Deutsche WM-Bilanz: “Die deutsche Leichtathletik ist nicht tot“ – Sport | ABC-Z

Gina Lückenkemper ist ihrem Motto treu geblieben. Die 28-Jährige hat schon reichlich Erfahrung, also kann man der Sprinterin ruhig Glauben schenken, wenn sie sagt: „Hinten kackt die Ente.“ Vorgetragen hat die schnellste Frau Deutschlands diese knackigen Worte vor den abschließenden Tagen bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Tokio, und als dann am Sonntag das Finale der 4×100 Meter absolviert war, konnte die Schlussläuferin mit Genugtuung nach Hause fliegen: Es hatte schon wieder geklappt, Bronze für Deutschland!
Wie schon vor einem Jahr bei Olympia in Paris spurteten die deutschen Frauen auf Rang drei, diesmal in 41,87 Sekunden. Der Titel ging an die USA in 41,75 Sekunden vor dem Quartett aus Jamaika (41,79). Und so entfaltete sich im Nationalstadion von Tokio plötzlich ein in diesen Tagen ungewohntes Bild: Da standen gleich mehrere Athleten und Athletinnen eingehüllt in deutsche Fahnen und strahlten. Gold für Zehnkämpfer Leo Neugebauer und Bronze für die Frauen-Staffel hübschten die Bilanz im Endspurt für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) noch kräftig auf. Allerdings: Auch das reichte nur zu Rang zwölf im Medaillenspiegel.
Besser als bei Olympia – in manchen Disziplinen ist Deutschland mittlerweile aber überhaupt nicht mehr vertreten
Fünf Medaillen in Tokio bedeuteten fünf Medaillen mehr als in Budapest vor zwei Jahren, erwartungsgemäß gut gelaunt präsentierte sich Sportvorstand Jörg Bügner. Die WM habe gezeigt, dass „das deutsche Team trotz einiger Herausforderungen auf dem richtigen Weg ist“, sagte er, der Auftritt gebe Rückenwind für die nächsten Ziele „auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in LA“. Die Konkurrenz wieder in Sichtweite zu bekommen ist allerdings ein schwieriges Unterfangen, wenn man einmal den Anschluss verloren hat. Es sei klar, so sagte auch Bügner, „dass der Weg zurück in die absolute Weltspitze in manchen Disziplinen noch lang und anspruchsvoll ist“.
Mit drei Silber-Medaillen an den ersten vier Tagen war die WM in Tokio gut angelaufen: Weitspringerin Malaika Mihambo präsentierte sich erneut als zuverlässige Größe, während Amanal Petros im Marathon überraschte und Hammerwerfer Merlin Hummel seine Vorleistungen in dieser Saison bestätigten konnte. Im Kampf mit der Weltspitze gab es dann aber auch Dämpfer zu verkraften. Für Speerwerfer Julian Weber, mit Weltjahresbestleistung angereist, klappte es krankheitsgeschwächt nur mit Rang fünf. Und Yemisi Ogunleye, Deutschlands einzige Olympiasiegerin von Paris im vergangenen Jahr, musste sich diesmal mit Platz sechs begnügen. In ihrem WM-Finale am Samstag hatte sie erlebt, wie schnell sich die Kugelstoß-Welt weiterdreht: Gleich drei Athletinnen übertrafen die 20-Meter-Marke, während sie selbst ihre 19,33 Meter aus dem ersten Versuch nicht mehr überbieten konnte. Immerhin: Ogunleye ist erst 26 Jahre alt. Und das Alter ist ja durchaus ein Thema mit Blick auf die Zukunft.
:Auf den Olympiasieg folgt Platz sechs nach einem „verrückten Jahr“
Kugelstoßerein Yemisi Ogunleye kann ihren Triumph von Paris nicht wiederholen und verfehlt bei der WM das Podium. „Ich muss mich nicht verstecken“, findet sie selbst und berichtet von einem aufregenden Jahr.
Denn Mihambo und Weber haben die 30er-Marke schon überschritten, für die langfristige Zukunft kommt es für den DLV vor allem darauf an, was sich in jüngeren Zielgruppen tut. Und ein paar Hoffnungsschimmer gibt es da schon: Siebenkämpferin Sandrina Sprengel, 21, schaffte es in Tokio mit neuer Bestleistung auf Rang fünf, Hürdenläufer Emil Agyekum, 26, überzeugte genauso wie 1500-Meter-Läufer Robert Farken, 28, mit einem sechsten Platz im Finale. Und Silber-Medaillengewinner Merlin Hummel ist ja auch erst 23 Jahre alt. An die Spitze geführt hat Hummel allerdings nicht ein ermunterndes deutsches Sportsystem, sondern sein Jugendtrainer Martin Ständner. Andere wie Neugebauer, Lückenkemper und Farken profitieren vor allem von ihren Trainingssystemen in den USA und der Mentalität, die sie sich dort aneigneten.
Und dann gibt es noch die Disziplinen, in denen Deutschland bei einer WM mittlerweile gar nicht mehr vertreten ist, Stabhochsprung und Speerwurf bei den Frauen etwa oder Kugelstoßen bei den Männern. „Da können wir noch ein bisschen besser werden. Da müssen wir noch mal ganz unten ansetzen, dass wir junge Menschen begeistern für unsere Sportart“, sagte Jörg Bügner. Ein schwieriges Unterfangen.
Immerhin machte der abschließende Auftritt der Sprinterinnen am Sonntag dann nochmal willkommene Werbung. „Es war eine saugeile Teamleistung“, sagte Gina Lückenkemper, die bereits 2022 in Eugene sowie bei Olympia in Paris Staffelbronze gewonnen hatte. Zusammen mit Sina Mayer, Rebekka Haase und Sophia Junk konnte sie sich im Regen von Tokio gegen die Konkurrenz behaupten, nachdem sie zu Beginn der Weltmeisterschaften ihr großes Ziel vom Einzelfinale über 100 Meter noch verpasst hatte. „Die deutsche Leichtathletik steht weiterhin auf der Bahn. Die deutsche Leichtathletik ist nicht tot“, sagte Lückenkemper schließlich mit Bronze um den Hals. Nach den fünf Medaillen von Tokio konnte man nun feststellen: Der Puls ist noch vorhanden.





















