Deutschlands Spielplätze: Es fehlt an innovativen Ideen | ABC-Z

Kinder rutschen, schaukeln, spielen im Sand, bauen Burgen oder versuchen sich am Klettergerüst. Ein vertrautes Spielplatzbild für Eltern mit kleinen Kindern. Eltern sitzen dabei oft am Rand, schauen ihren Sprösslingen zu oder gelangweilt auf ihr Smartphone. Spielplätze sind vor allem in Städten Orte, an denen Eltern einen Großteil ihrer Zeit verbringen. Keine Frage, es gibt heute viele schöne Spielplätze, aber für den Durchschnittsspielplatz in der Stadt gilt leider: Es ist noch Luft nach oben. Selten ist ein Café oder Kiosk in der Nähe, wo man sich einen Kaffee holen kann. Es fehlt an Sonnenschutz im Sommer und an künstlichem Licht im Winter, um nach der Dämmerung noch länger draußen bleiben zu können.
Die meisten Spielplätze bestehen aus Schaukel, Rutsche, Sandkasten und vielleicht noch, wenn man Glück hat, einer Tischtennisplatte. Zudem gibt es meistens keinen Platz, wo auch Kinder mit Beeinträchtigung spielen können; sie werden bei der Planung in der Regel schlicht vergessen. Nur vier Prozent der Spielplätze in Deutschland sind Inklusionsspielplätze. Kinder mit Rollstuhl oder auch Großeltern, die auf einen Rollator angewiesen sind, haben oft keinen Zugang zu einem Spielplatz, weil schon die Wege nicht passierbar sind und in Deutschland Spielplätze meist Sand oder auch Kies als Untergrund haben.
Der Blick in andere Länder zeigt: Es geht anders
Schaut man sich die Spielplätze in anderen Ländern an, so erkennt man sehr schnell viele Unterschiede: In England findet man häufig Kunstrasen, weil Sand wegen möglichen Katzenkots als unhygienisch gilt. In Australien gibt es auch keinen Sand, denn den findet man zur Genüge an den Stränden. In Deutschland gebe es dagegen viel Sand und gerne Spielgeräte aus Holz, wie Erik Böker, Landschaftsplaner und Spielplatzgestalter, berichtet, der schon viele Spielplätze auf der Welt gesehen hat. In den USA werde dagegen Inklusion großgeschrieben, ergänzt der Planer, „dafür machen sich die Veteranenverbände stark“.
Inklusion sei in Deutschland nicht gesetzlich vorgeschrieben und daher nicht bindend. „Das Aussehen und die Gestaltung der Spielplätze sind meist wichtiger als Inklusion“, sagt Böker. Inklusion bedeutet dabei, dass alle Kinder zusammen spielen können. Einfach nur eine Rollstuhlschaukel aufzustellen, sei somit keine Inklusion, da sie wiederum die anderen Kinder ohne Behinderung ausschließe, so der Spielplatzgestalter. Schon bei der Planung müsse man Barrierefreiheit mitdenken, sagt Böker. Dabei sei der Spielplatzbelag enorm wichtig, damit alles befahrbar sei und die Kinder überall hinkämen.
Als Spielplatzplaner müsse man viele Arten von Einschränkungen mitdenken. Beispielsweise hülfen verschiedene Farbumrandungen bei Spielgeräten autistischen Kindern, sich zurechtzufinden. Inklusive Spielgeräte seien für alle Altersgruppen sinnvoll, denn in den unteren Bereichen, die für Kinder mit Rollstuhl gedacht seien, könnten auch kleinere Kinder spielen, und in den oberen Bereichen könnten ältere Kinder klettern, so Böker.
Inklusive Spielplätze in den USA oder auch Israel haben neben einem befahrbaren Belag und Geräten für alle Kinder oft auch ein Sonnensegel oder sogar Flutlicht, weiß Böker. „Vor allem in den USA habe ich da schon tolle Anlagen gesehen.“ Sonnenschutz werde in Deutschland noch zu wenig mitgedacht und sei in vielen Kommunen auch im Budget nicht vorgesehen, sagt er. „Deutschland ist generell recht sparsam, was Spielplätze angeht“, sagt der Gestalter. Dabei könne ein Spielplatz auch zu einem Aushängeschild für ein Viertel und so zu einem Treffpunkt für Familien werden.
Spielplätze sind Treffpunkte für Familien
Genau das planen engagierte Eltern derzeit in einem Stadtteil in Frankfurt. Dort gibt es einen Platz mit wenig Grün, viel Kies, einem Bereich zum Fußballspielen, einem Klettergerüst für ältere Kinder, aber ohne Flutlicht im Winter oder Sonnenschutz im Sommer. Schön ist es dort nicht. „Der Platz ist im Sommer heiß und ungemütlich und im Winter früh am Tag düster“, sagt Jörn Felgendreher, der gemeinsam mit anderen Eltern einen Verein gegründet hat, um den Platz schöner zu gestalten. Der Ortsbeirat und alle Parteien fanden die Idee gut, denn es gibt im Viertel zu wenige Anlaufplätze für Kinder ab zehn Jahren.
Engagierte Eltern haben auf dem Platz Kinder und Eltern befragt, was sie sich wünschen. Der eingereichte Ideenvorschlag wurde nach vier Monaten vom Ortsbeirat verabschiedet. Danach gab es ein Treffen mit dem Grünflächenamt, das für die Spielplätze in Frankfurt zuständig ist, und mit Kinder- und Seniorenbeauftragten. Entschieden sei bereits, dass ein Kinderbasketballkorb aufgestellt werden soll. Natürlich gebe es auch Bedenken, so Felgendreher. Der Ortsbeirat habe Sorge, dass der Platz, wenn er schön gestaltet ist, viele Menschen anzieht und es laut und dreckig werden könnte. Die Beschwerden über Kinderlärm scheinen tatsächlich ein typisch deutsches Problem zu sein, wie auch Böker immer wieder rückgemeldet bekommt.
Für einen Spielplatzplaner wie ihn gibt es unterschiedliche Ebenen bei der Planung. Zum einen sei es der Spielplatz selbst, bei dem es um die Anordnung der Spielgeräte geht. Des Weiteren müssten die Altersgruppen berücksichtigt werden, und zudem gehe es um die Einteilung in ruhige und aktive Bereiche. „Die Sicherheit steht dabei an erster Stelle“, sagt Böker. Es gebe umfangreiche Vorgaben. Allerdings seien Verletzungen, gelegentlich sogar Knochenbrüche, hinzunehmende Risiken, erklärt der Spielplatzbauer. Hundertprozentig sichere Spielplätze wären auch todlangweilig, ergänzt er.
Böker hilft es bei seiner Arbeit, Kinder dabei zu beobachten, wie sie sich auf Spielplätzen bewegen und was ihnen Spaß macht. Ideale Spielplätze seien immer für verschiedene Altersgruppen konzipiert. Ältere Kinder etwa wollten eher abhängen und brauchen deshalb keine Spielgeräte mehr. „Die Ansprüche von Mädchen und Jungen sind etwas anders, wobei es immer auf das individuelle Kind ankommt. Wir sehen das Thema immer aus der Perspektive der ,Kompetenzen‘, welche bei jedem Kind unterschiedlich stark ausgeprägt sind.“ Diese Kompetenzen seien „physisch“, „sozial-emotional“, „kognitiv“ und „kreativ“. Entsprechend werden die Geräte mit unterschiedlichem Fokus entwickelt und vom Spielplatzplaner dann zusammengestellt, um verschiedene Gruppen zu berücksichtigen.
Spielplätze entstanden zur Zeit der Industrialisierung
Wichtige Funktionen, die auf einem Spielplatz berücksichtigt würden, seien grundsätzlich Rutschen, Schwingen, Klettern und Drehen. Auch die soziale Komponente sei wichtig, dass man etwa zu zweit Geräte bespielen kann. Schiffe, Eisenbahnwaggons oder Feuerwehrautos seien Orte, an denen Rollenspiele stattfinden können. Fußballplätze, Basketballkörbe und Tischtennisplatten seien dann eher für Jugendliche und Erwachsene interessant. Nicht zuletzt müssten auch Aufenthaltsbereiche für Eltern bei der Planung mitgedacht werden, so Böker.
„Spielplätze entstanden zur Zeit der Industrialisierung in Industriestädten“, sagt die Schweizer Stadtplanerin Gabriela Burkhalter, die seit Jahren zur Geschichte der Spielplätze forscht und internationale Ausstellungen zu dem Thema konzipiert hat. Die Kinder der unteren Schichten spielten damals vorwiegend auf der Straße, erledigten manchmal kleinere Arbeiten und verdienten damit Geld. Die bürgerliche Schicht versuchte damals, diese Kinder von der Straße zu holen und sie auf Spielplätzen zu betreuen, um ihnen damit eine zivile Erziehung zu geben. Auch Milch wurde ausgeschenkt, und schließlich wurden Geräte zum Spielen gebaut.
In Deutschland kam damals die Idee des Sandkastens auf, damit Kinder draußen aktiv sein können. In den USA waren es eher Stahlrohrgeräte wie Rutschen, Schaukeln und Drehkarusselle, wie man sie auch heute von den Spielplätzen noch kennt.

In den Zwanzigerjahren stießen neue Ideen aus der Architektur dazu, wie Spielskulpturen, eine offenere Gestaltung und abstrakte, von Künstlern gestaltete Spielgeräte. Auch Spiellandschaften mit Sand und Wasser wurden entworfen oder auch individuelle Abenteuerspielplätze, berichtet Burkhalter. Mit der Umweltbewegung in den Siebzigerjahren wurden Spielplätze zu einem aktivistischen Instrument, um die Lebensqualität in Städten aufzuwerten. „Der Stadtraum ist kinderfeindlicher geworden, und Spielplätze waren ein Instrument, dem entgegenzuwirken“, sagt die Stadtplanerin.
Später gab es einen Entwicklungsstillstand, und die Spielplätze wurden wieder langweiliger. Eine Wiederbelebung habe in den 2010er-Jahren stattgefunden, als die Wichtigkeit der Orte wiederentdeckt und mehr ausprobiert wurde, so die Forscherin. Ihr Eindruck sei dennoch, dass 95 Prozent der Spielplätze von ein paar wenigen Spielplatzanbietern abgedeckt würden und es zu wenig Raum für Individualität gebe.
Das Engagement der Eltern in Frankfurt scheint sich auf jeden Fall zu lohnen. Denn neben dem neuen Kinderbasketballkorb wird Anfang des Jahres auch ein inklusiver Fallschutz um die Spielgeräte gelegt, und der Kies wird verschwinden. Auch ist das Aufstellen von Sonnenschirmen beschlossen worden. „Meiner Erfahrung nach freuen sich Ortsbeiräte, wenn Anwohner sich zusammentun und konstruktive Vorschläge machen“, sagt Mitinitiator Felgendreher. Der Elternverein will jetzt Spenden sammeln, um weitere Ideen auch aus eigener Tasche umzusetzen. Dazu gehört der Vorschlag, ein Flutlicht zu installieren, das Kinder über einen Buzzer für 20 Minuten selbst aktivieren können. So könnten Kinder den Platz auch in der dunklen Jahreszeit von Oktober bis März noch bis zum Abend nutzen.





















