“Die Aussprache” in der Arte-Mediathek: Wie ein Kommentar zum Fall Ulmen-Fernandes – Medien | ABC-Z

Wenn man einmal weiß, wozu Männer fähig sind, wie kann man dann weiter mit ihnen leben? Seit in der vergangenen Woche das mutmaßliche Ausmaß des Falls Fernandes-Ulmen bekannt geworden ist, sticht einen diese Frage einen mehrmals am Tag ins Bewusstsein. Ist es Zufall oder sehr geschickte, schnelle Planung, dass prompt der absolut passende Film in der Arte-Mediathek erscheint? In „Die Aussprache“ wird diese Frage in aller Konsequenz zu Ende gedacht. Wer sich in den sozialen Medien durch genügend Ratlosigkeit, Wut und Stellungnahmen von schockierten Männern geklickt hat und Bedarf nach intellektuell Nahrhafterem hat, möge sich diesen Film ansehen.
Die Kanadierin Sarah Polley hat ihn gedreht. Er war 2022 in den Kinos zu sehen, bekam einen Oscar für das beste adaptierte Drehbuch. „Die Aussprache“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Miriam Toews, der eine wahre Geschichte aus einer Mennoniten-Gemeinde im Bolivien der Nullerjahre aufgreift. Im Film bleibt der Ort vage, die Geschichte universeller. In einer abgeschiedenen religiösen Gemeinschaft wachen die Frauen und Mädchen seit Jahren aus tiefer Bewusstlosigkeit auf – missbraucht, geschwängert, mit sexuell übertragbaren Krankheiten infiziert. Der Pfarrer erzählt ihnen, Dämonen seien schuld, Geister oder einfach ihre wilde, weibliche Vorstellungskraft. Bis zwei Mädchen einen der Täter erwischen. Es ist jemand aus ihrer Gemeinschaft und er benennt die anderen: Väter, Brüder und Söhne.
Wenn Frauen sich ehrlich unterhalten, über das Unaussprechliche, dann kann das die Welt ins Wanken bringen
Die Frauen ziehen sich in einen großen Heuschober zurück und beraten, was nun zu tun ist. Der Pfarrer will, dass sie den Männern vergeben. Tun sie das nicht, müssen sie die Gemeinschaft verlassen. Die irre Anmaßung des Patriarchats erscheint nur auf den ersten Blick altmodisch.
Was folgt, ist eine ausführliche Debatte, durchaus intellektuell und professionell vom Dorfschullehrer (Ben Whishaw) mit Pro-und-Contra-Listen begleitet. Wenn sie gehen, verlieren die Frauen jegliche Sicherheit. Sie können nicht lesen, wissen nichts über die Welt jenseits ihrer Felder. Sie werden die Männer, ihre Väter, Söhne, Partner, von denen sich vielleicht nicht alle schuldig gemacht haben, niemals wiedersehen. Aber wenn sie bleibt, sagt Salome (Claire Foy), deren vierjährige Tochter vergewaltigt wurde, „dann werde ich zur Mörderin“.
:Der Feind im eigenen Bett
In den sozialen Medien tauschen Frauen nach der „Spiegel“-Recherche zu den Vorwürfen von Collien Fernandes ihre Wut über die Geschlechterverhältnisse aus. Zur Bitterkeit und der Frage, wie aus ihr etwas erwachsen könnte.
Was tun, wenn das Vertrauen in einer Gesellschaft aufs Brutalste zerstört worden ist? Wer ist schuld? Der Einzelne oder die Anführer, die Ideologie vom herrschenden Mann und der beherrschten Frau? Wenn es die Ideologie ist: Sind dann nicht alle unschuldig? Wenn sie gehen, sollen sie ihre Söhne mitnehmen? Auch die Teenager? Bis zu welchem Alter ist ein Mann noch zu retten?
Die Frauen, die von Foy, Rooney Mara, Frances McDormand und der frisch gebackenen Oscar-Preisträgerin Jessie Buckley herausragend gespielt werden, besprechen das Bestehende bis in die kleinsten Verästelungen, um sich dem Möglichen nach und nach zu nähern. Der Heuschober ist zu den Feldern hin offen, gibt den Blick frei in die Ferne. Zum ersten Mal fragen sich diese Frauen, denen nicht einmal das Lesen beigebracht wurde, wer sie sein wollen, wie ihr Leben und wie das ihrer Kinder in Zukunft aussehen soll.
„Women talking“ heißt der Film im Original, „Frauen reden“. Man kann das auf zwei Weisen lesen, im Sinne von Geplapper, Tratsch. Hier reden nur Frauen. Und als gesellschaftserschütternden, unerhörten Akt der Revolte. Wenn Frauen sich ehrlich unterhalten, über das Unaussprechliche, dann kann das die Welt ins Wanken bringen.
Die Aussprache, in der Arte-Mediathek.





















