Die Gefahren des Klimawandels: Klimaparadies in Kempten? | ABC-Z

Kempten im Allgäu ist nicht nur die südlichste kreisfreie Stadt Deutschlands, sie ist auch der beste Ort, um die nächsten Jahrzehnte Klimakrise auszusitzen. Das verlautbart zumindest der Klima-Risikoindex. Diese Untersuchung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Kooperation mit der Ergo-Versicherung besagt, dass keine andere deutsche Stadt so wenig von den durch die Klimakrise immer häufiger auftretenden Extremwetterereignissen betroffen sein wird.
Im Allgäu traut man dieser Einschätzung nicht so ganz. „Als Stadt haben wir uns natürlich erst mal gefreut, dass wir bei dem Bericht gut abgeschnitten haben“, sagt Thomas Weiß, der Klimaschutzmanager der Kommune. Klimarisiken, mit denen auch Kempten zu kämpfen hat, fallen ihm trotzdem einige ein. „Vergangenes Jahr gab es ziemlich dramatische Überschwemmungen, bei denen ein ganzer Ortsteil abgesoffen ist“, sagt er.
Stürme und Starkregen seien die größten Gefahren. Mit der Hitze käme man hingegen relativ gut zurecht. „Weil wir die Iller als Kühlschrank haben“, sagt Weiß. Der Fluss, der mitten durch die Stadt fließt, bringt kaltes Wasser aus den Alpen und nächtliche Abkühlung.
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Tornados als drittgrößte Gefahr
Seine Beobachtungen decken sich weitgehend mit den Daten des IW-Berichts. Dieser sieht nach Sturm und Starkregen ausgerechnet Tornados als die drittgrößte Gefahr für Kempten. Wobei sich das Wirbelsturmrisiko bis 2050 nicht nennenswert verstärkt. Schon heute soll es bei 4,42 von 10 möglichen Punkten liegen.
Christian Schoch von den Freien Wählern hat im Allgäu noch keinen Tornado erlebt. Vor knapp zwei Wochen gewann der 42-Jährige die Stichwahl zum Kemptener Oberbürgermeister. Auch aufgrund seiner Positionen zum Klimaschutz, wie er selbst meint. „Für mich steht das Thema weniger aus ideologischer, sondern mehr aus existenzieller Sicht auf der Prioritätenliste“, sagt Schoch. Auch er fremdelt ein wenig mit dem Fazit des IW-Berichts: „Wenn Kempten wissenschaftlich die Stadt ist, in der die Klimaauswirkungen am wenigsten spürbar sind, dann können sich die anderen Städte ziemlich warm anziehen.“ Auch in Kempten sei der Klimawandel schon heute deutlich zu spüren. Wetterdaten bestätigen das. Laut dem Deutschen Wetterdienst lag die Durchschnittstemperatur in Kempten im vergangenen Jahr 2,1 Grad über dem historischen Schnitt. Nur an 35 Tagen konnte die Stadt, die auch vom Wintertourismus lebt, zumindest einen Zentimeter Schnee bieten. Vor 30 Jahren war das durchschnittlich dreimal so lang.
Dass diese Entwicklung zu Herausforderungen führen wird, scheint in Kempten schon lange Konsens zu sein. Und das, obwohl über Jahrzehnte die CSU im Rathaus saß, die sonst selten mit Klimaschutzappellen auffällt. „Wir sind hier im Allgäu einfach parteiübergreifend sehr naturverbunden“, erklärt Schoch. Außerdem habe man eine starke „Fridays for Future“-Bewegung in der Stadt, die ihre Forderungen bis in den Stadtrat trage. Für Klimathemen hätten sich meist Mehrheiten zwischen SPD, Grünen und Freien Wählern gefunden. Die CSU habe sich selten quer gestellt.
Bis 2035 möchte die Stadt nun klimaneutral werden. „Das ist natürlich ein hehres Ziel“, sagt Klimaschutzmanager Weiß. Die ganze Kommune arbeite „mit Elan“ an der Umsetzung, dennoch sei er skeptisch, ob man die Zielsetzung erreichen könne. Den neuen Bürgermeister Schoch interessiert das Ziel sowieso wenig: „Mir geht es nicht um Klimaneutralität, sondern darum, aus jeder Maßnahme das Maximum herauszuholen.“ Er wolle Klimaschutz mit „Fingerspitzengefühl“ umsetzen, also ohne die Menschen zu verärgern. Ein generelles Tempolimit von 30 lehne er beispielsweise ab. Er befürchte, die Wirtschaft könne schrumpfen, wenn Menschen aus Frust nicht mehr mit dem Auto in die Stadt fahren.
Zumindest über eine Gefahr müssen sich die Kemptener:innen so bald keine Sorgen machen. Das Sturmflutrisiko prognostiziert das IW auch 2050 auf null. Auf 674 Metern über dem Meeresspiegel sollte das auch erst mal so bleiben.





















