuniziert eigentlich aktuell die Deutsche Bahn?
„Boah, Bahn!” war im Oktober 2025 tatsächlich der Werbe-Aufmerksamkeitstrick des Jahres. Anke Engelke als selbstironische Zugchefin Tina, sieben Episoden, millionenfache Klicks, Feuilleton-Jubel (auch ich mochte die Kampagne sehr), sogar eine Sixt-Persiflage als Ritterschlag. Die Kampagne wurde als „gesellschaftlicher Appell zur Verbundenheit” gefeiert.
Fast Forward vier Monate später. Sieben Millionen Euro Produktionskosten werden öffentlich, die Politik empört sich, und die DB erklärt, es werde definitiv keine Fortsetzung geben. Die interessanteste Frage lautet derweil nicht: War die Kampagne zu teuer? War sie zu witzig für einen Staatskonzern, der gerade einen Zugbegleiter verloren hatte? Beides trifft zu. Die eigentlich relevante Frage lautet: Warum muss die Bahn jetzt lieber langweilig als witzig sein? Seit Oktober 2025 krempelt die neue CEO Evelyn Palla die Bahn um. Weniger Führungsebenen, weniger Bürokratie, weniger Ressorts. Dieser Umbau ist nun auch im Marketing angekommen.
Die Nachfolgekampagne „Neu startet heute” setzt auf reduzierte, aber emotionale Bilder von dem, woran die Bahn konkret arbeitet: saubere Züge, gepflegte Bahnhöfe, mehr Sicherheit (Pünktlichkeit wird nicht erwähnt). Kein Promi, kein Format, keine Selbstironie. Stattdessen: „Wir machen Schluss mit Versprechungen aus der Vergangenheit, die nie gehalten wurden.” Der entscheidende Shift geht weit über die Tonalität hinaus. „Boah, Bahn!” war eine Marketingentscheidung. „Neu startet heute” ist eine Managemententscheidung, die im Marketing sichtbar wird. Palla kommuniziert nicht über den Umbau, sie kommuniziert als Umbau. Und zeigt so, je größer der Vertrauensverlust, desto enger müssen Marketing und Unternehmensführung zusammenrücken.
Werbung als verlängerter Arm des Vorstands, nicht als kreativer Freiraum. Nun, das ist nicht unbedingt schöner. Und auch riskanter, denn ab jetzt wird sich die Bahn an ihrer eigenen Kommunikation messen lassen müssen, jeden Tag ein Stückchen besser zu werden. Kommunikationschef Jens-Oliver Voß möchte mit der Kampagne “für begründeten Optimismus bei den Menschen sorgen.“ Ich wünsche der Bahn und damit uns Reisenden viel Erfolg.
Ist KI doch (noch) nicht der große Jobkiller Hollywoods?
Zumindest spricht eine neue Studie des Otis College of Art and Design zunächst gegen diese bequeme Erzählung. Demnach hat Kaliforniens Kreativwirtschaft zwischen 2022 und 2025 zwar rund 114.000 Jobs verloren, was einem Rückgang von 14 Prozent entspricht. Besonders stark traf es laut der Studie die Bereiche Film, Fernsehen und Sound mit einem Minus von knapp 30 Prozent sowie die traditionellen Medien mit fast 34 Prozent. Doch genau dieses Verlustmuster, so die Autoren der Studie, passe eben nicht zu der These, dass generative KI bereits in großem Stil Jobs verdrängt habe. Stattdessen verweisen sie auf sehr viel klassischere Ursachen: den Sparkurs nach dem Peak-TV-Boom, die Umstellung der Streaming-Modelle auf Profitabilität, Fusionen und Restrukturierungen, Auslagerungen ins Ausland sowie die hohen Lebenshaltungskosten in Kalifornien, die gerade niedrigere Einkommensgruppen unter Druck setzen.
KI spielt in dieser Diagnose dennoch eine wichtige Rolle. Nur eben bislang eher als Veränderer von Workflows als als unmittelbarer Stellenvernichter. Die Studie beschreibt, dass KI bereits deutlich beeinflusst, wie kreative Arbeit organisiert wird, welche Produktivität erwartet wird und wo Qualitätsmaßstäbe womöglich unter Druck geraten. Noch ist KI in Hollywood offenbar weniger der Henker ganzer Berufsbilder als ein Beschleuniger für Kostendruck, Tempo und das gefährliche Prinzip „good enough.“ Möglich ist deshalb, dass der eigentliche Stellenabbau erst noch kommt, als schleichende Verkleinerung von Teams, sobald Studios und Dienstleister lernen, mit KI bestimmte Produktionsschritte dauerhaft günstiger abzuwickeln.
Besonders heikel wäre das auf der Junior-Ebene, weil ausgerechnet jene Einstiegsaufgaben wegfallen könnten, über die bislang der Nachwuchs ins System kam und das Handwerk lernte. Die entscheidende Frage ist also nicht nur, ob KI heute schon Jobs ersetzt, sondern ob sie Hollywood in ein Modell drängt, in dem am Ende weniger Menschen schneller mehr liefern sollen. Und das kreative Qualitätsversprechen dabei still erodiert.
Was sagt es über den Zustand eines Marktes, wenn erst seine Marktplätze wackeln und dann auch noch seine Fachmedien verschwinden?
Vergangene Woche ging es hier um die Frage, wie gesund ein Geschäft noch ist, wenn selbst seine Marktplätze nicht mehr selbstverständlich sind (Stichwort: NATPE-Aus). Mit dem Ende von “World Screen”, eines seit vier Jahrzehnten prägenden B2B-Titels für das internationale Fernsehgeschäft, stellt sich nun die nächste, vielleicht noch unangenehmere Frage. Was sagt es über diesen Markt, wenn inzwischen auch noch jene Medien verschwinden, die ihn als Intermediäre über Jahre begleitet, gespiegelt und vermarktet haben? “World Screen” war nicht nur Fachmedium, sondern auch Newsletter-, Showcase- und Werbeplattform für ein globales TV-Ökosystem. Pflichtlektüre bei großen Branchenevents.
Umso bemerkenswerter, wie knapp und abrupt das Ende kommuniziert wurde. In einer kurzen Mitteilung erklärte Publisher Ricardo Guise, “World Screen” werde noch am selben Tag die Publikation einstellen und nur noch offene Rechnungen sowie Rückerstattungen für vorausbezahlte Online-Kampagnen abwickeln. Das klingt nach sofortiger Schließung. Wenn erst die Treffpunkte wackeln und kurz darauf auch noch jene verschwinden, die diese Branche publizistisch und kommerziell zusammenhielten, dann wirkt das zunehmend nicht mehr wie eine Serie unglücklicher Einzelfälle, sondern wie ein Muster. Nicht nur Produzenten, Distributoren und Events stehen unter Druck.
Offenbar gilt das inzwischen auch für die Infrastruktur dazwischen. Die Branche konsolidiert nicht mehr nur ihr Geschäft. Sie konsolidiert längst auch ihre eigenen Zwischenräume. Ihre Märkte, ihre Spiegel, ihre Schaufenster. Und vielleicht sagt somit kaum etwas klarer, wie selektiv, vorsichtig und verdichtet dieses internationale TV-Geschäft geworden ist, als dass inzwischen selbst jene gefährlich leben, die es jahrzehntelang bloß sichtbar gemacht haben. Die genauen Hintergründe der Entscheidung würden mich schon interessieren.
Zur Farewell Note des Publishers geht es hier.
Und was, wenn das smarteste Studio in Hollywood keines mit eigenem Streamer ist?
Sony Pictures Entertainment baut hunderte Stellen ab. Wer CEO Ravi Ahuja glaubt, so ist das kein Krisenreflex, sondern das Aufräumen vor dem nächsten Zug. Die Entlassungen betreffen vorrangig Junior- und mittleres Management aus einer globalen Belegschaft von über 12.000 Menschen. Intern wird der Schritt nicht als kostengetriebene Übung beschrieben, sondern als gezielte strategische Wahl, konzentriert auf Felder, in denen Sony heute tatsächlich einen Vorteil hat. Anime, PlayStation-Adaptionen, Gameshows, plattformnative Inhalte und die Einbindung in das breitere Sony-Konzernökosystem.
Gleichzeitig werden Bereiche ohne Wachstumsperspektive konsequent abgestoßen oder geschlossen, darunter die Visual-Effects-Firma Pixomondo, zu der ich hier letztens schrieb. Was dabei strukturell auffällt, Sony ist das einzige Major, das nie ernsthaft versucht hat, einen eigenen General-Entertainment-Streamer aufzubauen und erklärt das inzwischen zur Stärke. Inhalte, IP und Partnerschaften müssen nicht auf einer eigenen Plattform landen, solange sie stark genug sind, überall Wert zu entfalten.
Disney kämpft mit den Kosten seiner Plattformstrategie, Warner Bros. Discovery und Paramount verhandeln ihre Fusion und hoffen, dass zwei angeschlagene Bilanzen zusammen eine starke ergeben. Sony schaut zu und verkauft so viel es kann an wen auch immer. Das klingt fast altmodisch. Und ist gerade deshalb möglicherweise der modernere Gedanke. Darin liegt Sonys Stärke, aber auch sein strukturelles Risiko. Wer keine Endkundengeschäft kontrolliert, bleibt abhängig von jenen Plattformen, denen er seine besten Stoffe verkauft. Solange Netflix, Amazon und Apple wachsen, ist Sony ihr liebster Zulieferer.
Wenn sie beginnen, diese Abhängigkeit auszureizen, fehlt Sony der Hebel. In einer Branche, die Plattformgröße jahrelang mit Zukunft verwechselt hat, könnte Sonys kontrollierte Bescheidenheit also der klügere Weg sein. Oder die Entscheidung, die man eines Tages bereut, wenn man begreift, wie wertvoll der direkte Draht zum Publikum gewesen wäre. Eine spannende Entwicklung allemal, die ich weiter beobachten werde.





















